Um neue Publikumsschichten für die Kunst zu gewinnen, bedarf es offener Formate der Vermittlung. Beim Rundgang durch die Ausstellung „The Senses of Plants“ – „Die Sinne der Pflanzen“ lobte Claudia Roth, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Team der Villa Merkel für das innovative Konzept. „Die Arbeiten sprechen auch Menschen an, die sonst seltener in Museen kommen“, sagte die Grünen-Politikerin bei ihrem Besuch. Das nachhaltige Kunstprojekt hat die Bundeskulturstiftung mit 70. 000 Euro gefördert.
Dass sich die Galerie der Stadt auf den Weg gemacht hat, neue Menschen für Kunst zu begeistern, ist für Esslingens Bürgermeister Hans-Georg Sigel ein richtiger Schritt. Dabei ist für den Baubürgermeister die Öffnung des Kunsthauses im Merkelpark „in die Stadt hinein“ unverzichtbar. Sigel freut sich, dass die Arbeit der Villa Merkel überregional beachtet wird. Das schärfe nicht zuletzt Esslingens touristisches Profil.
Auf Einladung des Grünen-Bundestagsabgeordneten Sebastian Schäfer kam Claudia Roth nach Esslingen. Dass die Ausstellung „The Senses of Plants“ die Betrachterinnen und Betrachter für die Klimakrise und für Nachhaltigkeitsthemen sensibilisiert, freut Claudia Roth. „Das Geld der Bundeskulturstiftung ist gut angelegt“, befand die Kulturstaatsministerin beim Rundgang mit Sebastian Schmitt, der die Städtische Galerie in der ehemaligen Villa des Fabrikanten Oskar Merkel seit 2023 leitet. Die ökologische Transformation in Kultur und Medien hat die Kulturstaatsministerin zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Deshalb hat die Bundesregierung die Förderrichtlinien für die Kultur angepasst. Seit 2020 müssen alle Projekte, Initiativen und Einrichtungen, die vom Bund gefördert werden, „messbare Ziele für die Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit erreichen“.
Brücken zwischen Stadt und Villa
Dass der Kampf um Fördergeld in der Kultur gerade in Zeiten knapper Kassen immer härter geführt wird, beobachtet die Kulturstaatsministerin mit großer Sorge. Mit dem Kurs, den die Villa Merkel in Esslingen eingeschlagen hat, lässt sich aus Roths Sicht die gesellschaftliche Relevanz der Kunst sehr gut begründen. Wenige Gehminuten von der Kunstvilla entfernt haben die Kunstvermittlerinnen Johanna Knoop und Laura Becker am Gärtnerhaus einen „interkulturellen Stadtacker der Vielfalt“ angelegt. Seit einer Woche ist im Merkelpark die Pop-up-Gastronomie des „fuenfbisneun“ wieder in Betrieb. Das Team um Leonard Hell verkauft im Auftrag des Kulturamts kühle Getränke und Pizza. „Das belebt nicht nur den Park“, hat die Esslinger Kulturamtsleiterin Alexa Heyder beobachtet. Viele der Besucherinnen und Besucher schauten dann in der Kunstvilla vorbei. Heyder möchte gerade der älteren Generation oder Menschen mit Migrationshintergrund „die Teilhabe an der Kultur ermöglichen“. Noch stärker als bisher möchte sie Brücken zwischen der Stadt und der Villa Merkel schlagen.
Für den Grünen-Stadtrat Jörg Freitag ist es besonders wichtig, Kinder für die Kultur zu interessieren, denn das gehört für ihn zum Bildungsauftrag. Mit dem „Kulturrucksack“ öffnet die Stadt Esslingen hier aus seiner Sicht Horizonte. Das Angebot des Kulturamts in Kooperation mit den Museen, der Esslinger Landesbühne und anderen Einrichtungen öffnet Schülerinnen und Schülern niederschwellig den Zugang zur Kultur.
Reagieren Pflanzen auf Musik?
Um mehr Diversität im Kunst- und Kulturbetrieb zu erreichen, findet es Claudia Roth wichtig, dass sich die multikulturelle Gesellschaft auch in der Konzeption der Ausstellungen spiegelt. Künstlerinnen und Künstler aus anderen Kulturen bringen da aus ihrer Sicht neue Impulse und öffnen Horizonte. Fasziniert war die Staatsministerin von der Video-Installation „Beyond Human Perception“, die im Lichthof der Jugendstil-Villa zu sehen ist. In drei kleinen, eingefassten Gärten haben die Künstler Maria Castellanos und Alberto Valverde die Reaktionen der Grünpflanzen wie auch der Menschen auf musikalische Reize gemessen – und dazu ein Messverfahren ausgetüftelt. So erforscht das Duo mit künstlerischen Mitteln die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. Augenzwinkernd erinnerte Claudia Roth an den britischen König Charles III. „Früher haben ihn viele ausgelacht, weil er mit Bäumen sprach.“ Heute sei sein Einsatz für Nachhaltigkeit international anerkannt.

