Angst. Überforderung. Und ganz viel Ungewissheit. Das sind Gefühle, die Jugendliche in ganz Deutschland seit einiger Zeit beschäftigen. Die Rede ist dabei nicht von Prüfungsangst oder der offenen Frage, welcher Beruf es nach der Schule werden soll – vielmehr geht es um die Angst davor, einen anderen Menschen töten zu müssen. Julian Fink (17) geht auf das Kirchheimer Schlossgymnasium: „Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, hinter einer Waffe zu stehen.“ Allein den Gedanken daran findet er sehr befremdlich. Die 17-jährige Hana Kryeziu hingegen macht sich große Sorgen um ihren Bruder. „Ich habe Angst, dass ihm was passieren könnte und davor, dass er seine Träume nicht erfüllen kann.“
Frauen können wählen
Ändern können sie an diesen Gefühlen erst mal nichts: Julian ist 2008 geboren und ist deshalb von der geplanten Pflicht zur Musterung betroffen. Bizarr. Findet er. Den Fragebogen zur Eignung sollen ab Anfang 2026 alle 18-jährigen Männer und Frauen erhalten. Während ihn das sogenannte starke Geschlecht ausfüllen muss, steht es den jungen Frauen frei. Auch die Musterung soll für sie nicht verpflichtend sein. Die 17-jährige Elise Bofinger ist froh darüber. Das sehen auch die drei Mitschülerinnen Sofia Razzino (15), Hana Kryeziu (17) und Ornelle Barone (15) so. Aus der fünfköpfigen Runde am Kirchheimer Schlossgymnasium hat Julian Fink (17) als einziger junger Mann das Nachsehen.
Sofia Razzino findet es nicht richtig, dass sie als junge Frau nicht zur Musterung muss. „Wenn wir Gleichberechtigung wollen, ist es unfair, dass die Frauen nicht hinmüssen.“ Dennoch würde sie nicht tauschen wollen. Da stimmen ihr die anderen zu – auch Julian, der gerne das gleiche Privileg hätte. Der 17-Jährige hat schon nach Möglichkeiten, den Dienst zu umgehen, gegoogelt. Für ihn steht fest: „Ich würde auf jeden Fall verweigern.“ Wenn er stattdessen eine Alternative leisten müsste, wäre das für ihn „schon okay“. Dennoch fragt er sich, was wohl passieren wird, wenn alle verweigern sollten.

Der Verbindungslehrer Robin Scherzinger erzählt den Jugendlichen, dass auch er seinerzeit zur Musterung musste. Dabei hätte es aber einen Unterschied gegeben: „Damals gab es Strukturen und es war sehr einfach, zu verweigern.“ In seiner Schulklasse sei damals ein Schreiben rumgegangen mit dem Hinweis: „Das füllst du dann halt aus, wenn du bei der Musterung warst.“ Die Verweigerung sei sofort und ohne Komplikationen akzeptiert worden. Der Lehrer ist sich sicher: Damals hätte es mehr Gewissheit gegeben. So konnte Robin Scherzinger sein FSJ völlig problemlos im Kindergarten absolvieren. Heute sei die Situation eine andere: „Wir haben einen Krieg in Europa, vielleicht brauchen wir die Truppen in naher Zukunft.“ Deshalb befürchtet er, dass die Ängste bei den Jugendlichen heute viel größer sind. Die Verbindungslehrerin Jasmin Tropper stellt betroffen fest: „Es nicht schön zu sehen, dass es bei den Jugendlichen diese Ängste gibt.“ Die Ungewissheit, steigere die Angst.
Die Wehrpflicht ist ein Thema, das alle Schülerinnen und Schülern am Schlossgymnasium beschäftigt. Die große Mehrheit würde sich negativ dazu äußern, nur vereinzelnd würde ein positiver Aspekt genannt. Auch der Tod sei ein Thema, das es in die Klassenräume schaffe. Bei den Gesprächen gehe es nicht darum, selbst zu sterben, vielmehr werde über den inneren Konflikt – niemanden töten zu wollen – gesprochen.
Musterung statt Kulturpass
Eines wird deutlich: Die Jugendlichen sind überrumpelt. „Vor einem Jahr hätte das noch keiner erwartet“, sagt Julian Fink. Er findet es sehr beunruhigend, dass Krieg jetzt wieder ein viel größeres Thema sei als noch vor einigen Jahren. Trotz des Ukrainekriegs sei für ihn die ganze Thematik recht fern gewesen. Vor allem, wenn man bedenke, dass die Jugendlichen vor ihnen noch einen Kulturpass im Wert von 100 Euro bekommen hätten und sein Jahrgang stattdessen zur Musterung müsse. Die Entwicklungen bringen ihn aber dazu, sich mehr in das politische Geschehen einbringen zu wollen – damit seine Stimme gehört wird.
Eine Anleitung für die Verweigerung
Klaus Pfisterer, der Landesvorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft Baden-Württemberg, hat viele Jahre im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim Beratungen zur Kriegsdienstverweigerung durchgeführt. Pfisterer erklärt: Örtliche Beratungsstellen gebe es keine, weil die ganzen Beratungsstrukturen durch die Aussetzung der Wehrpflicht nicht mehr nötig gewesen seien. Die Anfragen, die sie bekommen, werden nun auf die einzelnen Mitarbeiter verteilt, die die Beratungen über die Antragsunterlagen und den Verfahrensablauf per E-Mail, Telefon oder Zoom-Call durchführen. Zu den notwendigen Unterlagen für die Verweigerung gehöre ein sogenannter KDV-Antrag, ein tabellarischer Lebenslauf und eine ausführliche schriftliche Begründung, die 1,5 bis zwei Seiten umfassen solle. Dort müssten die persönlichen Beweggründe des Antragstellers für die Verweigerung aufgezeigt werden. Die Zahl der Anfragen sei bereits stark gestiegen: „Wir hatten am Anfang des Jahres in Baden-Württemberg zehn bis 20 Anfragen pro Monat, in der Zwischenzeit sind es 100.“ Unter www.dfg-vk.de gibt es Informationen zur Kriegsdienstverweigerung.

