Kahle Bäume, grauer Himmel, öder Alltag: Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen auf die Null zusteuern, sieht es im eigenen Kopf oft nicht weniger trist aus als draußen.
Wie Kathrin Paul-Prössler, Geschäftsführerin des Vereins Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim (AKL), berichtet, ist ein Stimmungstief in den kalten Monaten nicht ungewöhnlich. Beim AKL, einer Anlaufstelle für Menschen in Lebenskrisen, macht sich der Jahreszeitenwechsel deutlich bemerkbar: Vor allem im November und Dezember steigt die Anfrage nach Beratungsgesprächen.
Im Herbst und Winter kommen mehr Menschen aufgrund von Einsamkeit auf uns zu.
Kathrin Paul-Prössler, Geschäftsführerin des Vereins Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim
Die saisonal-affektive Störung – umgangssprachlich: „Winterdepression“ – ist eine anerkannte psychische Erkrankung. Schlechtere Stimmung bei schlechterem Wetter ist damit aber nicht zwangsläufig gleichzusetzen, warnt Kathrin Paul-Prössler. Oft handle es sich bei Antriebslosigkeit und Trübsinn im dunklen Halbjahr einfach um den klassischen Winterblues. „Richtige“ Winterdepressionen, also depressive Episoden, die in einem saisonalen Muster auftreten, seien verhältnismäßig selten.
Erschöpfung und Heißhunger
Wie die AKL-Geschäftsführerin erläutert, sind die meisten Menschen, die im Herbst und Winter mit Depressionen kämpfen, auch im Frühling und Sommer belastet. Allerdings kämen während der kalten Monate viele Faktoren zusammen, die das Auftreten einer depressiven Episode bei diesen Personen begünstigen können.
Neben depressionstypischen Symptomen wie gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Energielosigkeit unterscheidet sich das Krankheitsbild der saisonal-affektiven Störung von dem der herkömmlichen Depression in einigen Punkten. So beeinflussen beide Formen Appetit und Müdigkeit, jedoch mit gegensätzlicher Wirkung: Während Menschen mit nicht-saisonalen Depressionen oft unter Einschlafschwierigkeiten und Appetitlosigkeit leiden, kommt es bei Winterdepressionen nach Aussage von Kathrin Paul-Prössler häufiger zu „übermäßiger Schläfrigkeit“ und Heißhunger – vor allem auf Kohlenhydrate.
Eine Zeit der Innenschau
Dass die dunkle Jahreszeit die Laune tendenziell trübt, führt die AKL-Geschäftsführerin auf eine Reihe von Faktoren zurück. Zentrale Punkte seien dabei ein Mangel an Bewegung und weniger Zeit an der frischen Luft. Auch die Kälte, aber in erster Linie die eingeschränkte Helligkeit, könnten sich negativ auf die Stimmung auswirken. „Schlaf-Wach-Rhythmus“ ist in diesem Kontext ebenfalls ein Stichwort. Wie Kathrin Paul-Prössler erklärt, fällt die Umstellung vielen Menschen nicht leicht: „Das ist eine Anstrengung für den Körper, was Antriebslosigkeit bedingt.“
Und natürlich ganz wichtig: fehlende soziale Kontakte. „Im Herbst und Winter kommen mehr Menschen aufgrund von Einsamkeit auf uns zu“, erzählt Kathrin Paul-Prössler. Unzureichender Kontakt zu Mitmenschen verstärke nicht nur das Einsamkeitsgefühl, sondern sorge auch dafür, dass Personen viel mit ihren Gedanken alleine sind – und das in einer für „Innenschau“ prädestinierten Zeit.
Sie erläutert, dass es gerade in der Phase rund um Neujahr nicht unüblich sei, in sich zu gehen, das Jahr Revue passieren zu lassen und auf diesem Wege in eine melancholische Stimmung zu geraten. „Ein Jahresabschluss ist schließlich auch ein Abschluss“, gibt die AKL-Geschäftsführerin zu bedenken. Wer mit seiner eigenen Lebenssituation unzufrieden sei, laufe in dieser Zeit demnach eher Gefahr, sich in negativen Gedanken zu verlieren.
Sich den Winter nett machen
Es gibt jedoch einige Strategien, um im Winter ein sonniges Gemüt zu behalten. Kathrin Paul-Prössler empfiehlt, so viele Routinen und Strukturen aus dem Sommer beizubehalten und, falls nötig, an die Jahreszeit anzupassen. Wer gerne Zeit draußen verbringt, sollte das während der kalten Monate also nicht auf Eis legen – und sei es nur ein kleiner Spaziergang, um den Kopf freizukriegen, frische Luft einzuatmen und im besten Fall noch ein oder zwei Sonnenstrahlen mitzunehmen.
Auf keinen Fall sollte man sich laut Kathrin Paul-Prössler in der Winterzeit zurückziehen. Soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, sei im dunkleren Halbjahr unter Umständen zwar etwas schwieriger, aber mindestens ebenso wichtig. An dieser Stelle zahle es sich aus, über den eigenen Schatten zu springen und selbst die Initiative zu ergreifen.
Und auch die eigene Herangehensweise kann viel bewirken. Statt die frostigen Monate als eine trostlose Zeit zu betrachten, die es zu überstehen gilt, rät Kathrin Paul-Prössler dazu, den Blinkwinkel zu ändern und sich diese Zeit mit „kleinen Ritualen“ und „Hilfsmitteln“ – eine Tasse Tee, ein gutes Buch oder eine angenehm duftende Kerze – schön zu gestalten.
Auch bei der inneren Reflexion könne man versuchen, sich ganz bewusst auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Paul-Prössler betont, dass Kerzen, Tee und schöne Gedanken im Falle einer depressiven Episode oder einer anderen akuten Lebenskrise natürlich nicht die Lösung seien. In dieser Situation solle man sich unbedingt ärztliche Hilfe suchen.
Hilfe gibt es auch beim AKL Nürtingen-Kirchheim in Form von Krisenbegleitung und Beratungsgesprächen. Für Menschen, die in erster Linie nach Kontakt und Gemeinschaft suchen, bietet der AKL jeden Montag im Nürtinger Café Medla, Neuffener Straße 12/1, von 15.30 bis 17.30 einen Begegnungstreff an. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen gibt es unter www.akl-nuertingen-kirchheim.de.
Informationen zu Winterblues und Winterdepression
Eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov legt nahe, dass fast 60 Prozent der Deutschen zumindest manchmal von einem Winterblues betroffen sind.
Unter ausgeprägten Winterdepressionen leidet hingegen nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Bevölkerung.
Biologisch lässt sich das Wintertief nach Angabe der Deutschen Krankenversicherung (DKV) durch mehrere Faktoren erklären: Aufgrund der wenigen Sonnenstunden und vielen Dunkelheit fehlt es dem Körper an Vitamin D und Serotonin, dafür kommt es zu einer Überproduktion des Schlafhormons Melatonin. Das lässt den Serotoninspiegel noch weiter sinken, da der Körper das Glückshormon zur Produktion von Melatonin heranzieht.
Eine anerkannte Behandlungsmethode bei einem Stimmungstief im Winter ist die Lichttherapie: Betroffene halten sich dabei täglich 30 bis 60 Minuten vor einer hellen Lampe mit 2.500 bis 10.000 Lux auf, um den Lichtmangel auszugleichen.

