Die vergangene Woche verunglückte Seilbahn Elevador da Glória in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon war in der Maschinenfabrik Esslingen (ME) gebaut worden. Sie war eine der ersten Standseilbahnen, die in dem Traditionsunternehmen hergestellt wurden.
16 Menschen sind bei dem Unfall am 3. September zu Tode gekommen. Seit 1885 transportierte die Standseilbahn des Esslinger Unternehmens Einheimische und Touristen. Sie verbindet die Unterstadt mit dem belebten Viertel Bairro Alto und führt zum Aussichtspunkt São Pedro de Alcântara. In Südwestdeutschland verkehren viele Standseilbahnen, darunter auch die 1929 eröffnete Bahn vom Südheimer Platz zum Stuttgarter Waldfriedhof.
Nostalgie mit Holzsitzen
Der Elevador oder Ascensor da Glória überwindet auf einer Strecke von 265 Metern einen Höhenunterschied von 48 Metern. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 17 Prozent gehört die Standseilbahn zu den steilsten ihrer Art – an der steilsten Stelle werden 20 Prozent erreicht. Eröffnung war am 24. Oktober 1885 – es war die zweite Standseilbahn Lissabons.
Der Ingenieur Raoul Mesnier du Ponsard, der auch den ein Jahr älteren Ascensor do Lavra in Lissabon entwarf, war für das technische Konzept verantwortlich. Die schwäbische Maschinenfabrik war sowohl am Bau der Infrastruktur als auch an der Herstellung der ersten Fahrzeuge beteiligt. Zunächst wurde die Bahn mit Wasserballast betrieben. Die nostalgischen Wagen aus der ME wurden mit Holzsitzen und eleganten Messingdetails ausgestattet.
Die Maschinenfabrik Esslingen (ME) wurde 1846 gegründet. Das Unternehmen produzierte unter anderem Lokomotiven, Triebwagen, Straßenbahnen und Standseilbahnen. 1968 wurde die ME weitgehend aufgelöst, die formale Abwicklung war 2003.
Höhenunterschiede überwinden
Bei einer Standseilbahn befahren zwei Wagen, die durch ein Drahtseil verbunden sind, eine Steigungsstrecke. Solche Bahnen kommen immer dort zum Einsatz, wo wegen großer Höhenunterschiede auf kurzer Strecke Steigungen überwunden werden, bei denen Schienenfahrzeuge an ihre technische Grenze stoßen und Zahnradbahnen nicht machbar sind.
„Um die Höhenunterschiede zwischen der tiefer gelegenen Altstadt Lissabons mit höher gelegenen Stadtteilen zu verbinden, wurden 1885, 1892 und 1893 insgesamt drei Standseilbahnen gebaut“, erinnert Karin Waedt vom Esslinger Stadtarchiv an die Historie des Projekts in Portugal. „Am Bau des Ascensor da Glória, des Ascensor da Estrela und dem Elevador da Graça war die Maschinenfabrik Esslingen maßgeblich beteiligt.“
„Zwischen 1888 und 1897 realisierte die ME als Komplettanbieter zahlreiche weitere Standseilbahnen im In- und Ausland“, sagt die Historikerin. Die 1928 erbaute Rittersturzbahn in Koblenz sowie die 1929 fertiggestellte Bahn zum Waldfriedhof in Stuttgart seien die letzten echten Standseilbahnen der Maschinenfabrik Esslingen gewesen. „In den 1950er Jahren gab die ME diesen Fertigungsbereich ganz auf.
„Die Systeme in Portugal und Stuttgart sind nicht vergleichbar“, sagt Birte Schaper, die Pressesprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen AG. Die Wagen in Stuttgart kommen zwar ebenfalls aus der Esslinger Maschinenfabrik. Doch der Antrieb unterscheide sich deutlich. „Die Bahn wird über den Motor an der Bergstation gesteuert“, beschreibt Schaper das System. Von dort aus ließen sich die Wagen im Notfall auch bremsen. Das ist bei der Bahn in Portugal anders. Da werden die Wagen mit Elektromotoren in den Fahrzeugen betrieben.

