In ihrer Heimat zwischen Büsum und St. Peter Ording herrscht oft raue See. „Wenn Sie die Brandung sehen, können Sie Angst bekommen oder sich eine Welle suchen, auf der Sie surfen. Wie passe ich mich an, diese Frage müssen Sie beantworten“, sagt Coach und Beraterin Dr. Dorthe Heinsohn. Mittlerweile lebt die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin in Hepsisau, hat aber auch schon in Kirchheim gelebt sowie in den USA. In der „Motor-City“ Detroit hat sie erlebt, wie rau es in der Wirtschaft zugehen kann, wenn ein Strukturwandel ansteht. Die Belegschaft ihrer Firma wurde damals von 3500 auf 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reduziert.
Viele Firmen haben keine Vision davon, wer sie sind oder wer sie werden wollen.
Dr. Dorthe Heinsohn über eine wichtige Voraussetzung, um attraktiv für Fachkräfte zu sein
Sie betreute damals den Transformationsprozess. „Da ging es nicht nur um Entlassungen, sondern auch darum, sinnvolle neue Aufgaben für die verbliebenen Mitarbeiter zu finden.“
In Deutschland herrsche momentan besonders bei Traditionsunternehmen die pure Angst vor der Transformation, glaubt sie. Das hemme aber den Innovationsprozess. Statt immer zu schauen, was in den USA oder woanders in der Welt passiert, müsse man sich auf seine eigenen Stärken besinnen: „Mut zu haben und zu sagen: Dafür stehe ich.“
Der größte Unterschied zwischen Deutschland und den USA? „In Deutschland wird in Prozessen gedacht, da muss alles von A bis Z durchstrukturiert sein. Vieles passiert dann aber nicht. Warum fängt man nicht bei A an und schaut, wie es dann weitergehen kann?“, sagt sie. In den USA sei das anders: „Da hab ich immer gestaunt, wie mutig und selbstbewusst die Leute sind. Da wird alles rausposaunt, auch wenn man die Dinge noch nicht so klar hat“, erinnert sie sich an ihre siebenjährige Tätigkeit in den Staaten.
Spiritualität im Beruf
Nach einer weiteren Station bei einem Automobilzulieferer in Göppingen hat sie sich vor drei Jahren als Beraterin und Coach selbständig gemacht. Dabei hat Dorthe Heinsohn das Thema Spiritualität im Arbeitsalltag entdeckt und welche Bedeutung sie für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden hat. „Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit den Werten der Mitarbeiter und damit, ob man die Bedürfnisse des anderen kennt“, sagt sie. Mit Menschen wirklich in Kontakt treten und zu kommunizieren, warum sie etwas tun, eine Verbindung herstellen sei für Führungskräfte eine wichtige Aufgabe. „Sonst entsteht bei den Mitarbeitern eine Abwehrhaltung nach dem Motto: Was entscheiden die da oben eigentlich?“ Auf der anderen Seite: „Was ist unsere Motivation, etwas zu tun“, sagt sie. Diese Fragen stellt sie vor allem Chefs und Führungskräften und stellt immer wieder fest: „Viele Firmen haben keine Vision davon, wer sie wirklich sind oder wer sie werden wollen.“
Die promovierte Betriebswirtin hat daraus einen Kurzvortrag gemacht und ist unter dem Titel „Mit Herz und Verstand gegen den Fachkräftemangel“ im Januar beim Internationalen Speaker Slam in Wiesbaden aufgetreten. Beim Rednerwettstreit wird nicht wie beim populären Poetry-Slam gereimt oder gerappt, sondern ein persönliches Thema kurz und knackig vorgestellt. Der Sprecher oder die Sprecherin hat nur vier Minuten Zeit, das Publikum zu begeistern. „Einen Vortrag so zu kürzen und trotzdem alles zu sagen, was wichtig ist, und sich dann noch mit seinem Publikum zu verbinden, das ist wohl die Königsklasse im professionellen Speaking“, erklärt Dorthe Heinsohn. Ihr Lohn am Ende des Abends: die Verleihung des „Excellence Award“ für eine erfolgreiche Kurzrede.

