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Wasserstoff-Diskussion kommt in Gang

Energie Politik, Energieunternehmen und Forscher haben im Wendlinger Johannesforum über den Nutzen des Energieträgers diskutiert, der allerdings aus dem Ausland importiert werden muss. Von Sylvia Gierlichs

Diskutierten über den Einsatz von Wasserstoff (von links). Landrat Heinz Eininger, Grünen-Landtagsabgeordneter Andreas Schwarz, Rolf Wörner von der Hochschule Esslingen, Ulrich Janischka von der EnBW und Marianne Erdrich-Sommer. Foto: Sylvia Gierlichs

Wasserstoff hatte die Kreistagsfraktion der Grünen zum Thema einer Veranstaltung im Wendlinger Johannesforum gemacht. Mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz, mit Landrat Heinz Eininger, mit Ralf Wörner von der Hochschule Esslingen und Ulrich Janischka vom Energieversorger EnBW hatte Marianne Erdrich-Sommer ein Expertengremium gewonnen, das aus sehr unterschiedlicher Perspektive über das Thema referieren konnte.

Ralf Wörner hat an der Hochschule Esslingen den Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik inne und bietet einen Masterstudiengang Wasserstoffwirtschaft an. „Wieso tun wir uns so schwer, dieser Energieform eine Chance zu geben“, fragte er. Für ihn birgt der Energieträger viele Chancen und könnte zu einer Stabilisierung des Energiemarktes beitragen. Denn er könnte Erdgas ersetzen und auch für die Stahl- und Betonindustrie eingesetzt werden. Für Baden-Württemberg, sagte Wörner, könnte das auch bedeuten, dass neue exportorientierte Güter geschaffen und bestehende Wertschöpfungsketten stabilisiert werden. „Es geht nicht mehr um das Ob, es geht um das Wie“.

Ambitionierte Ziele

„Wie stellt sich die EnBW die Nutzung von Wasserstoff vor?“, wandte sich Erdrich-Sommer an Ulrich Janischka. „Die EU hat hier Ziele vorgegeben, die sehr ambitioniert sind“, sagt der EnBW-Lobbyist und warnt vor Übereuphorie. „Wir steigen im Kohlekraftwerk Altbach aus der Kohle aus und machen das Kraftwerk fit für den Betrieb mit Gas. Das wird die CO2-Emission um 50 Prozent reduzieren. Dann hoffen wir, den Wasserstoff voranbringen zu können“, sagte er. Die Mengen, die man brauche, um klimaneutral zu werden, seien groß. Also müsse er importiert werden und dafür brauche man ein Portfolio. Will heißen, Wasserstoff kann künftig nicht nur aus Spanien kommen, wie es die Absichtserklärung nahelegt, die im Herbst 2023 mit Andalusien und Spanien geschlossen wurde, sondern auch aus dem Nahen Osten oder aus Mittelamerika.

Dass sich die EnBW neuen Energieträgern zuwendet, leuchtet ein. Auch für den Landkreis ist der Energieträger wichtig. „Die Standortentwicklung ist ein Auftrag, dem sich der Landkreis zuwenden muss“, sagte Landrat Heinz Eininger. Auch ist der Landkreis für die Versorgungssicherheit verantwortlich. Im Rahmen der Wirtschaftsförderung müsse man sehen, dass Arbeitsplätze, die wegfallen, ersetzt werden, mithilfe neuer Technologien. „Wir müssen rechtzeitig dabei sein.“ Wasserstoff sei, so Eininger, der Schlüssel für die Energiewende. Das Gesetz zur Beschaffung sauberer Straßenfahrzeuge verpflichte öffentliche Auftraggeber, eine Mindestquote für komplett emissionsfreie Fahrzeuge einzuhalten. Deswegen hat der Landkreis auch eine Potenzialanalyse bei der Hochschule Esslingen in Auftrag gegeben, um eine Wasserstoffstrategie festzulegen.

„Wasserstoff ist das grüne Wirtschaftswunder“, zeigte sich der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz begeistert. Seine Hoffnung: Wasserstoff kann viele Industrieprozesse klimafreundlich machen. „Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes Baden-Württemberg“, sagte er. Dass Deutschland genügend Wasserstoff im eigenen Land produzieren kann, hält Schwarz für unwahrscheinlich. Und sprach die Pläne des Landes an, mit Spanien kooperieren zu wollen. Das hat jedoch auch noch einige Unwägbarkeiten parat, denn nur bis Marseille reicht die Zusage für den Transport des Wasserstoffs derzeit. Frankreich hat noch keine Zusage gegeben, eine Pipeline verlegen zu lassen.

Wird es Wasserstoff als Ersatz für Gas auch bald in den Haushalten im Kreis geben, fragten sich einige Bürger und Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs forderte dies sogar. Geht es nach Ralf Wörner, dann sollte das so sein. Die EnBW ist da wesentlich zurückhaltender. Ulrich Janischka plädiert sogar dafür, nicht nur auf grünen Wasserstoff zu setzen. Der Einsatz von blauem Wasserstoff, der nicht mit erneuerbarer Energie hergestellt wird, sondern mit Erdgas, spalte zwar CO2 ab, sei aber günstiger als grüner Wasserstoff. „Das gibt uns einen Zeitpuffer“, sagte Janischka.

Auch Johannes Schumm, Vertreter des Stuttgarter Flughafens, berichtete, dass sich der Flughafen derzeit schon auf den Einsatz von Wasserstoff-Flugzeugen vorbereite. Dort ist das Start-up H2Fly angesiedelt. Mit etwa fünf Millionen Euro fördert das Land das Unternehmen, das in einem Hangar auf dem Flughafengelände Teststände, Werkstätten und Labore bereithält, um die Entwicklung wasserstoffelektrisch betriebener Antriebe zu fördern. Ab 2029 soll eine 40-sitzige Dornier mit Brennstoffzelle mit einer Tankfüllung Wasserstoff bis nach Kreta fliegen. Die Firma Airbus will bis 2035 mit einem Passagierflugzeug mit 100 Plätzen an den Start gehen. „Wenn die Maschinen startklar sind, muss der Wasserstoff am Flughafen sein“, sagte Schumm.

Wasserstoff, erzeugt in Spanien, soll in Deutschland also nicht nur die Nutzung von Gas in der Industrie ersetzen, sondern auch Flugzeuge betanken und Privathaushalte versorgen. Allerdings gelinge das nur, wie Ralf Wörner und Ulrich Janischka bestätigten, wenn in großem Stil Meerwasser entsalzt werde, um das Süßwasser zu erzeugen, aus dem im wasserarmen Spanien Wasserstoff hergestellt werden soll.