Ehrenamt
Nach emotionalem Rücktritt geht der Blick nach vorn

Aus Gesundheitsgründen ist Dr. Hansjörg Egerer als stellvertretender Bürgermeister in Weilheim zurückgetreten. Dem Gemeinderat bleibt er erhalten.

Hansjörg Egerer trägt nicht umsonst dieses T-Shirt: Autos sind seine große Leidenschaft. Er besitzt einen 750er BMW Baujahr 1990 und einen 68er Chevrolet Impala. Ehefrau Astrid, mit der er vier Kinder hat, unterstützt ihn, wo es geht.  Foto: Carsten Riedl

Als Stadtrat und FWV-Mitglied Dr. Hansjörg Egerer das Wort ergreift, wird es still im Weilheimer Ratssaal. Er ist nicht irgendjemand im Städtle: Der bekannte Weilheimer Apotheker ist länger Mitglied im Gemeinderat, als Bürgermeister Johannes Züfle im Amt ist, und in der laufenden Periode ist er ers­ter stellvertretender Bürgermeister. Dass ihm dieses Amt eine Herzensangelegenheit war, wissen die meisten der Anwesenden.

Es macht mir Spaß, auf diesem Weg Gutes für Weilheim und seine Bevölkerung zu erreichen.

Hansjörg Egerer über seine Motivation

Umso mehr ist auch den meisten klar: Es ist kein freiwilliger Abschied. Sein Rückzug hat einen triftigen Grund, nämlich seine Gesundheit.

„Es gibt für die Krankheit noch keine schulmedizinische Diagnose“, sagt Hansjörg Egerer im Gespräch mit dem Teckboten. „Seit zweieinhalb Jahren leide ich unter einer Muskelschwäche“, fügt er hinzu. Die habe sich erst unauffällig bemerkbar gemacht. „Ich bin mit dem rechten Fuß immer häufiger beim Gehen hängen geblieben, aber nur leicht mit der Fußspitze.“ Sonst habe er in der ersten Zeit keine weiteren Einschränkungen gehabt. Die sind dann im vergangenen halben Jahr umso stärker aufgetreten. Betroffen sind mittlerweile der Oberkörper, die Arme und Beine. „„Das hat sich ganz langsam in den Körper hineingeschlichen. Auch die Stimme ist in Mitleidenschaft gezogen“, sagt er. Deswegen fiel ihm die Abschiedsrede umso schwerer, zumal er auch sichtbar mit den Emotionen zu kämpfen hätte. 

Die ehrenamtliche Arbeit für die Gemeinde ist ihm eine Herzensangelegenheit. Seit 2009 sitzt der bald 63-jährige im Gemeinderat. „Züfle war im Frühjahr gekommen, danach fanden die Kommunalwahl statt“, erzählt er. „Freiwillige Aufgaben machen das Leben lebenswert“, sagt Egerer. Ihm sei es stets eine Ehre gewesen, im Gemeinderat etwas zu bewegen. Das will er auch weiterhin, aber als erster stellvertretender Bürgermeister repräsentierte er die Gemeinde auch bei Geburtstagen oder Jubiläen, wenn der Rathauschef andere Termine oder Urlaub hatte. Das sei jetzt nicht mehr möglich. „Dem Körper fehlt Energie“, sagt der Pharmazeut. Mit Infusionen und Höhentraining arbeitet er derzeit daran, seinen Zustand zu stabilisieren.

 

Gelebte Demokratie

Das Gespräch findet im Büro seiner Adler Apotheke am Weilheimer Marktplatz statt. Viel lieber würde er vorne hinter dem Verkaufstresen stehen und mit den Menschen reden und von ihnen direkt erfahren, wo der Schuh drückt. Das hat seine Arbeit immer ausgezeichnet: In Zeiten wie im Jahr 2016, als über die neue Grundschulhalle heiß diskutiert wurde, ob sie eine Veranstaltungshalle oder eine Sporthalle werden sollte, und es dazu ein Bürgerbegehren gab. Da wurde er auch mal in der Apotheke von einem Kunden beschimpft. Für Egerer war das kein größeres Problem und gehört zur gelebten Demokratie: „Das gehört dazu, das muss man aushalten.“

Du bist immer der Vermittler gewesen, wenn es mal nicht so rund lief.

Jesse Burgmann in seiner Dankesrede für Hansjörg Egerer

Doch am Verkaufstresen zu stehen, das lässt die Krankheit nicht mehr zu. Mit Unterstützung seiner Frau Astrid lenkt er weiter die Geschickte der Apotheke und ihrer zwölf Mitarbeitenden. „Ich bin ihr sehr dankbar, sie übernimmt sehr viel“, sagt er.

Was ihm aber wichtig ist: „Vom Kopf her habe ich keine Einschränkungen.“ Deshalb werde er dem Gremium auch mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Es macht mir Spaß, auf diesem Weg Gutes für Weilheim und seine Bevölkerung zu erreichen.“ Für manche Probleme hat ihm seine Krankheit die Augen geöffnet, etwa für das Thema Barrierefreiheit. „Wir brauchen ein neues Pflaster im Städtle, insbesondere in der Rathausgasse, Kirchgasse, Amtsgasse oder in der Marktstraße.“ Das alte Pflaster habe für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu viele Stolperfallen.

Sein zweites großes Anliegen: „Es werden gerade in Zeiten knapper Kassen zu viele freiwillige Ausgaben der Städte und Gemeinden gestrichen. Das erinnert mich an 2011, als wird den Zuschuss für die Turmbläser am Rathaus gestrichen haben, die jeden Sonntag viermal gespielt haben. Dadurch ist die Tradition gestorben, und das tut mir heute noch weh. Es ging vielleicht um 100 Euro pro Sonntag.“

Es gibt genügend Themen, für die er sich im Gemeinderat auch künftig einsetzen will. Und das, was sein Nachfolger als stellvertretender Bürgermeister, FWV-Kollege Jesse Burgmann, über ihn sagt, kann man auch in das Präsens setzen. „Du warst – in meinen Augen – das ruhige, sachliche Gewissen im Trubel mancher Sitzungen, der Vermittler, wenn es mal nicht so rund lief und der ein Schmunzeln im Gesicht hatte, wenn wir alle uns mal wieder ein bisschen zu ernst genommen haben.“