Sie wartet geduldig, lauscht, beobachtet, die Augen auf das Ziel fixiert. Geräuschlos pirscht sie sich an, springt nach vorne. Zack. Nur eine Sekunde später hat sie die Beute im Maul. Der kleine Jungvogel hatte nie eine Chance.
Herumstreunende Katzen sind jedes Jahr für den Tod von unzähligen kleinen Tieren verantwortlich. Prekär ist das vor allem für die heimische Vogelpopulation. 200 Millionen Vögel sollen deutsche Katzen pro Jahr auf dem Gewissen haben. Dabei handelt es sich jedoch nur um Schätzungen – manche Fachleute, wie der NABU-Vogelexperte Lars Lachmann, gehen davon aus, dass die eigentliche Zahl niedriger ist.
Schuld am Vogelsterben ist wie immer der Mensch.
Sandra Nebe, Leiterin des Kirchheimer Tierheims
Dennoch ist der Ärger über das vermeintliche Dauermassaker in manchen Vogelliebhaberkreisen groß. Mit dem Finger auf die Katzen zu zeigen, hält die Tierschützerin Sandra Nebe, die im Jahr 2018 die Leitung des Kirchheimer Tierheims übernommen hat, nicht für fair: „Ich weiß, dass es übereifrige Vogelschützer gibt, die die Katze als Sündenbock dastehen lassen möchten, aber so einfach ist es leider nicht.“
Auch Harald Hochmann, Vorsitzender der Kirchheimer Regionalgruppe des Vereins Freundeskreis Katze und Mensch, nimmt die flauschigen Jäger in Schutz: Die Katzen seien für das zunehmende Verschwinden der Vögel „nicht allein und schon gar nicht hauptsächlich“ verantwortlich.
Es fehlt an Nahrung und Lebensraum
In erster Linie sieht der Vereinsvorsitzende das Problem im menschenverursachten Insektensterben und dem damit schwindenden Nahrungsangebot, unter dem auch die Igel leiden. Schwinden, das tut auch der Lebensraum – für Vögel, ebenso wie für viele andere Wildtiere. „Wir breiten uns ohne Rücksicht auf unsere Mitgeschöpfe aus und nehmen ihnen ihren Lebensraum“, kritisiert Sandra Nebe. Weil der Mensch nur allzu gerne Bäume fällt, Hecken stutzt und wildwachsende Sträucher niedermäht, fehlt den Vögeln der Schutz vor ihren natürlichen Feinden. Harald Hochmann weist an dieser Stelle darauf hin, dass Katzen bei weitem nicht die einzigen Jäger sind, vor denen sich Vögel in Acht nehmen müssen. Auch andere (Raub-)Vögel, Marder, Eichhörnchen, Fuchse sowie die invasiven Waschbären zählen zu den natürlichen Feinden vieler Vogelarten.
Viele Katzen jagen aus der Not heraus
Weiter betont Sandra Nebe, dass Katzen häufig nicht nur zur Befriedigung des Jagdtriebs töten: „Es gibt zu viele, die nicht versorgt werden, und somit müssen die Katzen oftmals ums Überleben kämpfen.“
Auch wenn die deutliche Mehrheit der Katzen in Deutschland ein Zuhause hat, wächst die Population der heimatlosen Streuner, die sich unkontrolliert weitervermehren. Der Deutsche Tierschutzbund geht mittlerweile von einer siebenstelligen Summe aus. Muss eine Katze ihren gesamten Nahrungsbedarf durch das Jagen decken, braucht sie dafür einige kleine Tiere am Tag – Vögel, Mäuse, Fische, oder auch Insekten.
Sandra Nebe sieht Besitzer von Grünflächen, Politiker aber auch Katzenhalter in der Verantwortung. Um zu verhindern, dass die Anzahl der Straßenkatzen weiter klettert, fordert sie dazu auf, Freigänger unter allen Umständen kastrieren zu lassen. Ein Eingreifen der Politik „in Sachen Kastrationspflicht“ bezeichnet sie als „wünschenswert“. Auch der Freundeskreis Katze und Menschen spricht sich für Kastration aus. Wie Harald Hochmann berichtet, investiert der Verein einen großen Teil seiner Ressourcen in die Kastration heimatloser Tiere.
Ebenso wichtig ist für den Vereinsvorsitzenden, das Problem an der Wurzel zu packen und den Vögeln ihren Lebensraum zurückzugeben. Eine „Gesellschaftsaufgabe“ nennt Hochmann dieses Ziel. „Heute fast utopisch.“ Sandra Nebe teilt die Ansicht des Katzenfreundes. Man wolle kein Tier gegen das andere ausstechen. Man liebe sowohl Vögel als auch Katzen und wolle beiden helfen – den einen durch Aufklärung und Naturerhalt, den anderen durch Kastration und Fürsorge, denn: „Schuld am Vogelsterben ist wie immer der Mensch.“