Ihrer Meinung nach kann man zwei wesentliche Aspekte des Fachkräftemangels leicht beeinflussen: Mitarbeiterbindung und Qualifizierung. „Laut einer McKinsey-Studie aus dem Jahr 2022 haben 36 Prozent aller Kündigungen mit schlechter Führung zu tun“, sagt sie. Für die Unternehmen bedeutet jede Kündigung, wieder neue Mitarbeitende zu finden und einzuarbeiten. „Pro Person sind das rund 100.000 Euro Kosten, bis jemand wieder voll eingearbeitet ist, wenn man die direkten und indirekten Kosten wie Produktivitätsverlust zusammenrechnet.“
Dem Comeback der Präsenzpflicht, der „Anwesenheitsquote“, in vielen Unternehmen steht sie kritisch gegenüber. „Die Diskussion ist kontraproduktiv. Da muss ich mich als Führungskraft fragen: Warum habe ich das Gefühl, meinen Angestellten nicht trauen zu können“, meint sie. Da gehe es um Kontrolle, Macht und Sicherheit. „Es gibt Leute, die zu Hause mit dem Laptop produktiver oder kreativer sind. Das tolle ist, mit guter Führung kann man Mitarbeiter auch ans Unternehmen binden. Menschen arbeiten für Menschen.“
Gefallen hat ihr dagegen ein „Projektraum“ mit Yogamatte, Gebetsteppich und Meditationskissen oder ein Nap-Room für ein kurzes Nickerchen, das sie in einem Unternehmen gesehen habe. „Mensch sein“, nennt sie das. Der andere Schwerpunkt ihrer Arbeit ist Qualifizierung und Personalentwicklung. „Das ist ebenfalls ein Grundbedürfnis, der Wunsch nach persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung“, erklärt die Beraterin. „Das können sich die Unternehmen zu Nutze machen, wenn sie zu fachlicher Qualifizierung auch Persönlichkeitsentwicklung anbieten.“ Denn den Sinn seiner Arbeit zu kennen, zu wissen, warum man etwas mache, sei wichtig, um in der Arbeit glücklich zu sein und dort Erfüllung zu finden.

Fachkräfte finden, aber wie?
Das andere Problem ist, Fachkräfte überhaupt erst zu finden. Firmen müssten heute „active sourcing“ betreiben, meint Heinsohn. Das bedeutet: „Sich an Hochschulen präsentieren oder bei Social Media unterwegs sein“, sagt sie. Und sich dabei selbst klar machen, wofür man steht. „Wie authentisch ist ein Unternehmen? Was ist sein USP?“, stellt sie als wichtigstes Kriterium fest – abgesehen vom Gehalt. Nur dann könne man auch andere überzeugen. In ihrer Praxis als Beraterin erlebt sie das immer wieder. „Viele haben keine Vision davon, wer sie sind“. Für das Göppinger Unternehmen, in dem sie tätig war, sei sie direkt an Schulen gegangen und habe Schülern vermittelt: Du bist keine Nummer, sondern uns wichtig. Mit Erfolg: Bei dem Automobilzulieferer habe man alle offenen Stellen besetzen können.
Info:www.heinsohn-consulting.com
Noch ein Gewinner: Von der Bank auf die Bühne
Einen Preis beim vierten nternationalen Speaker Slam in Wiesbaden hat auch der Kirchheimer Finanzexperte Wolfgang Steinmann bekommen. Er konnte die Jury in der Kategorie „Finanzen“ mit seinem Vortrag über die Entstehung von Finanzkrisen überzeugen. Dabei konnte er in der vierminütigen Rede auch Laien mit seiner verständlichen Rede für das Thema begeistern. „Allgemein akzeptierte Annahmen können gefährlich werden: Wenn sich ein Teil dieser Annahmen als nicht zutreffend herausstellt, kann es brenzlig werden.“
Seine Erkenntnisse zieht der 46-Jährige aus seinen insgesamt 20 Jahren Banken-Erfahrung – davon 15 Jahre in der Analyse von Banken und Finanzmärkten, in denen er Krisen und Beinahe-Krisen hautnah erlebt hat. Als ein Mittel zum Testen von Annahmen schlägt er die Szenario-Technik vor: „Ziel der Szenario-Technik ist nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern ein Gefühl für Einflussfaktoren und Zusammenhänge zu bekommen und dadurch bessere Entscheidungen zu treffen.“
Der gebürtige Bonner ist der Liebe wegen nach Kirchheim gezogen und hat sein Herz mittlerweile auch an die Fachwerkhäuser verloren. pm

