Wirtschaftlichkeit
Welche Rolle spielten die Fallzahlen?

Ein Chefarzt am Klinikum Esslingen wird wenige Jahre vor dem Ruhestand fristlos entlassen. Lag es an zu geringen Fallzahlen? An Krankenhäusern geraten Ärzte deswegen unter Druck.

Am Klinikum Esslingen wurde ein Chefarzt fristlos entlassen – möglicherweise wegen Zielvereinbarungen. Foto: Roberto Bulgrin
Am Klinikum Esslingen wurde ein Chefarzt fristlos entlassen – möglicherweise wegen Zielvereinbarungen. Foto: Roberto Bulgrin

Drei Jahre vor seinem Ruhestand wird Chefarzt Ludger Staib fristlos entlassen. Über die Hintergründe wahrt der einstige Arbeitgeber, das Klinikum Esslingen, auch auf Nachfrage Stillschweigen: „Zu Personalangelegenheiten äußern wir uns in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht“, so eine Sprecherin. Der Fall liegt vor Gericht.

Vier ehemalige Chefärzte des Klinikums Esslingen werden dagegen deutlicher. In einer Ehrenerklärung sprechen sie von „fadenscheinigen Begründungen“, die zur Entlassung geführt hätten. Die Arbeit des Chirurgen im Bereich Allgemein- und Viszeralchirurgie beschreiben sie als „hervorragend und vorbildlich“. Die Schlussfolgerung: „Den Unterzeichnern drängt sich der schwerwiegende Eindruck auf, dass hier händeringend nach einem Vorwand gesucht wurde, um das Arbeitsverhältnis eines verdienten und leistungsfähigen Chefarztes drei Jahre vor seinem Ruhestand vorzeitig zu beenden.“

Die vier Ex-Chefärzte, namentlich Jürgen Degreif, Thorsten Kühn, Matthias Leschke und Florian Liewald, stellen einen möglichen Hintergrund in den Raum: „Der Krankenhausleitung war wohl im Vorfeld der fristlosen Freistellung mitgeteilt worden, es habe ernste Gespräche zwischen Geschäftsführung und Herrn Staib gegeben zur Erreichung der Fallzahlen und zum Erhalt des Zertifikats des Darmzentrums.“

Eine Vorschrift aus dem Jahr 2008 schließt Vereinbarungen zwar aus, die finanzielle Anreize für einzelne Leistungen, Leistungsmengen oder Leistungskomplexe setzen. Doch: „Zahlen bestimmen das gesamte Krankenhausleben“, sagt Jürgen Degreif. Er war Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Esslingen. Der 70-Jährige, der vor vier Jahren in Rente gegangen ist, sagt: „Es ist ja ein Wirtschaftsbetrieb.“ Dies gelte für alle Häuser. Er könne aber niemandem einen Vorwurf machen: „Klinikträger, Geschäftsführer, Krankenkassen und auch die Ärzte sind in dem System gefangen.“

Der Druck, Fallzahlen zu erreichen, sei hoch: „Hohe Fallzahlen, hohe Einnahmen“, fasst Jürgen Degreif zusammen. Zudem seien sie wichtig, um Zertifizierungen zu halten oder zu erreichen. Werde eine bestimmte Operationsart nicht oft genug durchgeführt, verliert das Krankenhaus nicht nur das Zertifikat und dürfe sich fortan nicht mehr „Zentrum“ nennen, sondern darf diese Operation auch zukünftig wegen der sogenannten Leistungsgruppen-Regelung nicht mehr durchführen. Einerseits sei dies sinnvoll, da die Expertise ja tatsächlich fehle, wenn man komplexe Operationen nur selten durchführe, aber andererseits würden die Krankenhäuser nun darum kämpfen, die Leistungsgruppen sowie die Zertifizierungen zu behalten.

Daher werde Druck auf Chefärzte ausgeübt, sagt Jürgen Degreif: Einmal im Monat gebe es eine Chefarztkonferenz, bei der die neuesten Entwicklungen der Abteilungen präsentiert werden. „Man sitzt wie ein Karnickel vor der Schlange und schaut, ob man rote oder schwarze Zahlen hat und ob man besser oder schlechter als andere Abteilungen dasteht“, beschreibt Degreif. „Einmal habe ich auf die Frage, wie ich gegensteuern wolle, geantwortet: ‚Ich kann die Leute doch nicht die Treppe runterschubsen oder Schrauben reindrehen, wo keine reingehören‘“, erinnert sich Degreif.

Das Wirtschaften in Krankenhäusern, die ja eigentlich Teil der medizinischen Grundversorgung seien, habe aus seiner Sicht absurde Züge angenommen. Für ihn sei klar, dass diese Arbeitsweise dazu führe, dass „viel operiert wird, was der Operateur sich selbst nicht operieren lassen würde.“

Nachfrage bei den Medius-Kliniken im Kreis: Spielen Fallzahlen bei den Zielvereinbarungen für Ärzte eine Rolle? Nein, lautet die Antwortet. „Beispiele für mögliche Zielvereinbarungen sind etwa die Umsetzung wichtiger Projekte im eigenen Verantwortungsbereich, Prozessverbesserungen oder die Einführung und Etablierung neuer OP-Verfahren zur weiteren Verbesserung der Behandlungsqualität“, so ein Sprecher. Bei den Medius-Kliniken gebe es derzeit keine Zielvereinbarungen, die das Erreichen oder den Erhalt von Zertifizierungen beinhalten.

Der Verband leitender Krankenhausärztinnen und -ärzte (VLK) äußert sich grundsätzlich: Wirtschaftliche Zielvorgaben dürften medizinische Entscheidungen nicht beeinflussen. Ansonsten könne das Vertrauen der Patienten in die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen Schaden nehmen.