Nach 43 Jahren, 2,75 Millionen Kilometern und mehr als 70.000 Stunden auf dem Fahrersitz ist es auch mal gut mit dem Busfahren – könnte man meinen. Offiziell hat Rainer Burkhardt zum 1. Juli zwar seinen wohlverdienten Ruhestand eingeläutet. Der Mercedes-Bus, den er stets selbst gesteuert hat, ist ebenfalls verkauft und die Garage auf dem Firmengelände in Weilheim beherbergt noch Gerätschaften, aber keinen Bus mehr.
Doch als das Telefon in seinem Büro klingelt, wird schnell klar: Ganz kann der 66-Jährige noch nicht von seiner Leidenschaft lassen. Ein Stammkunde ist am Apparat und fragt wegen Details für eine Tour nach. „Mit einem befreundeten Busunternehmer mache ich im Herbst eine Tour nach Slowenien“, sagt er.
Irgendwann wird man nicht mehr auf so viele Geburtstage eingeladen.
Rainer Burkhardt musste im Privatleben Abstriche machen.
Das Hintertürchen zum Weitermachen steht nicht zufällig offen. „Die Lizenz habe ich noch mal für zehn Jahre verlängert“, fügt er lachend hinzu.
Die Begeisterung für Busse ist offenbar erblich. Sein Vater arbeitete in einem Busbetrieb und leistete sich von dem Gehalt einen eigenen Bus, mit dem er am Wochenende eigene Touren veranstaltete. 1962 war das Geburtsjahr von „Omnibus Burkhardt“.
Frau Christel organisiert alles
Und auch für Sohn Rainer war früh klar, dass er in Vaters Fußstapfen treten will. „Ich habe als Grundlage eine Kfz-Lehre gemacht. Im Nachhinein wäre eine kaufmännische Lehre besser gewesen“, sagt er heute. Denn in die Verantwortung kam er schnell. Sein Vater hat ihn 1982 mit Anfang 20 in den elterlichen Betrieb geholt. Mit 31 übernahm er 1990 die Firmenleitung, ein Jahr vor dem Tod seines Vaters. Damals gab es zwei Busse und noch einen zweiten Fahrer, doch Rainer Burkhardt entschied sich, mit einem Bus weiterzumachen, den er selbst steuerte. Seit 2003 bot er dann komplette Reisen an.
Dass er das nicht im Büro machen wollte, sondern am Steuer eines Mercedes-Busses, wurde ihm schnell klar. Mit Leuten unterwegs sein, das war für ihn ein Traumjob. Für die Organisation und die „Fäden“ im Hintergrund hatte er glücklicherweise eine wichtige Person an seiner Seite: Ehefrau Christel. Die hat er – man kann es leicht erraten – auf einer Busreise nach Italien kennengelernt. Damals saß aber nicht er, sondern sein Vater am Steuer.

Wer in seinem Leben zusammengerechnet acht Jahre durchgehend auf dem Fahrersitz verbracht hat, muss im Privaten die einen oder anderen Abstriche machen. „Irgendwann wird man nicht mehr auf so viele Geburtstage eingeladen. Man hat ja meistens sowieso keine Zeit“, sagt Rainer Burkhardt. Auch die Fußballkarriere beim TSV hat der begeisterte Kicker aufgeben müssen, lediglich bei den alten Herren hat er dann noch weiter gekickt. Doch der Weilheimer Busunternehmer bereut keine Sekunde auf dem „Bock“. Er lernte quasi ganz Europa kennen und viele Menschen. „Rund 90 Prozent der Kunden waren Senioren, das ist eine sehr angenehme Kundschaft: Korrekt, pünktlich und schaut nicht zu sehr auf’s Geld.“
Wenn die Busfahrt an das Nordkap ging, gab es wenig Zeit, dafür waren die Strecke und die Tagestouren zu lange. Aber bei anderen Zielen konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und selbst in Urlaubsstimmung kommen. So haben es ihm die Thermalbäder in Slowenien besonders angetan. Bis heute pflegt er enge persönliche Kontakte in dem vielseitigen Balkanstaat. Eine „Kollektion“ aus slowenischen Honiggläsern in seinem Büro zeugen davon. „Dort gibt es alles: Berge, Meer und eine fantastische Natur“, sagt Burkhardt begeistert.

