Wirtschaft
Südkoreaner übernehmen Heller

DN Solutions, ein weltweit agierender Werkzeugmaschinenhersteller, erwirbt das Nürtinger Traditionsunternehmen. Was bedeutet dieser Schritt für die Zukunft des Nürtinger Standorts?

Das Nürtinger Unternehmen Heller wird mit der Übernahme durch DN Solutions Teil eines internationalen Konzers. Foto: Jürgen Holzwarth

Dass die Firma Heller nach einem Investor sucht, ist spätestens seit Februar dieses Jahres bekannt, als das Unternehmen den mehrheitlichen Einstieg der amerikanischen Investmentgesellschaft H.I.G. Capital verkündete. Weil die Vereinbarung aber dann doch noch platzte, musste eine neue Lösung gefunden werden. Die gibt es jetzt: Heller bekommt einen südkoreanischen Eigentümer. Am Mittwoch gab das Unternehmen bekannt, dass DN Solutions alle Geschäftsanteile des Nürtinger Herstellers übernimmt. Der Zusammenschluss steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörde.

Heller bleibt Heller. Unsere Marke, unsere DNA und unsere Kultur setzen wir in der neuen Partnerschaft fort. 

Thorsten Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung

Er sei sehr froh über diese Lösung, sagt Thorsten Schmidt, der Vorsitzende der Heller-Geschäftsführung, gegenüber unserer Zeitung: „Das ist gut für Nürtingen.“ Nachdem sich abgezeichnet habe, dass der Abschluss mit H.I.G. Capital doch nicht zustande kommt, habe das Heller-Management frühzeitig entschieden, sich nach einem Industriepartner anstatt nach einem finanziellen Investor umzusehen: „Wir wollten jemanden finden mit industriellem Hintergrund, mit dem wir uns wohlfühlen und der seinerseits Heller wertschätzt.“ Am Dienstag sei der Vertrag unterschrieben worden. Wonjong Kim, CEO von DN Solutions, war hierzu nach Nürtingen gekommen.

Weltweit drittgrößter Werkzeugmaschinenbauer

„Wir schreiben ein neues Kapitel für Heller“, sagt Thorsten Schmidt. Man werde Teil eines großen internationalen Konzerns. DN Solutions aus Südkorea gehöre zu den wachstumsstärksten Unternehmen im internationalen Werkzeugmaschinenbau. Mit einem Umsatz von rund zwei Milliarden US-Dollar (1,7 Milliarden Euro) und mehr als 2000 Mitarbeitern zähle DN Solutions heute beim Umsatz zu den drei größten Herstellern in der Branche weltweit und sei in Korea führender Anbieter.

Der Nürtinger Maschinenbauer leidet unter einem zuletzt weltweit rückläufigen Markt und unter dem Wegfall des Geschäfts für Verbrennungsmotoren. Das könne man nicht komplett kompensieren, so Schmidt. Ohne einen kapitalstarken Partner seien die Herausforderungen der Transformation nicht zu stemmen, stellt er klar. Das Unternehmen erwartet dieses Jahr einen Umsatz von rund 460 Millionen Euro. Vergangenes Jahr waren es rund 537 Millionen Euro gewesen. Im Frühjahr erst hatte Heller in Nürtingen 224 Stellen abgebaut.

Über DN Solutions

DN Solutions wurde 1976 gegründet. Das weltweit tätige Werkzeugmaschinenunternehmen bietet nach eigenen Angaben rund 400 Produkttypen an. Weltweit hat DN Solutions circa 140 Vertriebsstandorte in 66 Ländern. Die Kunden kommen aus den Branchen Automobil, Luftfahrt, Medizintechnik, Energietechnik, Halbleiter und Elektronik. DN Solutions gehört zur DN-Automotive-Gruppe, einem börsennotierten Konzern in Südkorea.

Mit DN Solutions sehe man die Chance, die Stärken von zwei sich ergänzenden Unternehmen zusammenzubringen. Für Heller ergäben sich durch die Übernahme zusätzliche Perspektiven. „Heller bleibt Heller. Unsere Marke, unsere DNA und unsere Kultur setzen wir in der neuen Partnerschaft fort“, sagt Schmidt, der als CEO Heller in der Gruppe vertreten werde, wie er berichtet: „Gleichzeitig eröffnen sich für uns enorme Chancen, unser Know-how in einem globalen Verbund noch besser zur Geltung zu bringen.“

