Weilheim · Lenningen · Umland
Wie die Firma Protion aus Beuren mit Mini-Robotern die Produktion beschleunigt

Wirtschaft Rainer Buschulte entwickelt mit seiner Firma Protion neue Verfahrenstechniken. Mit einer Erfindung erreichte er das Innovationspreis-Finale des Landkreises. Von Henrik Sauer

Rainer Buschulte (rechts) und Georg Werner von Protion vor der neuen Anlage zur Qualitätsprüfung. Foto: Jürgen Holzwarth

Rainer Buschulte ist ein Tüftler. Er liege am liebsten in oder unter der Maschine, so sagt man über ihn. 2003 hat er die Firma Protion gegründet und sich mit Entwicklungen in der Automatisierung von Produktionsprozessen erfolgreich einen Nischenplatz geschaffen. Für die Erfindung eines neuartigen Robotertyps schaffte es das Beurener Unternehmen im November ins Finale der besten Zehn beim Innovationspreis des Landkreises Esslingen.

Mit dem Orboter – so haben die Macher ihre Anlage getauft, weil dabei kleine Roboter wie auf dem Orbit zu den verschiedenen Bearbeitungsstationen kreisen – lasse sich der gesamte Produktionsprozess auf einer einzigen Maschine steuern, erklärt Georg Werner, Vertriebs- und Marketingleiter bei Protion. Es handelt sich um ein Transportsystem für die Produktion und Montage, mit dem Werkstücke zu den jeweiligen Bearbeitungsstationen geführt und nach der Bearbeitung zur nächsten Station weitertransportiert werden.

„Die Zuführung und Abführung der Teile ist im Produktionsprozess die kritische Schnittstelle“, sagt Werner. Besonders, wenn es um hohe Stückzahlen und kurze Taktzeiten geht. Statt jeweils eines stationären Roboters oder Mitarbeiters übernehmen bei der Anlage von Protion eigens entwickelte Mini-Roboter, sogenannte Probots, diesen Schritt. Sie bewegen sich auf einem magnetisch angetriebenen Förderband in einem geschlossenen Rund. „Mit vier Metern pro Sekunde wirbeln die Teile durch die Gesamtanlage“, erzählt Georg Werner. Mit ihren Saugern oder Greifern bringen die Probots die Werkstücke zu den Arbeitsstationen, setzen die Teile ein und entnehmen sie wieder. „Wir sparen uns damit alle stationären Roboter“, sagt Werner.

Fünf- bis zehnmal höhere Effektivität

Auch mehrere Aufträge gleichzeitig können auf diese Weise bearbeitet werden. Die Taktzeit wird durch die Anzahl der Probots bestimmt. Gegenüber konventionellen Maschinen lasse sich so eine fünf- bis zehnmal höhere Effektivität erzielen, so der Vertriebs- und Marketingleiter.

Der Orboter funktioniert funkgesteuert. Durch den Einsatz von KI-Modulen sei es möglich, komplette Produktionsprozesse selbstregelnd zu gestalten. Durch den Magnetantrieb gibt es keine Kabel, die sich verheddern könnten. Ein Modell der Anlage steht in der Montagehalle des Unternehmens in Oberboihingen. Im Einsatz draußen ist die Maschine noch nicht. Drei Firmen hätten bislang ihr Interesse bekundet, berichtet Georg Werner.

Neue und auf dem Markt noch unbekannte Verfahrenstechniken zu entwickeln, das ist Firmeninhaber Rainer Buschultes Firmenphilosophie. „Von der Vision zum fertigen Produkt“, so beschreibt er sein Motto: „Wir schaffen Lösungen für Probleme der Kunden.“

Genauigkeit von unter einem My

Vor vier Jahren ist als weitere Kernkompetenz die Qualitätskontrolle mittels Bildverarbeitung hinzugekommen. Diese Anlagen nehmen inzwischen einen breiten Raum bei den Aufträgen ein, berichtet Georg Werner. Ins Spiel kommt das Beurener beziehungsweise Oberboihinger Team vor allem dann, wenn es komplexe Teile zu überprüfen gilt, was mit Standardmaschinen nicht zu machen sei, wie Werner sagt: „Wir sind in der Lage, bei geringster Taktzeit Messergebnisse zu liefern mit einer Genauigkeit von unter einem My.“

Auch hier wartet das Unternehmen ganz aktuell mit einer weiteren Innovation auf. Für einen hiesigen Hersteller wurde eine Anlage entwickelt, mit der Keramikscheiben auf feinste Risse oder sonstige Beschädigungen untersucht werden. Verwendet werden die Keramikscheiben in der Textilindustrie. Im konkreten Fall wird mit ihrer Oberfläche der Wollfaden aufgeraut, um ihn flauschig zu machen. Sie müssen deshalb absolut makellos sein.

Wurde dies vom Anwender bislang aufwendig von Hand und in einem Laugenbad mittels UV-Licht geprüft, haben die Protion-Konstrukteure eine Methode entwickelt, die Prüfung mit Kameras und entsprechender Bildverarbeitung zu machen. Nicht nur, dass damit die visuelle Prüfung durch Mitarbeiter mit der umwelt- und hautbelastenden Flüssigkeit entfällt, lässt sich so auch die Taktzeit auf vier Sekunden pro Teil erhöhen. „Wir sparen gegenüber der Laugenbad-Methode einen Tag Durchlaufzeit ein“, verdeutlicht Werner.

In Zukunft setzt man bei Protion den Schwerpunkt auf eine Verbindung der Technologien Orboter und Qualitätskontrolle. Beide Kompetenzen kombiniert, Bildverarbeitung und Maschinenbau, das könnten nur wenige, ist Buschulte überzeugt: „Dadurch hätten wir ein Alleinstellungsmerkmal.“

Wie sich die Firma entwickelt hat

Der Firmeninhaber Rainer Buschulte begann seine Laufbahn bei Heidelberger Druckmaschinen, zunächst in der Produktion, dann als Entwickler und im Marketing. Nach Stationen bei zwei weiteren Unternehmen machte er sich in Beuren selbstständig. Zunächst als reiner Konstruktions-Dienstleister. Mit einem israelischen Unternehmen entwickelte er eine Maschine zum Herstellen von Faltschachteln mittels Lasertechnologie – damals ebenfalls eine Neuheit.

Anfragen von Kunden, die über die Konstruktion hinaus Prototypen haben wollten, führten dazu, dass Buschulte 2015 eine eigene Fertigung für kundenindividuelle Maschinen- und Sonderanlagen startete. Zehn Mitarbeiter hat das Unternehmen heute.

Zu den Kunden zählen vor allem Konzerne, Firmengruppen und Großkunden aus verschiedenen Branchen, vom Automobil-Zulieferer bis zu Firmen aus der Medizintechnik oder der Wasserstoff-Mobilität. Konstruktion und Verwaltung sind in Beuren, gefertigt wird in Oberboihingen. nz