In Zeiten, in denen Print-Produkte von digitalen Medien vielfach überholt werden, boomen die Reiseführer des Verlags MairDumont in Ostfildern. Die Verlegerin Stephanie Mair-Huydts weckt mit neuen Formaten die Lust an gedruckten Reiseführern. Als Global Player ist der Verlag auf dem internationalen Markt sehr erfolgreich. Dennoch setzt das Unternehmen auf den Standort: „Wir fühlen uns in Kemnat verwurzelt.“
Frau Mair-Huydts, das breite Portfolio der Verlagsgruppe MairDumont zeigt, dass gedruckte Reiseführer nach wie vor populär sind. Daran ändert auch die Konkurrenz digitaler Medien nichts. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Stephanie Mair-Huydts: Es kommt darauf an, welche Informationen in den Reiseführern zu finden sind. Reine Fakten ließen sich auch im Internet finden. Mit ChatGPT findet man sie heute ja sogar noch schneller. Was unsere Produkte ausmacht, ist die Kuratierung durch unsere Autorinnen und Autoren. Da recherchieren und schreiben Menschen für Menschen. Das ist etwas, das die Maschine niemals leisten wird. Es gibt ja immer mehr KI-Reiseführer. Da hat man auf Knopfdruck einen Reiseführer zusammengestellt, ohne jemals in Paris gewesen zu sein. Sehenswürdigkeiten wie der Louvre oder der Eiffelturm sind da sicher drin zu finden. Was fehlt, sind die feinen, kleinen Dinge, die der Autor zusammenstellt – ebenso wie die Routen, die individuell auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Ganz wichtig ist die Haptik. Auf Reisen kann man Notizen machen, die Seiten mit Stickern kennzeichnen oder das Buch auch mal mit klebrigen Fingern in die Hand nehmen. Beim I-Phone hat man das nicht so gern. Oft gibt es ja unterwegs auch kein Netz.
In Zeiten von Google Maps sind ja auch Karten leicht im Internet zu finden. Was ist der Grund dafür, dass Sie Ihr Angebot in der Kartografie weiter ausbauen?
Mair-Huydts: Man fragt sich, weshalb man in der Welt noch Karten braucht, wenn doch unser Leben mit Google- oder Apple-Navigationen funktioniert. Und trotzdem schätzen und fordern unsere Leser ganz besonders die Karten in unseren Reiseführern – die extra Pläne zum Rausnehmen und die kleinen Überblickskarten im Buch selbst. Sie geben Orientierung. Bei Marco Polo gibt es etwa „sprechende Karten“. Da sind in Sprechblasen Tipps zu finden, die bei der Planung helfen, etwa wo die schönsten Strände sind oder wo ich mein Quartier zum Wandern am besten finde.
Dennoch ist gerade Ihre Verlagsgruppe sehr offen für neue Medien. Wie kommen KI und andere Medien denn zum Einsatz?
Bei den Inhalten arbeiten wir überhaupt nicht mit KI. Unsere Autoren kennen die Städte, die Restaurants und die schönsten Ecken aus eigener Erfahrung. Unsere Fotos sind von Fotografen gemacht. Deren Blick auf die Städte und Landschaften macht den Reiz aus. In anderen Bereichen lassen wir uns aber gerne von der KI unterstützen, etwa beim Zusammenstellen von Pressetexten oder beim Testen von neuen Konzepten.
Ein Grund für den Erfolg Ihrer Reiseführer-Reihen wie Baedeker, Marco Polo oder Lonely Planet ist darin zu suchen, dass Sie passgenau auf Zielgruppen zugeschnitten sind. Bewährt sich dieses Konzept?
