Wendlingen. Im Regen mussten die Händler des traditionellen Vinzenzi-Krämermarkts am Morgen ihre Stände in der Unterboihinger Straße aufschlagen. Die frühen Marktbesucher, sie bleiben am Vormittag weitgehend aus. Und auch beim verkaufsoffenen Sonntag ist es ruhig. So unbarmherzig gießt es, dass selbst die traditionelle Prozession und der Gottesdienst auf dem Marktplatz auf der Kippe stehen.
Der Ehrengast zum städtischen Empfang, Cem Özdemir, steht hingegen überpünktlich auf dem Marktplatz und erlebt vor seiner Festrede das traditionelle Birnenteilen. Ein Symbol für Gemeinschaft und Dankbarkeit, dass die Egerländer seit 1978 auch in ihrer neuen Heimat Wendlingen pflegen.
Für den Politiker der Grünen, der bei den Landtagswahlen kommendes Jahr die Nachfolge von Winfried Kretschmann anstrebt, machen Traditionen wie diese Heimat aus. Er lässt die Zuhörer beim städtischen Empfang im Treffpunkt Stadtmitte an seiner eigenen Lebensgeschichte teilhaben. Seine Eltern – die Mutter aus Istanbul, der Vater aus einem kleinen Dorf in der Türkei – haben sich in Deutschland kennengelernt: Er sei, schmunzelt er, ein „Produkt des Prozesses der Migration“, eingewandert über das Kreiskrankenhaus Urach. Für seine Familie sei das Ländle zunächst zweite Heimat, mit jedem Jahrzehnt mehr zur ersten Heimat geworden.

Urach trägt der „anatolische Schwabe“, wie Wendlingens Bürgermeister den Ehrengast begrüßt, nach wie vor im Herzen. Von der Oma seines besten Freundes hat er die Liebe zur Natur und zum Wandern übernommen. Von seiner Nachhilfelehrerin Frau Naumann, dass man nicht immer nur auf die Fehler schauen sollte. Sondern Dinge auch verändern kann, indem man sagt, was gut läuft.
Heimat, das ist für den Spitzenkandidaten der Grünen jedoch nichts, was in der Vergangenheit verharrt. „Das ist Gegenwart und bestenfalls Zukunft“, findet er. Es bedeute nicht nur bewahren, sondern manchmal auch Veränderung. Heimat ist für ihn da, wo die Menschen sich frei und sicher fühlen, verbunden. „Wo man reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist“, so Özdemir.
Die stärkste Kraft, das zu bewahren, Heimat zu geben, liegt für den Bundesminister a.D. in den Menschen, die sich für die Gemeinschaft engagieren. „Sie alle schaffen Heimat“, erklärt Özdemir in seiner Vinzenzirede. Hier sei Baden-Württemberg spitze: Jeder zweite ist hierzulande ehrenamtlich tätig. „Das ist der Kit unserer Gesellschaft“, glaubt Özdemir und will sich mit all seiner Kraft dafür einsetzen, dass dies so bleibt. All dies eingebunden in die europäische Gemeinschaft. „In einer Welt, in der sich vieles nicht zum Besten wendet“, so Özdemir, gelte es zusammenzurücken und zusammenzuhalten.
Weniger Regeln, mehr Selbstbestimmung – das schwingt mit bei der Rede von Cem Özdemir, die ein bisschen wie eine erste Bewerbungsrede für den Ministerpräsidentenstuhl klingt. Man müsse den Menschen vor Ort mehr zutrauen, regt der Grüne unter anderem an: „Was vor Ort geregelt werden kann, sollte vor Ort geregelt werden“, erklärt er. Das Herz der Demokratie schlage in den Kommunen.
Und klar, dass ein grüner Politiker nicht am Thema Natur vorbeikommt. Seinen Auftrag sieht der Spitzenkandidat der Grünen darin, die schöne Heimat wie zum Beispiel die Wacholderheiden auf der Alb, zu wahren: „Dabei können wir alle nur gewinnen“, ist er überzeugt.
Bei der Wirtschaft appelliert der Festredner, nicht nur an Technologien von gestern festzuhalten. Vielmehr müsse sich das Land auf seine Stärken besinnen, das Tüftlertum und den Erfindergeist. Und lobt angesichts der Wiederbelebung des Areals der Otto-Spinnerei und dem neuen Holzparkhaus: „Wendlingen weiß, wie Zukunft geht.“
Zum Zusammenhocken und Schwätzen, zu dem Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel im Anschluss an die Vinzenzi-Rede einlädt, kann der Gast nicht bleiben. Cem Özdemir hat noch einen Besuch in Bad Urach auf der Agenda. Als Ehrenbürger müsse er sich dort zumindest zum Abschluss des Schäferlaufes blicken lassen, entschuldigt er sich.
Für die Wendlinger geht die Zitterpartie weiter. Kurz nach dem Empfang entlädt sich das nächste Gewitter. Pünktlich zum Festzug lacht wieder die Sonne – zumindest auf Zeit. Und so kann der bunte und fröhliche Festzug wie geplant starten. „Mannomann, haben wir gezittert heute“, fasst es Mathias Rödl von der Egerländer Gmoi im Anschluss treffend zusammen. Die Schulen und die Kindergärten zeigten sich schon ganz in Ferienlaune. Blumenketten, Sonnenhüte und Schwimmreifen sind dabei und die Koffer schon gepackt. Der Kindergarten am Berg schickt gleich ganze Käfer- und Bienenschwärme auf den Weg, und die Pfadfinder sind mit dem Zelt angereist.
Nach dem Festzug ist noch lange nicht Schluss: Nachdem die Fahnenträger am Marktplatz aufmarschiert sind, gehören die Bühnen am Treffpunkt Stadtmitte und am Rathaus den verschiedenen Volkstanzgruppen. Zum Auftakt spielen die Siebenbürger Musikanten die Sternpolka – und alle Trachten tanzen mit. Mittendrin als Überraschung Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel.

