Cello spielt die junge Nürtingerin leidenschaftlich gerne. Und deshalb wollte sie das Instrument auch studieren. Dann wurde es doch Architektur. „Damit kann man mehr bewegen“, sagt Camilla Ludwig. Konkreter etwas bewegen. Und das tut sie nach Abschluss ihres Bachelor-Studiums gerade auch: Im kleinen Dorf Dhoksan in Nepal baut sie einen Kindergarten. Ehrenamtlich.
Etwas aufbauen. Etwas Bleibendes schaffen. Das tut die 24-Jährige nun fünf Monate lang in einer Weltengegend, die nicht gerade mit Wohlstand gesegnet ist. Dabei geht es für sie freilich um Architektur. Aber vor allem geht es ihr darum, etwas nachhaltig zu verändern. Das ist auch der Ansatz der Organisation Supertecture, die vor zehn Jahren von Till Gröner gegründet wurde. Dieser ehrenamtlichen Vereinigung von Architekten, die in Nepal und Afrika gemeinnützige Bauprojekte plant und umsetzt, ist Camilla Ludwig beigetreten. Zusammen mit ihrer Stuttgarter Kommilitonin Sophia Voelskow-Vallespir aus Freiburg.
In Dhoksan, droben auf 1800 Metern, fangen die beiden jungen Fachfrauen nicht bei null an. Das Schulgebäude ist schon erweitert worden. Zuletzt ist eine Community Lodge entstanden. Zwei Menschen können da unterkommen. Die Einnahmen bekommt die Dorfgemeinschaft. Das soll für den gewünschten nachhaltigen Effekt sorgen.
Jetzt ist der Kindergarten an der Reihe. Der könnte den entscheidenden Unterschied machen, glaubt Camilla Ludwig. Denn: „In diesem Dorf haben die Kinder nur begrenzten Zugang zu umfassender Bildung.“ Viele von ihnen wachsen in Armut auf. Doch die junge Nürtingerin, die 2017 am Hölderlingymnasium ihr Abitur ablegte, hegt mit ihrer Freiburger Gefährtin einen großen Traum: Jedes Kind auf der Welt soll die Möglichkeit haben, sein Potenzial zu entfalten.
Die beiden belassen es aber nicht beim Träumen. Sie packen an. Denn den Kindern in Dhoksan mit seinen rund 250 Einwohnern soll der Kindergarten das Tor zur Bildung und damit zu einem besseren Leben öffnen: „Er soll auch ein sicherer Ort zum Lernen, Spielen und Wachsen sein.“ Ein solcher Ort frühkindlicher Bildung fehlt in Dhoksan für die 50 bis 60 Kleinen. Deshalb kommen sie bislang in der Schule unter. Dort aber sollen 130 Kinder unterrichtet werden. „Sie brauchen die beiden Räume“, sagt Camilla Ludwig. Also sollen die Kleinen ihr eigenes Haus bekommen, damit die Räume den Schulkindern zurückgegeben werden können.
Holz statt Beton
Die Kinder wirken übrigens mit am Projekt. So sollten sie zum Beispiel die Steine für die Stützmauer anmalen. „Wir ermutigen sie, wollen ihnen Selbstbewusstsein vermitteln.“ Auch die Schulkinder werden im Unterricht von den beiden jungen Deutschen an das Thema Architektur herangeführt. „Die Leute sollen sich identifizieren mit dem, was wir bauen“, sagt Camilla Ludwig.
Das gilt natürlich auch für die Arbeiter. Die sind alle aus dem Ort. „Eine Handwerksausbildung, wie wir sie kennen, gibt es in Nepal nicht“, berichtet Camila Ludwig. Aber die Menschen bauen dort alles selbst. Mit den Mauern kennen sie sich aus, über Holzbau wussten sie nicht so viel. Kein Wunder, dass den Plänen der sechsköpfigen europäischen Truppe anfangs Skepsis entgegenschlug. Wegen der Erdbebenhäufigkeit dort setze man eher auf den teureren Beton. „Der Holzbau eignet sich da aber sehr gut“, stellt die Fachfrau klar. Nur die Bodenplatte werde freilich aus Beton gegossen. Der Vorteil von Holz: Er könne viel mehr an Energie aufnehmen und besser auf Erschütterungen reagieren. Camilla Ludwig: „Das musste man aber erst einmal erklären.“ Dabei sei es wichtig, den Menschen dort trotz des eigenen Fachwissens auf Augenhöhe zu begegnen. Für die jungen Architektinnen und ihre Mitstreiter aus Österreich und Berlin ist das auch eine Lebensschule.
Camilla Ludwig & Co. nehmen aber noch mehr mit. „Wir arbeiten richtig am Bau mit“, sagt sie. Mauern, Fachwerk: Dabei lerne man viel. Dinge, die man später nicht mehr mache: „Das ist megacool.“ Auch mit der Erdbebensicherheit mussten sie sich intensiv beschäftigen.
Auf der Baustelle geht es indes nach deutschen Maßstäben manchmal doch sehr abenteuerlich zu, räumt Camilla Ludwig ein. Die Arbeiter tragen gewöhnlich Schlappen statt Sicherheitsschuhe und kraxeln dann auf den Holzkonstruktionen umher.
Auch im Alltag mussten sich die Europäer etwas umstellen. „Eine Frau kocht für alle, auch für die Bauarbeiter“, berichtet sie. Die Ernährung sei sehr einseitig, nach einem Monat des Aufenthalts empfinde sie sie aber schon als „superlecker“. „Dal Bhat“ ist das nepalesische Nationalgericht. Reis, Linsensoße, scharfes Gemüse: Das gebe es immer morgens um 10 Uhr, im ganzen Land.
Schlafen bei den Ziegen
„Den Schlafplatz teilen wir uns mit den Ziegen“, sagt Camilla Ludwig schmunzelnd. Das Matratzenlager liegt im Stall. Ein Gehalt beziehen die Ehrenamtlichen selbstredend nicht. Das Projekt soll ja so günstig wie möglich realisiert werden. 30 000 Euro wird das neue Gebäude kosten. 10 000 Euro kommen von Supertecture, der Rest muss über Spenden finanziert werden. Natürlich würde sich Camilla Ludwig da auch über Unterstützung aus der schwäbischen Heimat freuen. Der schönste Lohn für sie selbst: Sie kann etwas für die Kinder tun. Die freuten sich unendlich und seien so süß: „Das gibt einem sehr viel.“
Deshalb bereut sie ihren Entschluss zum Einsatz in Nepal auch überhaupt nicht. Vor dem Beginn des Masterstudiums, das sie an ihrer „Traum-Uni“ in London absolvieren wird, einfach nur zu reisen, ein Praktikum zu machen oder zu arbeiten, wäre für sie nicht in Frage gekommen. Sie wollte sich konkret bei der Lösung eines Problems einsetzen. Etwas Sinnvolles tun, das auch anderen Menschen nützt.
Info Wer das Kindergarten-Projekt im nepalesischen Dhoksan unterstützen möchte, kann das bis 1. Mai mit einer Spende tun. Bankverbindung: GLS Gemeinschaftsbank eG, IBAN DE02 4306 0967 8239 8592 00, BIC GENODEM1GLS. Der Verwendungszweck lautet: „Spende Kindergarten 3 Nepal“.