Was seinen Job ausgemacht hat, sind auch die zahlreichen Anekdoten, die man erlebt. Wie die einer über 90-jährigen Stammkundin, die schon mit seinem Vater gefahren ist. „Sie hatte das Privileg, den Platz des Reiseleiters einzunehmen, und sagte mir: ,Nach rechts müssen Sie nicht schauen, das mache ich für Sie.‘ Dann erzählte sie mir später auf der Reise von ihren Augenproblemen.“
Rauchen beim EKG
Unvergessen auch der Besuch in einem italienischen Krankenhaus. Es war eine kritische Situation, in der Rainer Burkhardt Verantwortung übernehmen musste. Ein Reiseteilnehmer hatte auf Ischia einen Herzinfarkt erlitten, da hieß es für Burkhardt schnell zu handeln und ein Krankenhaus aufzusuchen. Im Behandlungszimmer staunte der Schwabe dann nicht schlecht: „Der Krankenpfleger, der das EKG machte, hat im Krankenzimmer geraucht.“ Natürlich sei das Ganze 30 Jahre her und würde heute sicher nicht mehr vorkommen. Dennoch zeichne die Lässigkeit für ihn bis heute Italien aus, das neben Österreich und Slowenien zu seinen Lieblingszielen gehört.
Jetzt hätte er Zeit für Fernreisen nach Afrika oder Asien – doch diese Touren reizen ihn nicht. Mit der neu gewonnenen Freizeit will er sich lieber mehr um seine vier Enkel kümmern, Konzerte besuchen – dafür war früher keine Zeit – und natürlich die eine oder andere Reise mit seiner Frau machen. „Ich möchte ihr noch so viele Sachen zeigen“, sagt er. Es geht also an Ziele, die er früher mit dem Bus bereist hat, Fernreisen sind seine Sache nicht. Denkbar wäre auch eine Reise mit dem Bus, allerdings säße Rainer Burkhardt dann auf dem normalen Passagiersitz, nicht dem Fahrersitz. „Das würde ich gerne mal machen, nur aus Neugierde“, sagt er schmunzelnd. Denn tatsächlich hat er die Fahrten immer auf seine ganz persönliche Weise gemacht und sich nicht an anderen orientiert. Wie es „die anderen“ machen, würde ihn interessieren.

Instinktiv hat der Weilheimer wohl viel richtig gemacht, davon zeugt eine treue Kundschaft. Die meisten seien seit 20 Jahren dabei gewesen, viele sogar 30 Jahre, erzählt er. Die Treuesten hatten dann im Mai und Juni Gelegenheit, sich auf zwei Fahrten von „ihrem“ Rainer Burkhardt zu verabschieden. Es ging nach Österreich, einem der Lieblingsziele des Reiseunternehmers, zu einem Hotel, mit dem die Weilheimer Firma seit 30 Jahren zusammengearbeitet hat. Auf der letzten Fahrt war auch viel Melancholie im Spiel. „Viele haben gesagt: Wir gehen mit Dir in Rente“, sagt er lächelnd.
An die nächste Generation konnte er das Busfahrer-Gen nicht weitergeben. Sohn Torsten arbeitet bei Elektrowerkzeughersteller Metabo, Tochter Kerstin bei Daimler Truck. „Die haben gesehen, wie viele Wochenenden ich unterwegs war“, zeigt der Neu-Rentner Verständnis. Dennoch war es für ihn der schönste Beruf, den er sich vorstellen kann – und das haben seine Gäste gespürt.


