Das Handy beiseitegelegt, dicke Socken hochgezogen, Boots geschnürt, Mütze auf und den Herbst von seiner schönsten Seite erleben: beim Pilzesammeln. Mit dem Sammelfieber hat sich Hans-Jörg Schmid aus Owen längst infiziert. Ob es vor 30 oder 40 Jahren war, als er seine Streifzüge rund um Owen und das Tiefenbachtal begonnen hat, kann er nicht mehr sagen. Nur so viel: „Es ist jedes Mal wie eine regelrechte Schatzsuche.“ Die Ahnung, die Erfahrung und die Strategie würden den Reiz ausmachen: Wenn er die Pilze genau dort finde, wo er sie vermutet habe, löse das ein absolutes Hochgefühl aus. Sein siebter Sinn in Sachen Pilze zeichne sich auch dann ab, wenn er mit Freunden losziehe – so sei sein Korb meist der vollste.
Das höchste Glück der Sammler
Und obwohl der Pilzexperte jeden Fund zu schätzen weiß, macht sein Herz bei einem ganz speziellen Pilz einen Freudensprung: beim Hexenröhrling. Das Besondere an dieser Sorte sei nicht nur die blaue Verfärbung, die er annimmt, wenn er angeschnitten wird, sondern sein Geschmack. „Beim Anbraten in der Pfanne, bleibt er bissfest und verliert seine Masse nicht.“ Steinpilze hingegen würden schnell etwas „schlonzig“ werden, erklärt der Schwabe. Mit einem Irrglauben möchte er aber gleich aufräumen: Pilze gehören nicht nur im Herbst auf den Teller.
Im April hat Hans-Jörg Schmid bereits die Spitzmorchel gefunden. Ende Mai hat er sich über seinen Lieblingspilz gefreut und Ende Juni über einzelne Steinpilze. Im Juli ist er auf die Krause Glucke gestoßen. Das dürfte den einen oder anderen Pilzkenner aufhorchen lassen. Denn: „Die Krause Glucke ist des Sammlers höchstes Glück“, verrät Schmid. Sie wachse an Kiefernstemmen, schmecke ausgezeichnet und sei eine absolute Rarität. Die Preise auf dem Markt seien entsprechend hoch. Im Juni habe er bereits erste Lungen-Seitlinge und Steinpilze gefunden und in den vergangenen zwei bis drei Wochen Pfifferlinge. Dennoch muss der Owener sagen: „Wir haben ein schlechtes Pilzjahr.“ Wenn es geregnet habe, dann zur falschen Zeit, sodass in diesem Jahr die übliche Vielfalt einfach nicht gegeben sei.


Die Angst, einen giftigen oder unbekömmlichen Pilz zu essen, hat Hans-Jörg Schmid nicht im Geringsten. Er betont aber: „Wenn man sich bei einem Pilz nicht sicher ist, dann lässt man ihn stehen.“ Er selbst kann sich auf seine langjährige Erfahrung verlassen. Darauf ruhe sich der Pilzfan aber nicht aus, sondern bilde sich ständig fort. So gewissenhaft seien nicht alle. Er erinnert sich an eine Begegnung, die er vor ein paar Jahren mit einem jungen Pärchen hatte. Als ihm die beiden im Wald mit ihrem Sammelkorb entgegengekommen sind, entdeckte er Pilze, deren Verzehr einen Krankenhausaufenthalt nach sich gezogen hätten. Er hat sie kurzerhand angesprochen und gesagt: „So, das machen wir jetzt anders. Ich lauf’ mit euch ein Stückchen mit und zeige euch, welche Pilze man sammeln kann.“ Vor einem möchte der Owener noch warnen: vor Apps zur Pilzbestimmung. Ganz zuverlässig seien sie nicht, ein gutes Buch sei besser geeignet, um sich fortzubilden. Im Zweifelsfall rät er immer dazu, zum Experten zu gehen und das Sammelgut zu zeigen.
Experte aus Ebersbach
Eben solch ein Experte ist Volker Draxler aus Ebersbach. Als Pilzsachverständiger und Mitglied des Vereins Pilzfreunde Stuttgart steht er Interessierten seit vielen Jahren auf dem Wochenmarkt in Ebersbach mit Rat und Tat zur Seite. „Meine Frau und ich sammeln selbst Pilze und legen sie an unserem Stand aus“, sagt Draxler. Dabei sei der Schwerpunkt klar gesetzt: So wollen sie in erster Linie ein Bewusstsein für giftige und ungenießbare Pilze schaffen und unerfahrene Sammler sensibilisieren. Der Grüne Knollenblätterpilz sei ein sogenannter tödlich giftiger Pilz, bei dem bereits der Verzehr von rund 40 bis 50 Gramm den Tod zur Folge habe, sagt Volker Draxler. Der Pilz könne mit allen möglichen Arten verwechselt werden, unter anderem mit Champignons. Weit häufiger würden jedoch verdorbene, alte Pilze zu Vergiftungen führen. Pilzneulinge sollten sich deshalb zunächst auf ein paar einzelne Arten beschränken, bei denen keine tödlichen Pilze dabei seien – wie etwa die Röhrlinge.

Eine Korbkontrolle bietet Volker Draxler regelmäßig auf dem Wochenmarkt in Ebersbach an. Apps, die Pilze erkennen, steht er ähnlich wie Hans-Jörg Schmid kritisch gegenüber – zuverlässig seinen diese nicht immer. Neulingen empfiehlt er, eine Pilzschule zu besuchen oder Mitglied bei den Pilzfreunden Stuttgart zu werden. Dort gebe es Pilzführungen, Vorträge und einen Arbeitskreis, der sich intensiv mit Pilzen beschäftige. Zudem stellt die DGfM eine Liste mit Pilzsachverständigen unter dgfm-ev.de/service/pilzsachverstaendige zur Verfügung.

