Versorgung
Owen zeigt sich immun gegen das Ärztemangel-Virus

Allgemeinmediziner werden fast überall händeringend gesucht. In Owen ging die Praxisübergabe fast lautlos über die Bühne – nach zweijähriger Vorbereitungszeit.

Gruppenbild mit Damen: Dr. Denise Blankenhorn (links) übernimmt die Hausarztpraxis von Dr. Bärbel Gärtner (ganz rechts) in Owen.
Gruppenbild mit Damen: Dr. Denise Blankenhorn (links) übernimmt die Hausarztpraxis von Dr. Bärbel Gärtner (ganz rechts) in Owen. Bürgermeisterin Verena Grötzinger (mit Blumenstrauß) freut sich mit dem Praxisteam über den nahtlosen Wechsel.  Foto: Carsten Riedl

Landkreise legen Hilfsprogramme auf, in Rathäusern sind Fantasie und Unterstützung gefragt – wo immer eine Hausärztin oder ein Hausarzt sich zur Ruhe setzt, stellt sich die bange Frage nach der Nachfolge. Mehr als 60 Hausarztsitze im Kreis Esslingen waren im Juli 2025 unbesetzt. Dabei gilt die Versorgungslage nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung hier noch als vergleichsweise gut. Wie lange das noch so sein wird? Fraglich. Etwa ein Drittel der Hausärzte im Kreis sind inzwischen 60 Jahre oder älter.

In Owen ist dieses Problem seit wenigen Wochen keines mehr. Im Teckstädtchen kümmert sich Dr. Bärbel Gärtner seit Juli 2015 um die kleinen und großen gesundheitlichen Probleme der Owener Bevölkerung. Jetzt ist für sie mit 64 Jahren Schluss und die Nachfolgerin steht schon bereit. Owen ist Stadt – und doch nur ein Dorf: Die Kommune hat rund 3500 Bewohner und seit vielen Jahren keine Apotheke mehr. Ein Leben als Arzt oder Ärztin einer Landgemeinde – für viele Jungmediziner kaum mehr vorstellbar.

Alle hier sind einfach froh, dass es weitergeht.

Owens neue Hausärztin, Dr. Denise Blankenhorn, nimmt Dankbarkeit im Team und bei Patienten wahr.

 

Dr. Denise Blankenhorn tickt anscheinend anders. Der 43-jährigen Medizinerin ist Dorfalltag nicht fremd. Sie ist in Hochwang aufgewachsen, hat ein Jahrzehnt Klinikerfahrung und ein Auslandsjahr in der Schweiz hinter sich. Zuletzt war sie fünf Jahre lang als Angestellte in einer Hausarztpraxis in Weilheim tätig. Familie und Krankenhausalltag, sagt die zweifache Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, sei schwer vereinbar.

Irgendwann war der Kinderwunsch da und damit die Zeit gekommen für einen beruflichen Kurswechsel. Nicht ausschließlich wegen der passenderen Rahmenbedingungen, sondern auch aus Überzeugung. Der Beruf der Landärztin, sagt sie, sei ihr ein lange gehegter Herzenswunsch gewesen. Der Gang in die Selbstständigkeit trotz aller damit verbundener Risiken ein konsequenter Schritt. Der tägliche Kontakt mit Patien­ten – wovor nicht wenige Jungmediziner zurückschrecken, ist für sie Ansporn: „Für mich steht in meinem Beruf immer der Mensch im Vordergrund“, betont die neue Hausärztin. In Owen nimmt sie vor allem Dankbarkeit wahr. Die Wertschätzung auf dem Land, so ihre Überzeugung, sei größer als im Ballungsraum. „Alle hier sind einfach froh, dass es weitergeht.“

Dafür wurden früh die Weichen gestellt. Als klar war, dass ihre Vorgängerin mit dem Berufsausstieg liebäugelt, war das eine Chance. Beide kennen sich aus gemeinsamer Zeit im Kirchheimer Krankenhaus. Vor zwei Jahren dann wurde erstmals offen über das Thema gesprochen. Ein Glücksfall, nicht nur für Patientinnen und Patienten in Owen, sondern auch für die Stadt. „Dass sich jemand so frühzeitig um die Nachfolge kümmert, ist nicht die Regel“, meint Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger, die schon die zweite Praxisübergabe während ihrer Amtszeit begleitet. Die Verwaltung habe im Rahmen der Möglichkeiten ihren Beitrag geleistet, wie sie betont. Das Gebäude mit Praxisräumen ist Eigentum der Stadt. Seit wenigen Wochen ist der Mietvertrag unterzeichnet. „Ich denke, wir haben als Kommune damit gute Startvoraussetzungen geschaffen“, sagt Grötzinger.

Auch Bärbel Gärtner ist sichtlich erleichtert. „Wir sind hier ein tolles Team“, sagt die seitherige Ärztin mit Blick auf ihre Mitarbeiterinnen, die den Wechsel nun begleiten. „Wenn sich niemand für eine Nachfolge gefunden hätte, wäre das alles auseinandergebrochen.“

Sanfter Übergang geplant

Seit Wochen läuft die Übergabe. Am 23. Dezember hat Bärbel Gärtner offiziell ihren letzten Arbeitstag – und doch wieder nicht: Wenn die Praxis im neuen Jahr unter neuem Namen öffnet, wird ihr Gesicht nicht ganz verschwunden sein. An zwei Nachmittagen die Woche will sie vorerst noch ihre Nachfolgerin unterstützen, so die Abmachung. Was neu sein wird: Der Zugang zur Sprechstunde soll einfacher werden. Termine lassen sich künftig auch online buchen und erster Ansprechpartner wird künftig ein KI-gestützter Telefon-Assistent sein.

Was sich nicht ändern wird: Bürgerservice in Owen bleibt ausschließlich weiblich. In der Stadtverwaltung sowieso, aber auch weiterhin in der medizinischen Versorgung. Da passt es gut, dass in der Teckstraße 13 künftig ein neues Namensschild hängen wird: „Sibyllen-Praxis“ wird da stehen, benannt nach Sibylle von der Teck. Owens bekannteste Sagengestalt – natürlich: eine Frau.

 

Der weite Weg zur eigenen Praxis

Hausärztinnen und Hausärzte, die ihre Praxis aufgeben, können nicht einfach einen Nachfolger bestimmen. Die Nachfolge regelt ein langwieriges Verfahren, das bis zu einem Jahr und länger dauern kann.
In Gegenden, die noch nicht als unterversorgt gelten, wie im Raum Kirchheim, geht das nur über ein Nachbesetzungsverfahren. Dabei muss der Praxisinhaber beim Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen einen Antrag stellen. Anschließend wird der Sitz ausgeschrieben.
Mögliche Nachfolger müssen sich für den Praxissitz bewerben, danach einen Antrag stellen und werden anschließend zu einem Sitzungstermin vor dem Zulassungsausschuss eingeladen. Der prüft, ob eine Nachbesetzung für die Versorgung erforderlich ist. Danach wird der Sitz ausgeschrieben. Nach Ablauf der Bewerbungsfrist entscheidet der Zulassungsausschuss über einen Nachfolger.
Gibt es mehrere Bewerber, entscheiden Alter, Dauer der ärztlichen Tätigkeit oder wie lange jemand bereits auf einer möglichen Warteliste steht. Ist eine Entscheidung gefallen, schließen Praxisinhaber und Nachfolger einen Kaufvertrag ab. bk