Es ist der Albtraum vieler Eltern: Das eigene Kind wird Opfer von Gewalt oder Missbrauch. Für Kinder ist das eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang prägt und schwere Konsequenzen haben kann. Nicht alle Übergriffe lassen sich verhindern, aber manche schon. Deshalb setzen viele Schulen und Kitas schon früh auf Prävention. Kinder sollen lernen, „Nein“ zu sagen, sich zu wehren gegen unerwünschte Annäherungsversuche und Gewalt.
Ein Beispiel ist das „Nicht mit mir“-Projekt des Deutschen Ju-Jutsu-Verbands, das Frieder Knauss aus Dettingen viele Jahre lang in Kitas angeboten hat und heute in Schulen durchführt. Der Theaterpädagoge, Ju-Jutsu-Trainer und Konfliktmanager bringt den Kindern bei, wie sie altersgemäß für ihre Sicherheit sorgen können. In kleinen Rollenspielen wird trainiert, wie sie sich verhalten sollen, wenn jemand Fremdes sie anspricht, berührt oder sogar festhält. Der Einsatz der Stimme spielt eine große Rolle, denn körperlich – das weiß Knauss – haben Kinder ohnehin keine Chance. „Lassen Sie mich los“, brüllen sie deshalb aus vollem Hals und nehmen am Ende des Kurses eine wichtige Lektion mit nach Hause: „Mein Körper gehört mir!“
Allerdings hat Frieder Knauss schon oft beobachtet, dass dieser wichtige Leitsatz, mit dem die Kinder ihre Grenzen beschützen können, daheim „unheimlich oft missachtet wird“. „Wenn die Kinder bei mir lernen, dass ihr Körper ihnen gehört, und daheim müssen sie sich dann von der Tante ein Küsschen geben oder sich vom Opa durchkitzeln lassen, obwohl sie es nicht wollen, dann verwirrt sie das“, sagt Knauss. Ihm ist es wichtig, dass das, was er im Kurs vermittelt, auch zu Hause gelebt wird. Deshalb hat er vor rund fünf Jahren damit begonnen, das Buch zu schreiben, das jetzt im Verlag Oberstebrink erscheint. Es heißt „Dein SelbstSicheres Kind – Wie Sie die Entwicklung von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein praktisch unterstützen“ und richtet sich an Eltern, aber auch an Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kitas.
In den Ratgeber sind Knauss’ Erfahrungen als Trainer, als Theaterpädagoge und Vater mit eingeflossen, dazu Erkenntnisse aus Fachliteratur. Wichtig sei ihm gewesen, den Fokus auf Lösungsvorschläge zu legen, anstatt seitenlang Probleme zu wälzen. „Die Probleme sind den Eltern ja bekannt“, sagt er.
Das Buch regt beispielsweise dazu an, mit Kindern darüber zu sprechen, wie es ihnen geht, wenn die Mutter, die Lehrerin oder gar ein Fremder sie küssen würden. So soll die Regel „Mein Körper gehört mir“ herausgearbeitet und zu Hause etabliert werden. Viele Eltern würden den Kindern das Bewusstsein für die eigenen Grenzen, Wünsche und Gefühle unabsichtlich abtrainieren, indem sie sie nicht ernst genug nehmen. „Wenn ein Kind sich wehtut und der Vater sagt ihm ‚Hat doch gar nicht wehgetan‘, dann fängt das Kind an, seinen eigenen Gefühlen zu misstrauen“, sagt Knauss.
Aktuell sind alle baden-württembergischen Schulen aufgefordert, Schutzkonzepte vor sexueller Gewalt zu entwickeln. Frieder Knauss’ Plan ist es deshalb, eine Lehrerfortbildung basierend auf dem Buch zu entwickeln. Ehefrau Insa, die zwar nicht mitgeschrieben, die Skripte jedoch gelesen hat, hat bereits die Idee fürs Thema des nächsten Buches: Mobbing. „In diesem Bereich häufen sich tatsächlich die Anfragen“, sagt Knauss. Nach vier Jahren Arbeit an seinem Erstlingswerk freut er sich jetzt allerdings erst mal darüber, dass dieses Buch endlich erschienen ist.

