Sie kommen in knallbunten Verpackungen, haben trendige Namen und werben mit Rausch: Die Rede ist von neuen psychoaktiven Substanzen (kurz: NPS). Unter dieser Bezeichnung versteht man Stoffe, deren Wirkung die von beliebten Drogen wie LSD, Ecstasy, Kokain oder Cannabis imitieren. Anders als die meisten dieser Substanzen fallen NPS, auch „Designerdrogen“, „Legal Highs“, „Herbal Highs“ oder „Research Chemicals“ genannt, allerdings nicht unter das deutsche Betäubungsmittelgesetz.
Die Konsumenten sind hier wie Versuchskaninchen für die Drogenhersteller.
Renate Mahle, Suchttherapeutin
Das liegt nicht etwa daran, dass der Konsum neuer psychoaktiver Substanzen mit geringeren Risiken einhergeht als der ihrer illegalen Verwandten. Tatsächlich ist häufig das Gegenteil der Fall. Wie die Suchttherapeutin Renate Mahle von der Beratungsstelle für Sucht und Prävention des Landkreises Esslingen erklärt, sind sowohl die Wirkung als auch die gesundheitlichen Folgen „nicht abschätzbar und häufig sehr gefährlich“. Der Konsum könne unter anderem in Psychosen oder gravierenden körperlichen Schäden resultieren und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen.
Die Todesfälle steigen rasant
„Neue psychoaktive Substanzen begegnen uns auch hier regelmäßig und bereiten uns Sorge“, berichtet Renate Mahle. Wie sich der Bilanz der Drogentoten für das Jahr 2024 entnehmen lässt, haben allein in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 26 Menschen durch NPS-Konsum ihr Leben verloren – zum Vergleich: im Vorjahr lag die Zahl noch bei zwei.
Diese „sehr erschreckende“ Entwicklung ist laut Mahle auch darauf zurückzuführen, wie einfach die Substanzen erhältlich sind. Über Online-Shops können sich Konsumentinnen und Konsumenten die Stoffe ganz legal vor die Haustür liefern lassen – doch auch in Automaten tauchen die Imitate immer häufiger auf.
Mehrere Standorte sind bekannt
„Wir haben es in den letzten Jahren immer wieder gehabt, dass in den Automaten in der Region neue psychoaktive Substanzen verkauft werden“, sagt Renate Mahle. Dabei handelt es sich in der Regel um (halb-)synthetische Cannabinoide, die eine THC-ähnliche Wirkung versprechen und meist in Form von E-Zigaretten (auch „Vapes“ genannt) erhältlich sind.
Es ist wie ein Hase-und-Igel-Spiel zwischen der Justiz und den Herstellern.
Renate Mahle, Suchttherapeutin
Unter anderem zu den Verkaufsstellen zählt ein Automatengeschäft in Esslingen. Dort werden Vapes zum Verkauf angeboten, die das synthetische Cannabinoid HHZ enthalten. In einem mittlerweile entleerten Automaten in Wendlingen, der aufgrund seiner Nähe zu mehreren Schulen für Aufsehen gesorgt hatte, waren Renate Mahle zufolge an einem Punkt Cannabinoid-haltige E-Zigaretten mit dem Wirkstoff 10-OH-THC erhältlich. Der Betreiber des Automaten hat dies abgestritten. Er beteuert, lediglich normale Vapes verkauft zu haben. Der Inhaber des Esslinger Ladens möchte sich zu den Stoffen nicht äußern.
Die Regulierung ist schwierig
Dass es die legalen Rauschmittel aus dem Labor an manchen Standorten im Umland noch immer auf Knopfdruck zu kaufen gibt, ist aus Sicht der Beratungsstelle „als hochproblematisch anzusehen“. Zum einen, weil die Substanzen so kinderleicht zugänglich sind; zum anderen, weil die freie Erhältlichkeit den Konsumenten Sicherheit vorgaukelt.
Die Legalisierung von Cannabis mag dieses Sicherheitsgefühl noch verstärkt haben – ein Trugschluss, wie Renate Mahle erklärt. Für das natürliche THC in der Cannabispflanze gebe es sehr viele Langzeiterfahrungen und Forschungsergebnisse. Das sei bei halb oder komplett synthetischen Cannabinoiden nicht gegeben. Wer die Stoffe konsumiere, stelle sich für die Drogenhersteller daher schlussendlich als Versuchskaninchen zur Verfügung.
Die Gefahren der „Designerdrogen“ sind dem Gesetzesgeber nicht entgangen. Um der Verbreitung entgegenzuwirken, wurde bereits 2016 das sogenannte Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) erlassen – mit mäßigem Erfolg, wie Renate Mahle berichtet. Kaum werde eine Substanz in das Gesetzbuch aufgenommen, tauche eine neue Alternative auf dem Markt auf, die noch nicht verboten ist. „Es ist wie ein Hase-und-Igel-Spiel zwischen der Justiz und den Herstellern“, fasst die Suchttherapeutin zusammen.
Weitere relevante Informationen
Neue psychoaktive Substanzen sind schwer zu dosieren. Ihre Wirkung ist in der Regel unberechenbar. Die irreführende, oft unvollständige oder sogar falsche Etikettierung macht viele NPS zu Hochrisiko-Drogen.
Abhängig von der Droge, die sie imitieren sollen, kommen die Substanzmischungen in verschiedenen Formen, etwa als Pille oder Pulver. Cannabinoide werden in der Regel geraucht.
Zur Verschleierung werden die Rauschmittel häufig zum Beispiel als Badesalze, Düngerpillen oder Kräutermischungen angeboten.
Zu den Akutgefahren zählen etwa Atemlähmung, Realitätsverlust, Dehydration, Hyperthermie, lebensgefährliche Überdosierung sowie Kreislauf- oder Nierenversagen.
Die möglichen psychischen Folgeschäden umfassen unter anderem Depressionen, Angstzustände, Halluzinationen, Verfolgungswahn, Schlafstörungen und Persönlichkeitsveränderungen.
Zu den möglichen körperlichen Folgeschäden zählen mitunter die Schwächung des Immunsystems, Organschäden und Gewichtsverlust. Bei Frauen können die Substanzen den Menstruationszyklus sowie die Wirkung der Pille beeinflussen.
Statt einzelne chemische Wirkstoffe zu verbieten, stellt das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) seit November 2016 ganze Stoffgruppen unter Strafe. Dennoch sind viele Substanzen weiterhin legal im Handel erhältlich.

