Artenvielfalt
Sind Wildsorten die Lösung?

Vor 30 Jahren pflanzte Kurt Hepperle auf seinen Wiesen bei Neidlingen Wildsorten an – um das Landschaftsbild zu erhalten. Aufgrund der Klimaerwärmung sind sie heute relevant wie nie.

Kurt Hepperle zeigt die Früchte des Speierlings: Sie sind apfel- oder birnenförmig. Aus der Wildsorte stellt er gerne hauseigenen Edelbrand her. Foto: Anica Schubert

Drei Wiesen hat Kurt Hepperle unterhalb des Erkenbergs bei Neidlingen. Der Streuobstkenner, der im Nebenerwerb eine Brennerei betreibt, pflanzt dort neben herkömmlichem Obst auch Wildsorten an. „Zu meinem Sortiment zählen der Speierling, die Mispel und die Vogelbeere“, berichtet Kurt Hepperle.

Da bewährte Obstbäume wie frühblühende Apfelsorten aufgrund des Klimawandels immer häufiger keinen oder nur geringen Ertrag bringen, verändern sich die Bedingungen auf den Streuobstwiesen. Das pflegeleichte Wildobst könnte daher für viele Grundstücksbesitzer eine interessante Alternative sein. Kurt Hepperle erklärt: „Die Vorzüge von Wildsorten liegen darin, dass sie regelmäßige Erträge haben und keinen großen Pflegeaufwand erfordern.“

Den richtigen Riecher gehabt

Es war die große Faszination am Obstbau, die den experimentierfreudigen Kurt Hepperle schon vor 30 Jahren neue Wege einschlagen ließ. Der 57-Jährige hat mit dem Anbau von Mispeln und Speierlingen begonnen, um die Vielfalt auf seinen Wiesen zu erhöhen. „Damals wollte ich etwas anderes pflanzen, das nicht jeder hat und das nicht unbedingt für kommerzielle Zwecke geeignet ist“, erklärt Hepperle. Von jeder der genannten Sorten hat er heute etwa zehn Exemplare. Karl Bölz, Vorstand des Obst- und Gartenbauvereins Weilheim, bestätigt: „Wir sollten heute auf Wildsorten wie die Elsbeere oder den Speierling zurückgreifen, um das Landschaftsbild im Streuobst zu erhalten.“ Wildobst sei jedoch kein Ersatz für normales Streuobst, sondern eine Ergänzung.

„Der Januar war in diesem Jahr relativ warm. Die Bäume haben bereits begonnen, ihre Winterruhe zu verlassen“, erinnert sich Hepperle. Durch die milden Winter hat sich die Blütezeit vieler Bäume nach vorn verschoben – ein Zeichen des Klimawandels. Die Frostperioden sind gleich geblieben. Der 57-Jährige folgert: „Selbst Ende April müssen wir noch mit Frösten rechnen, während die Bäume schon in voller Blüte stehen.“

Wärmeliebende Sorten wie Aprikosen und Pfirsiche sind für viele Streuobstexperten in der Teckregion keine Lösung, da die Pflanzen mit extremen Wetterereignissen nicht zurechtkommen. Anders die Wildsorten: „Sie blühen viel später und sind dadurch resistenter gegen Frostschäden“, sagt Hepperle.

Neben ihrer Robustheit und den regelmäßigen Erträgen tragen Wildobstbäume zur Artenvielfalt bei. Der Streuobstkenner weiß: „Da die Wildsorten später blühen, bieten sie Insekten wie Bienen und Wildbienen weiter Nahrung.“ Würde ein Großteil der Wiesen gemäht, gäbe es die kaum.

Nachteile von Wildobst

„Man muss sich fragen, wie man Wildobst sinnvoll verwerten kann“, so Hepperle. Sein Ziel sei, aus seinen Grundstücken etwas zu verdienen – „das ist bei Wildsorten schwieriger“. Dennoch sieht er Potenzial: „Ein Anreiz für junge Familien könnte sein, dass aus Wildsorten Marmelade oder Säfte hergestellt werden können.“

Karl Bölz resümiert: „Es ist sehr wichtig, dass Landwirte und Hobbygärtner auf klimaresistente Sorten setzen. Wir werden die Wildsorten im Verein aufgreifen und unsere Mitglieder informieren.“ Auch das Amt für Bauen und Naturschutz des Landkreises Esslingen befürwortet Wildsorten und feilt an einem Projekt, das zum Erhalt des Landschaftsbildes beitragen soll. Bäume, die im Weinbauklima heimisch sind oder zum Teil aus mediterranen Landschaften kommen, könnten mithilfe der Obst- und Gartenbauvereine gepflanzt und von der Stiftung der Kreissparkasse bezuschusst werden. Von Pressesprecherin Andrea Wangner heißt es: „Ziel der Aktion wäre es, Erfahrungen zu sammeln, welche neuen und anderen Obstarten auf der Streuobstwiese funktionieren könnten.“ Angedacht sind Arten wie Mandel, Maulbeere oder Feige.

 

Was aus Mispel und Co hergestellt wird

Unter „Wildobst“ wird eine bunte Mischung aus verschiedenen Gehölzen zusammengefasst, deren Früchte essbar und verwertbar sind. Die Sorten weisen einen „wilden“ Charakter auf, doch die Übergänge zu herkömmlichem Obst sind fließend.

Echte Mispel: Die Frucht ist rostrot bis graubraun, apfelförmig, bis zu drei Zentimeter groß, mit Blütenkelchzipfeln. Nach Frosteinwirkung oder Lagerung ist sie roh genießbar. Für Gelees, Marmeladen, Säfte und Weine.

Speierling: Die Frucht zeigt sich grüngelb bis rötlich, ist zwei bis vier Zentimeter groß und apfel- oder birnenförmig. Rohverzehr in überreifem Zustand ist möglich. Für Marmeladen in Mischungen mit Äpfeln, Birnen und Quitten geeignet. Zur Geschmacksverbesserung in Obstbränden und Likören, da die Früchte einen hohen Zuckergehalt aufweisen.

Essbare Eberesche („Vogel­beere“): Die Frucht ist scharlachrot, bis 1,5 Zentimeter groß, kugelförmig, und das Fruchtfleisch ist gelblich und schmeckt süß. Die Beeren sind reich an Vitamin C und werden häufig zu Marmelade, Saftkonzentrate, Sirupe und Edelbrände verarbeitet.

Kornelkirsche: Die Frucht ist rötlich bis gelb, bis zwei Zentimeter groß und länglich oval. Rohgenuss ist in vollreifem Zustand möglich. Marmeladen und Gelees in Mischungen mit Apfel, Birne und Holunder. Sehr gut geeignet für Säfte, Weine, Liköre und Schnäpse.

Elsbeere: Die Frucht ist zur Vollreife braun mit hellen Punkten, bis zwei Zentimeter groß und ei- bis birnen­förmig. Vollreif ist Rohverzehr möglich. Verwendbar für Marmeladen, Gelees und Säfte, Branntweine, Schnaps. as