Bürgermeisterwahl
Positive Stimmung nach kurioser Wahl

Siegfried Nägele wurde bei der Bissinger Bürgermeisterwahl – ohne zu kandidieren – im ersten Wahlgang gewählt. In Baden-Württemberg ist das eine Premiere. Im Ort ist die Stimmung positiv. 

Mit großer Spannung wurde das Wahlergebnis von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern in der Bissinger Gemeindehalle erwartet. Für den deutlichen Sieg von Siegfried Nägele, der gar nicht kandidiert hatte, aber direkt die absolute Mehrheit erzielte, gab es viel Applaus.  Fotos: Michael Tilp

Am Tag nach der Bissinger Bürgermeisterwahl wird deutlich, wie besonders das Wahlergebnis ist: Gemeinderat Siegfried Nägele hatte direkt im ersten Wahlgang mit 50,50 Prozent die absolute Mehrheit erzielt, ohne auf dem Stimmzettel zu stehen. Eine Nachfrage beim Gemeindetag von Baden-Württemberg zeigt: Das gab es in der Variante noch nie im Land. Dessen Sprecher Christopher Heck erklärt, vergleichbar sei nur die Bürgermeisterwahl
 

Dass es direkt im ersten Wahlgang reicht, hätte ich nicht erwartet. 

Ernst Schmid, Vorsitzender Oldtimerfreunde Ochsenwang 

 

in Albstadt im Jahr 2015, als mit Klaus Konzelmann statt der beiden Kandidaten ebenfalls ein neuer Bürgermeister gewählt wurde, der nicht auf dem Stimmzettel stand. In seinem Fall stand das Ergebnis allerdings erst nach dem zweiten Wahlgang endgültig fest. Klaus Konzelmann trat sein Amt am 1. Juni 2015 an. „Ein weiterer Fall ist dem Gemeindetag von Baden-Württemberg nicht bekannt“, sagt Christopher Heck. 

Erleichtert und zugleich auch überrascht angesichts des sehr deutlichen Wahlausgangs zeigen sich am Tag danach Vertreterinnen und Vertreter von örtlichen Vereinen. Ernst Schmid, Vorsitzender der Oldtimerfreunde Ochsenwang sagt: „Ich hab’s gehofft, dass er (Siegfried Nägele) die Mehrheit bekommt. Dass es direkt im ersten Wahlgang reicht, hätte ich aber nicht erwartet. Ich bin wirklich erleichtert.“ Das nehme er auch ansonsten in der Bürgerschaft so wahr, so Schmid. Das Wahlergebnis werde sehr positiv aufgenommen. Nach der Kandidatenvorstellung am 2. Oktober habe es eine große Unsicherheit in der Bevölkerung gegeben, „viele waren mit den beiden Kandidaten nicht so richtig glücklich. Das hat nichts mit ihnen persönlich zu tun, sondern mit deren fehlender Qualifikation und Erfahrung für den Posten des Rathauschefs“, schildert Ernst Schmid die Stimmungslage seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger in den vergangenen Wochen. Nägele sei sowohl in Bissingen als auch in Ochsenwang bekannt und beliebt und bringe angesichts seiner langjährigen Gemeinderatszugehörigkeit von 35 Jahren viel Erfahrung und das nötige Wissen mit. „Ich hoffe, er nimmt die Wahl an. Selbst wenn er nicht lange dabeibleibt, hätte man Zeit und Ruhe, nach anderen geeigneten Kandidaten zu suchen“, sagt Schmid. 

Wahl war das Hauptthema 

Die letzten drei Wochen habe es im Ort und auch im Verein kein anderes Thema als die Bürgermeisterwahl gegeben, bestätigt Julia Bezler, Vorsitzende des TV Bissingen. „Wir haben als Verein Gespräche mit den Kandidaten geführt. Allgemein hatten sich viele von der offiziellen Vorstellung Aufschluss darüber erhofft, wen sie am Ende wählen sollen. Da konnte aber keiner der beiden so richtig überzeugen, da gab es eine gewisse Enttäuschung“, berichtet Bezler. Schnell habe das in den sozialen Medien die Runde gemacht, dass man auch andere Namen auf den Stimmzettel schreiben könnte. Das habe den Stein dann ins Rollen gebracht. „Wir haben als Verein aber nicht dazu aufgerufen“, betont Julia Bezler: „Man hat schon damit gerechnet, dass es einen dritten Namen geben könnte, dass es aber tatsächlich direkt reicht, damit hatte vermutlich keiner gerechnet. Eher mit einer Stichwahl.“

Die Spannung kurz vor der Ergebnisverkündung am Sonntagabend in der Bissinger Gemeindehalle war greifbar, viele verfolgten auf dem Smartphone die aktuellen Ergebnisse auf der Gemeindehomepage. Unter ihnen auch Julia Bezler und Ernst
Schmid. „Für die beiden Kandidaten Robert Beck und Björn Haigis war das Ergebnis schon ein Schlag. Sie hatten den Mut, sich aufstellen zu lassen, und haben sich in den letzten Wochen sehr engagiert“, so Bezler, „das Ergebnis ist aber ein klares Signal.“ Siegfried Nägele, „der Ur-Bissinger“, bringe die notwendige Erfahrung für das Amt mit. „Mit dem Ergebnis haben nun viele ein besseres Gefühl, dass es mit der Gemeinde gut weitergehen kann. Wir hoffen jetzt einfach alle, er nimmt die Wahl an, aber klar muss er da jetzt erstmal vieles klären“, sagt Julia Bezler.

Hansjörg Richter, selbst Fraktionskollege des potenziellen neuen Bürgermeisters, gleichermaßen aber eben auch Wähler, schildert auf Nachfrage ebenfalls die Unsicherheit, die die Bürgerinnen und Bürger in den letzten Wochen umgetrieben habe: „Die Unruhe war im Ort zu spüren, wir Gemeinderäte haben uns dabei neutral verhalten“, so Richter. Nach der Kandidatenvorstellung sei dann seitens der Bürgerschaft nach alternativen Lösungen gesucht worden. „Ich persönlich hatte schon damit gerechnet, dass es einen starken Stimmenanteil für eine dritte Person geben könnte, aber die Deutlichkeit hat mich dann doch überrascht“, erklärt Hansjörg Richter. Außer Siegfried Nägele seien noch 28 weitere Namen in die so genannte freie Zeile auf den Stimmzetteln geschrieben worden. Jener Nägeles aber mit Abstand am häufigsten, so dass er, ohne zu kandidieren, bei 50,50 Prozent landete.