Abbau-Areale bieten neue Heimat für Uferschwalben, Orchideen und Waldeidechsen
Steinbrüche als Chance

Wenn Bagger und Sprengmeister am Fels nagen und es eher nach Mond, als nach Erde aussieht, denkt kaum jemand daran, dass hier ein Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen entstehen kann. Dietmar Cramer zeigte im ­Naturschutzzentrum Schopfloch auf, wie und warum sich Gesteinsabbau und Naturschutz nicht widersprechen müssen.

Lenningen. Derzeit können Besucher im Naturschutzzentrum Schopfloch in einer Ausstellung der Heidelberg-Cement AG sehen, wie sich die Natur Gesteinsabbau-Areale zurückerobern kann. Idyllische Bilder von Uferschwalben an einer Steilwand, blauen Libellen über glitzerndem Wasser und der seltenen Frauenschuhorchidee in Großaufnahme lassen nicht vermuten, dass in deren Biotopen zuvor Rohstoffe für Beton abgebaut wurde. Dietmar Cramer, Leiter des Firmenarchivs, bestätigt: „Dieser Abbau ist immer ein starker Eingriff in die Landschaft.“

Seine Firma ist weltweit einer der größten Zementhersteller mit rund 50 000 Mitarbeitern an 2 500 Standorten. Obwohl die AG rund um den Erdball präsent ist, ist Beton in der Regel ein regionaler Baustoff. Es lohnt sich nämlich schlicht und ergreifend nicht, den relativ billigen, aber sehr schweren Zement, Kies und Sand über große Distanzen zu transportieren. Zumal schon die Aufbereitung des Kalksteines zu Zement sehr energieintensiv ist.

Bis vor 20 Jahren war es gängige Praxis, die entstandenen „Löcher“ zu verfüllen. Das heißt, im schlimmsten Fall entstanden Müllhalden, oder man rekultivierte mit viel Geld, indem die Gesteinsreste wieder eingefüllt und die Fläche wieder wie vorher genutzt wurde.

Heute kümmern sich Biologen im Unternehmen darum, dass die Natur einen möglichst großen Nutzen aus dem vorherigen Eingriff zieht. Die speziellen Bedingungen, die in einem Steinbruch herrschen, locken seltene Tier- und Pflanzenarten an, die in der übrigen Kulturlandschaft keinen Platz haben. „Bereits während des Abbaus entstehen neue Lebensräume. Diese sogenannten Wanderbiotope bauen sich ständig und oft spontan auf“, berichtet Cramer. So laufen die Steinbrüche oft mit Grundwasser voll und es siedeln sich sogenannte Pionierpflanzen an, deren Samen durch die Luft ankommen und die mit den unwirtlichen Bedingungen gut klarkommen. Die vom Aussterben bedrohte Uferschwalbe benötigt steile Abbruchkanten, um dort ihre Brutröhren zu graben, und eine Wasseroberfläche, über der sie Insekten fangen kann.

Von Vorteil ist es, dass diese Gebiete umzäunt und deshalb relativ ungestört sind. Die sehr nährstoffarmen Böden sind ideal für viele Spezialisten aus der Pflanzenwelt, wie Orchideen, Heil- und Gewürzkräuter.

Damit diese ökologische Vielfalt gewährleistet bleibt, arbeitet Heidelberg-Cement mit Behörden, Naturschutzverbänden und Landschaftspflegebüros vor Ort zusammen. Somit sichert sich das Unternehmen eine höhere Akzeptanz bei der Bevölkerung und den Gemeinden, Genehmigungsprozesse verkürzen sich. Nebenbei nutzt es dem Ansehen und stärkt die Position an der Börse, etwa bei Nachhaltigkeitsfonds.

Ein gutes Beispiel für ein Steinbruchbiotop findet sich übrigens gleich neben dem Naturschutzzentrum. Der seit rund 40 Jahren stillgelegte Marmorsteinbruch beherbergt etwa 150 verschiedene Pflanzenarten. Darunter sind Orchideen wie die Wohlriechende Händelwurz, Gewürzkräuter wie Thymian und Wilder Majoran und Steingartenpflanzen wie der Mauerpfeffer. Dazu gesellen sich Waldeisechsen und seltene Wildbienen, Heuschrecken und Schmetterlinge.

Die Ausstellung „Lebensraum Abbaustätte – Biologische Vielfalt fördern“ ist noch bis zum 3. Mai zu den üblichen Öffnungszeiten im Naturschutzzentrum Schopfloch zu sehen. Führungen durch den benachbarten Marmorsteinbruch finden einmal monatlich sowie auf Anfrage statt. Der nächste Termin ist Mittwoch, 13. Mai, um 14 Uhr.