Das bewährt sich auf jeden Fall. So haben wir die Möglichkeit, bei den jeweiligen Interessen in die Tiefe zu gehen. Die ganz normalen Reiseführer versuchen, einen umfassenden Überblick zu geben. Zunehmend gut laufen aber gerade die Produkte für spezielle Interessen wie etwa Reisen mit dem Camper, Outdoor-Reisen oder Urlaub mit Kindern. Wenn man nicht genau spezifiziert, für wen das Buch konzipiert ist, dann wird es Wischiwaschi. Wir müssen ja auch den Autoren ein klares Ziel setzen. Dabei kann ein und dieselbe Person verschiedene Interessen haben und unterschiedliche Reiseführer brauchen. Wenn ich mit meinem Mann am Wochenende unterwegs bin, habe ich andere Bedürfnisse als bei einer Städtereise mit Freundinnen oder bei einem Trip mit den Kindern. Das macht unsere Individualität aus.
Die junge Generation gilt es für Print-Produkte zu begeistern. Sie ist mit digitalen Medien aufgewachsen. Was finden junge Leute spannend?
Bei den Reiseführern ist das der Marco Polo. Der liefert Informationen schnell und kompakt. In der Lonely-Planet-Reihe haben wir Ausgaben für das Reisen mit Teens und Twens. Es ist aber nicht so, dass die jüngeren Zielgruppen keine Bücher mehr wollen. Gerade für die 30- bis 45-Jährigen ist das hochwertige „Gestalten“-Programm hochattraktiv. Unsere Neuerscheinung „Malen nach Zahlen“ mit Motiven aus Japan kommt bei einer jungen Zielgruppe an. Bei Instagram sehe ich, wie gerade junge Leute neue Formate annehmen. In dieser Generation sind viele buchaffin.
Mit Ihren Reiseführern machen Sie Menschen mit anderen Kulturen vertraut. Sie öffnen Horizonte. Welchen Stellenwert hat dieser Auftrag für Sie als Verlegerin?
Wir möchten die Menschen in die Welt entführen und ein bisschen zur Völkerverständigung beitragen. Wir zeigen unseren Lesern auf, wie man mit Menschen anderer Länder und Kulturen in Kontakt kommt, was sie bewegt, woran sie glauben, was sie essen. Wir wollen Vorurteile abbauen und die Vielschichtigkeit und Schönheit unseres Planeten zeigen. Dann schätze ich ihn auch mehr und bewege mich vorsichtiger.
Nachhaltigkeit ist beim Reisen ein großes Thema. Wie tragen Sie dem Rechnung?
Das Thema Nachhaltigkeit ist mir ein sehr großes Anliegen. Unsere Mission ist bewusstes und rücksichtsvolles Reisen. Wir setzen uns für einen kulturell, sozial und ökologisch verträglichen Tourismus ein. Der Fußabdruck beim Skifahren wird zu 80 Prozent durch die Anreise verursacht. Deshalb nennen wir in unseren Reiseführern die Bahn zuerst – denn da sieht die Umweltbilanz viel rosiger aus. Grüne Themen und fairen Handel rücken wir in den Vordergrund, geben Tipps, wo ich tolle lokale Produkte erleben und testen kann.
Der Verlag MairDumont ist ein Global Player. Dennoch sind Sie stark im Ostfilderner Stadtteil Kemnat verwurzelt. Reichen die Entwicklungsmöglichkeiten dort aus?
Unser Oberbürgermeister Christof Bolay sagt oft, wie stolz er darauf ist, dass jeder zweite verkaufte Reisebuchführer aus Ostfildern kommt. Wir wollen, dass unsere Marken im Vordergrund stehen; deshalb wissen viele gar nicht, dass sie vom Verlag MairDumont kommen. Wir sind als Familie wie auch als Unternehmen hier in Ostfildern verwurzelt. Da haben wir ein gutes Netzwerk. Und trotzdem sind wir global aufgestellt mit unseren Tochterunternehmen und Standorten in Innsbruck, Wien, Berlin, München, New York, Bern, England oder Tschechien. Bei Bedarf könnten wir in Kemnat weiter expandieren. Die öffentliche Verkehrsanbindung könnte zwar besser sein. Aber ansonsten stimmt alles. Man hat den Blick auf die Schwäbische Alb, und man sieht die Flugzeuge in die weite Welt starten.

