Tradition
Teamwork für den neuen Backofen in Wellingen

Die Mitglieder des Wellinger Kirchlesvereins haben sich ordentlich ins Zeug gelegt. Sie haben den alten Ofen des Backhauses abgebaut, damit Daniel Reisinger den Nachfolger einbauen konnte. 

Daniel Reisinger schiebt bei der offiziellen Inbetriebnahme ein Blech Dätscher in den Wellinger Backofen. Foto: Iris Häfner

Der neue Boden aus Schamott-Steinen liegt nahezu komplett und vor allem eben in seinem vorbereiteten Quarzsand-Bett im Backhaus in Wellingen. Darauf kniet Backofenmeister Daniel Reisinger aus der Oberpfalz, um die letzten Platten akkurat einzufügen. Dazu schmirgelt er die Kanten etwas ab und legt dann den schweren Stein dicht an die anderen an. Damit alles zu seiner Zufriedenheit ausfällt, kommt noch ein Lasermessgerät – eine Art 3-D-Wasserwaage – zum Einsatz.

Daniel Reisinger baut den neuen Backofen in Wellingen. Foto: Iris Häfner

Währenddessen erklärt der Handwerker die besonderen Eigenschaften des Schamottsteins und dessen Herstellung: „Für den Stein wird frischer Ton mit bereits gebranntem, erneut gemahlenem Ton vermengt, dann in Form gebracht, getrocknet und gebrannt. Es ist quasi ein Doppelbrand, wodurch der Stein seine besondere Eigenschaft erhält – ihm macht Hitze und schnelle Abkühlung nichts aus.“ Doch selbst an so einem robusten Kunststein nagt der Zahn der Zeit, dann schlägt die Stunde von Daniel Reisinger.

Schamottsteine sind quasi ein Doppelbrand, wodurch ihnen Hitze und schnelle Abkühlung nichts ausmachen.

Ofenbauer Daniel Reisinger

Es ist nicht die erste Backhaussanierung in Wellingen. Alexander Schur ist der Vorsitzende des Förderkreises Wellinger Kirchle. Bereits im September 2018 hat er Notzingens Bürgermeister Sven Haumacher darüber informiert, dass Gewölbesteine im Backofen neben dem Kirchle herausfallen. Daraufhin gab es im Oktober einen Vororttermin. Der Schultes schlug eine Firma aus Hayingen als möglichen Ofenbauer vor, der das Objekt begutachten könnte. „Es war dann einige Zeit ruhig um das Thema und ich habe ein paar Mal beim Bürgermeister nachgefasst“, erklärt Alexander Schur – zumal auch die Sanierung des Backhauses samt Ofen in Notzingen anstand. Irgendwie sei es aber mangels Handwerkern in Wellingen nicht vorangegangen. Dann spielte dem Vereinsvorsitzenden der Zufall in die Hände. Bei einer gemeinsamen Backaktion mit seinem Vetter Peter Häfner kam der marode Ofen zur Sprache. „Mein Vetter wusste vom Backofenmeister Daniel Reisinger und hat mir den Link zu dessen Homepage geschickt“, erzählt Alexander Schur. Der Backofenmeister kam dann eines Tages vorbei, um sich ein Bild vom Ofen zu machen. „Zu diesem Termin habe ich auch den Bürgermeister eingeladen – danach flutschte es förmlich“, freut sich der Vereinsvorsitzende.

Alexander Schur (rechts) reicht Daniel Reisinger einen Schamottstein in den Ofen. Foto: Iris Häfner

Das hat auch mit den engagierten Vereinsmitgliedern zu tun. Die gingen ordentlich in Vorleistung und haben den kompletten Abbau des Backofens gestemmt, was im Angebot berücksichtigt werden konnte. Etwa eine Woche nahm die kräftezehrende Demontage in Anspruch, bei der auch der Reichbacher Peter Häfner maßgeblich beteiligt war. Es mussten Tonnen von Steinen bewegt werden. Als nur noch die Hülle des Backofens besenrein dastand, kam Daniel Reisinger, um sich den Fortschritt anzuschauen und für den Aufbau auszumessen.

Die Dätscher werden vorbereitet. Foto: Iris Häfner

Mit dem Ergebnis war er vollauf zufrieden und während des Neuaufbaus konnte er sich auch weiterhin der Unterstützung der Vereinsmitglieder sicher sein. Die waren nicht nur körperlich gefordert, auch ihre handwerklichen Fähigkeiten wurden hin und wieder auf die Probe gestellt. Am Ende und nach vielen Arbeitsstunden kann sich das Ergebnis sehr zur Freude der Hobbybäcker in Wellingen sehen lassen. Auch viele Dätscher werden hier in den nächsten Jahren herausgebacken.