Bessere Auslastung für Nürtingen erwartet

Für den Standort Nürtingen bedeute dies eine klare Stärkung, auch im Hinblick auf die Arbeitsplätze, so Schmidt. Er nennt eine bessere Auslastung, Stabilität und eine Perspektive für Wachstum: „Wir haben die Möglichkeit, neue Kunden und neue Märkte zu bedienen. Das führt zu einem höheren Auftragsvolumen.“ Als weiterer Punkt werde Nürtingen von dem neuen Inhaber als Kompetenzzentrum für die Fünf-Achs-Technologie gesehen, mit der Aussicht auf weitere Entwicklungen zum Beispiel in der vertikalen Fünf-Achs-Bearbeitung: „Es gibt den klaren Fokus, das in Nürtingen zu machen.“ Das gelte nicht nur für die Technologie, sondern auch für die Fertigung. Bei Heller sind weltweit 2100 Mitarbeiter beschäftigt, davon circa 1200 in Nürtingen, inklusive Azubis.

Das sagt der CEO von DN Solutions

DN Solutions verstärke mit der Übernahme seine Präsenz in Europa und erweitere sein Portfolio im Bereich komplexer Bearbeitungszentren und Fünf-Achs-Technologien, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung. Darin wird CEO Wonjong Kim so zitiert: „DN Solutions hat sich auf der globalen Bühne behauptet. Durch die Kombination unserer Stärken mit dem über 130-jährigen Know-how von Heller im Bereich der Bearbeitungszentren wird diese Partnerschaft bahnbrechende Innovationen für die Fertigungsindustrie hervorbringen. Darüber hinaus werden die beiden Unternehmen ihren Kunden einen einzigartigen Mehrwert bieten und ihre Position als High-End-Marke auf dem globalen Werkzeugmaschinenbau stärken.“

Das gemeinsame Ziel sei, ein Vollsortiment-Anbieter im Werkzeugmaschinenbau zu werden, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Es entstehe „einer der weltweit umfassendsten Anbieter von Lösungen im Werkzeugmaschinenbau“. Auf der einen Seite stehe Heller als High-End-Anbieter mit der Fähigkeit, komplexe und maßgeschneiderte Projekte umzusetzen, auf der anderen Seite DN Solutions mit einer hohen Stückzahlenkompetenz von circa 16.000 produzierten Maschinen pro Jahr und der Fähigkeit zu schnellen Skaleneffekten sowie einer starken Marktpräsenz in Asien und Nordamerika. Damit schaffe man ein Leistungsangebot, das sich optimal ergänze.

Zusammenschluss birgt Herausforderungen

Der Übernahmeprozess sei auf Augenhöhe verlaufen, berichtet Thorsten Schmidt. Begleitet wurde Heller dabei von dem Beratungsunternehmen Rothschild. Schmidt: „Wir bringen zwei Unternehmen mit unterschiedlichen Philosophien zusammen. Das ist verbunden mit vielen Herausforderungen, denen wir uns aber gerne stellen.“ Man habe in den „kurzen, aber sehr intensiven“ Gesprächen mit DN Solutions festgestellt, dass man auf technischer wie auch auf zwischenmenschlicher Ebene „absolut kompatibel“ sei.

Der im Zusammenhang mit einer Übernahme aus Asien häufig geäußerten Befürchtung eines Ausverkaufs deutscher Unternehmen widerspricht Schmidt deshalb: „Wir sind in einem globalen Marktfeld unterwegs. Aus Deutschland werden wir mit unserer Größe insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Bankenlandschaft eine weltweite Technologie nicht in allen Märkten bedienen können. Mit einem deutschen Partner würden sich die bedienten Marktsegmente stark überschneiden, was zu redundanten Strukturen führte. Im Gegensatz dazu ist die aktuelle Konstellation auf Wachstum ausgerichtet.“

Betriebsrat sieht Chancen

Die Belegschaft wurde am Mittwochvormittag von der Übernahme informiert. „Es ist noch schwer zu greifen, was das für Veränderungen mit sich bringt“, sagt Betriebsratsvorsitzender Stefan Haag unserer Zeitung in einer ersten Stellungnahme. Sein Gefühl sei, dass der Schritt mehr Positives als Negatives bringen werde: „Ohne Partner wäre es schwierig geworden, zu überleben.“ Wie das Zusammenwachsen gelinge, bleibe abzuwarten. Auch inwieweit sich etwaige Synergieeffekte auf den Standort Nürtingen auswirken werden, müsse man sehen. Aus seiner Sicht sei ein industrieller Partner besser als ein Finanzinvestor: „Dann wären wir in ein paar Jahren weiterverkauft worden. So haben wir die Chance zu wachsen.“ Die Art zu arbeiten, werde sich in Zukunft verändern, so Haag: „Vielleicht trägt der externe Partner mit zu dieser Veränderung bei uns bei.“