Wir sind komplett gefangen von der A8“, sagt der Gruibinger Jochen Erhardt. Kaum hat er die Worte ausgesprochen, brandet der Applaus von den rund 200 Zuhörern auf, die sich vor dem Rathaus versammelt haben. Sie alle sind gekommen, um bei der Kundgebung „A8-Ausbau jetzt!“ ein Zeichen zu setzen. Erhardt engagiert sich im Gemeinderat, spricht an diesem Morgen aber auch als Bürger, der direkt betroffen ist von der Verkehrsbelastung. Wegen den Blechlawinen, die durch den Ort rollen, „gibt es keine Lebensqualität mehr“, ruft Ehrhardt den Zuschauern zu.
Wenn die A 8 hustet, hat das ganze Verkehrsnetz im Landkreis eine Mordsgrippe.
Gebhard Tritschler, Bürgermeister von Wiesensteig
Längst sei es nicht mehr so, dass die Blechlawinen nur an den Wochenenden den Ort belasten, betont Bürgermeister Roland Schweikert als einer der ersten Redner. Der Verkehr ersticke Gruibingen auch viel zu oft unter der Woche, macht er klar. Emissionen und Staus plagten aber nicht nur Gruibingen, sondern eben auch alle Nachbargemeinden und -städte. Schweikert ruft nochmals in Erinnerung, dass der Planfeststellungsbeschluss noch dieses Jahr kommen müsse, weil andernfalls Umweltgutachten verfallen könnten. Das könnte zu neuen Verzögerungen führen.
Drei Jahrzehnte Planung haben sich bereits ergebnislos in die Vergangenheit verabschiedet. Diesen Zeitraum hatten die Initiatoren kürzlich in ihrer Pressemitteilung hervorgehoben. Die Bürgerschaftsvertreter aus Gruibingen, Wiesensteig und der Raumschaft kämpfen mit ihrer Kundgebung gegen Verkehr, Lärm und Umweltbelastung, sagt Dieter Braun vom Bündnis im Vorfeld der Kundgebung. Stark betroffen vom Verkehr ist auch Wiesensteig. Schon vor 20 Jahren hatten sich Bürgermeister Gebhard Tritschler und sein Amtskollege Schweikert mit dem Planfeststellungsverfahren beschäftigt – kein Jubiläum zum Feiern also. „Wenn die A8 hustet“, sagt Tritschler, „dann hat das ganze Verkehrsnetz im Landkreis eine Mordsgrippe.“ Er sieht die Verantwortung beim Regierungspräsidium, vor dem Jahreswechsel den Planfeststellungsbeschluss zu liefern. „Wir haben keine Geduld mehr“, sagt Tritschler, der sich aber freut, dass gut 200 Menschen zur Kundgebung gekommen sind. Die Menschen gäben den Bürgermeistern für ihr Gespräch mit dem Regierungspräsidium in der nächsten Woche viel Rückenwind. Es zeige, dass „wir nicht nur nörgelnde Bürgermeister sind, sondern dass die Menschen den A8-Ausbau wollen“.
An welchem Tag dieses Gespräch ist, verrät Landrat Edgar Wolff: „Wir fahren am Donnerstag mit zwölf Bürgermeistern aus der Raumschaft nach Stuttgart.“ Dort wolle man nochmal deutlich machen, wie wichtig der Planfeststellungsbeschluss ist, damit die Menschen hier nicht mehr von Stau, Verkehr und Lärm geplagt würden. Der A8-Ausbau sei längst überfällig, sagt Wolff. Gleiches gelte für die B 10, hebt er direkt danach hervor. Diesbezüglich sei man „vorsichtig optimistisch“, dass der Gesehenvermerk bald komme.
Johannes Züfle mahnt zur Eile
Der fehlende A8-Ausbau betreffe auch den Landkreis Esslingen, gibt Johannes Züfle zu verstehen, Bürgermeister in Weilheim. Die A8 sei eine europäische Magistrale, eine Verkehrsader von großer Bedeutung. Und schon seit Jahren höre er die blumigen Worte, beispielsweise von Verkehrsminister Winfried Hermann, der 2015 zum Besten gegeben habe, dass der A8-Ausbau vorangetrieben werden müsse, und der 2017 laut Züfle sagte, dass es sich um das wahrscheinlich dringlichste Projekt des Landes handle. Doch viele Verschiebungen sind die Realität. Und im Warten der Bürger gärt offenbar deswegen das Misstrauen – jedenfalls sagt Züfle, dass es um die Glaubwürdigkeit der Politik gehe. Das Land müsse beweisen, dass es auch große und teure Bauprojekte in einer angemessen Zeit hinbekomme. Zur Erinnerung: Die Kosten für den A8-Ausbau wurden vor Jahren auf mehr als 600 Millionen Euro geschätzt, wie hoch sie tatsächlich werden, dürfte sich aber erst noch zeigen.
Die Planungsbehörden arbeiteten mit Hochdruck, sagt der Bundestagsabgeordnete Hermann Färber aus Böhmenkirch. Er scheint aber Hoffnung zu haben, dass der Planfeststellungsbeschluss rechtzeitig kommt. Man müsse auf den Ausbau trotzdem drängen, so Färber. Bis 2030 müsse der Spatenstich erfolgen, gibt er zu bedenken, denn bis in dieses Jahr reicht der momentane Bundesverkehrswegeplan. Er richtet sich aber auch an jene Bürger, die Einwände gegen den A8-Ausbau haben: Man müsse immer sorgfältig prüfen, ob jeder Widerspruch gerechtfertig sei.
„Es geht darum, Menschen zu schützen“, sagt Nicole Razavi, Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen. Der Ausbau der A8 entspreche diesem Ziel. An der Verkehrsinfrastruktur hänge zudem die Wirtschaftlichkeit einer Region, genauso die Wertschöpfung und der Wohlstand. Wie Züfle sieht auch Razavi die Gefahr, dass die Menschen das Vertrauen in einen Staat verlieren, der solche Projekte nicht umsetzen kann.