Daniel Reisinger erklärt den Bäckerinnen und Bäckern den Ofen. Foto: Iris Häfner

Backofen in Uganda gebaut

Bereits im Alter von 15 Jahren begann Daniel Reisinger seine Lehre zum Kachelofen- und Luftheizungsbauer und schloss seine Ausbildung als bayerischer Landessieger ab. Zwischenzeitlich ist er nicht nur Meister seines Fachs, sondern selbständiger Backofenbauer, Dozent und Botschafter für den Backofenbau in Europa. Sein Weg führte ihn von Hamburg direkt nach Wellingen. „Das Backhaus hier ist sehr modern und fortschrittlich gebaut“, lobt er seine Vorgänger.

Ziemlich genau vor einem Jahr war er in Uganda, um einen rauchfreien Küchenofen zu bauen. Der nachhaltige Holzherd mit Backofen steht jetzt im Kinderhaus in Luweero. Mit dem Initiator Vital Kwizera, einem Bäcker aus Burundi, hofft Reisinger, dass sich das Brotbacken in Afrika etabliert und so nicht nur das Leben der Menschen verbessert, sondern ihnen auch Perspektiven ermöglicht.

 

Der Ofen des Wellinger Backhauses ist eingeweiht

Der Wunsch von Daniel Reisinger ging in Erfüllung: Das Backhaus am Wellinger Kirchle wurde beim offiziellen „Anbacken“ am Samstag zum Treff. Dafür ist er extra mit seiner Tochter aus der Oberpfalz angereist. Der Termin war als Deadline gesetzt, denn das Apfelbrot des Kirchlesvereins musste zeitnah für den Weihnachtsmarkt auf dem Notzinger Kelterplatz in den Ofen.

Wellinger und Notzinger von U 20 bis Ü 70 haben sich eingefunden, um sich einweisen zu lassen und den ein oder anderen Tipp abzuholen. Vor allem das Anfeuern des Ofens ist entscheidend. Möglichst rauchfrei soll das vonstattengehen. Davon profitieren vor allem die Anwohner, aber auch die Umwelt. „Krähla“ zum Anfeuern sind demnach ab sofort tabu. Scheitholz wird angezündet und von vorne nach hinten geschoben, um den gemauerten Ofen auf Temperatur zu bringen.

Die Backhausöfen in Notzingen und Wellingen werden beim traditionellen Dätscherfest-Wochenende des Musikvereins im Sommer bis an die Grenze der Belastbarkeit ausgenutzt. Sie sind im Dauerbetrieb extremen Temperaturen ausgesetzt, um die lokale Spezialität den hungrigen Gästen servieren zu können. Schlag auf Schlag muss das gehen – und der Ofen eine höhere Temperatur als beim Brotbacken aushalten. Aus diesem Grund waren auch Mitglieder des Musikvereins dabei, die beim Ausbacken der lokalen Köstlichkeit dabei sind, denn der Verschleiß des Ofens soll sich künftig in Grenzen halten.

Dass Dätscher und Pizza zweierlei Gebäckarten sind und sich die Backart nicht eins zu eins übertragen lässt, musste auch der Backofen-Profi erkennen. Der Tribut war ein Blech recht dunkel geratener Dätscher. Während auf der linken Seite des Ofens die Bleche eingeschossen und ausgebacken wurden, brannte rechts noch das Holz. Die Bleche drehen und zügig herausnehmen war die Erkenntnis, die schnell umgesetzt wurde. Von Zwischenheizen mit kleinen Scheiten oder Ästen war beim Fachsimpeln rund ums Backhaus zu hören.

„Der Ofen braucht Luft, sonst kann es sein, dass man mit der Flasche Bier in der Hand nicht mehr aufwacht“, machte der Urbayer auf die Gefahren aufmerksam, die beim Heizen des Ofens speziell im Winter lauern. Das giftige Gas Kohlenmonoxid (CO) ist geruchlos und kann eine akute Lebensgefahr darstellen, wenn ein Ofen es freisetzt. Dies passiert beispielsweise durch zu wenig Sauerstoffzufuhr und damit unvollständiger Verbrennung. Deshalb sollte man sich im Backhaus nicht bei geschlossenen Fenstern und Türen aufhalten.

Die ofenwarmen Dätscher wurden in geselliger Runde schnell verspeist. Vorbereitet hat sie Trudi Graf mit ihren Helferinnen und Helfern. Egal ob mit Speck, Kümmel, Schnittlauch oder gemischt belegt konnte sich jede und jeder seinen Lieblingsdätscher vom Blech holen. Mit Fachsimpeln und Gesprächen wurde die Zeit überbrückt, bis der Ofen die abgekühlte Temperatur erreicht hatte, um den Teig fürs eingenetzte Brot einzuschießen. ih