Kirchheim. Vor 300 Jahren bot die Lauter bei Kirchheim jährlich immer zur selben Zeit im Frühjahr ein besonderes Spektakel: Vom Neckar herauf schwamm ein großer Schwarm
von „Nasen“ (Familie der Karpfenfische), um in der heimatlichen Lauter die Laichplätze zu erreichen. Der Fischschwarm war so dicht, dass die Fische mit der bloßen Hand gefangen werden konnten. Das Ereignis hieß in Kirchheim der „Nasenfeiertag“ und wurde mit Glocken der Martinskirche verkündet, damit die Bürger sich „kübelweise“ mit Speisefischen versorgen konnten.
Die Nasen, die zwischen 25 bis 40 Zentimeter groß werden und ein Gewicht von bis zu einem Kilo erreichen, gelten heute als Hauptfische von Rhein und Donau und kommen zumindest in der oberen Donau von Donaueschingen bis Sigmaringen und im unteren Neckar zwischen Heidelberg und Mannheim vor. Zur Laichzeit, von März bis Mai, ziehen die Nasen in großen Schwärmen flussaufwärts oder dringen in geeignete Nebenbäche ein. Da die Nasen sehr grätenreich und wenig schmackhaft sind, werden sie heutzutage kaum im Handel angeboten.
Den „Nasenfeiertag“, ein bislang in der Kirchheimer Stadtgeschichte nicht bekanntes Ereignis, hielt ein junger Kirchheimer, Philipp Christian Laitenberger (1700 – 1738), für so überlieferungswürdig, dass er es auf den letzten freigebliebenen Seiten seiner medizinischen Dissertationsschrift „De colica spasmodica“ (über Darmkoliken) aus dem Jahr 1720 festhielt. Den freien Platz nutzte er noch für eine andere Merkwürdigkeit, die in die Zeit des Stadtbrands von 1690 zurückreicht. Ein Kind habe damals im Mutterleib den Stadtbrand gleichsam miterlebt. Seit seiner Geburt gerate es immer dann in äußerste Unruhe, wenn die Feuerglocke ertöne.
Philipp Christian Laitenberger hatte mit seiner Dissertation vorerst die Licentiatur der Medizin erworben. Aber erst 1730 fand in Tübingen die offizielle Ernennung zum Doktor der Medizin statt. Bei der Präsentation des Kandidaten betonte der Dekan der Fakultät, dass Laitenberger seine schulische Bildung bei einem renommierten Pädagogen seiner Heimatstadt, also in der Kirchheimer Lateinschule, erhalten und sich mit 15 Jahren in Tübingen immatrikuliert habe. Im Eiltempo habe er dann das Studium durchlaufen. Seitdem habe er mit Erfolg in Kirchheim praktiziert, mit 22 Jahren die Oberesslinger Pfarrerstochter geheiratet und sei aufgrund seiner Verdienste zum „Physicus Adjunktus“ aufgestiegen – er war also Helfer des Stadt- und Amtsphysikus. Er habe auch eine feste Zusage auf Nachfolge in diesem Amt erhalten. Aber schon acht Jahre später, im Alter von nur 38 Jahren, ist Philipp Christian Laitenberger 1738 in Kirchheim gestorben.
Er war der letzte männliche Angehörige der Kirchheimer Linie der weitverzweigten Familie Laitenberger, deren Geschichte jüngst ein Familienangehöriger ins Internet gestellt hat. Sein Ururgroßvater Heinrich Laitenberger, ein Küfer aus Ennahofen, hatte 1576 eine Kirchheim-erin geheiratet und war nach Kirchheim gezogen. Deren Sohn Johannes (gestorben 1653) war Pfarrer, unter anderem in Gutenberg, von 1611 bis 1616. Dort kam Hans David Laitenberger (1613 – 1680) zur Welt, der wieder Kirchheimer Bürger wurde, Mitglied des Rats war, das Amt des Hauptzollers innehatte und den Beruf des Secklers (Beutelmacher) ausübte.
Von dessen fünf Söhnen wurden drei Handwerker und zwei Geistliche. Für die Kirchheimer Geschichte am bedeutendsten sind der Küfer Hans Ulrich und der spätere Kirchheimer Spezial (Dekan) Johann David:
Hans Ulrich Laitenberger (1651 – 1715) war in der Stadtbrandzeit einer der beiden Bürgermeister, die das städtische Rechnungswesen leiteten. Außerdem war er Kirchheimer Vertreter im Landtag („Landschaftsverwandter“). Zusammen mit dem Klosterhofmeister Christian Friedrich Jäger war er nach dem Stadtbrand mehrere Jahre lang für die Wiederaufbaumaßnahmen mitverantwortlich.
Der jüngere Bruder Johann David Laitenberger (1655 – 1709) studierte Theologie in Tübingen, war während der Stadtbrandzeit erster Diakon in Kirchheim und hier Spezial von 1693 bis 1707, danach noch zwei Jahre Spezial in Backnang. Von seinen drei Söhnen wurden zwei Geistliche. Der jüngste aber, Philipp Christian, promovierte 1720 in Medizin und hinterließ in seiner Dissertation jene Nachrichten, die ohne diese Schrift ganz in Vergessenheit geraten wären.
„So groß ist die Anhänglichkeit an ihren Bach“
Auszug aus der Dissertation des Philipp Christian Laitenberger (1720): „Anhang II. Gut, dass noch etwas Platz geblieben ist. So kann ich noch etwas Erfreulicheres aus meiner Heimatstadt berichten. Von Kirchheim fließt die Lauter – von der Alb kommend – nach Wendlingen in den Neckar. Von diesem aus schwimmt jährlich zu einer bestimmten Zeit ein Schwarm Fische – ‚Nasen‘ genannt – in solcher Menge flussaufwärts, dass seine Ankunft durch Glockengeläut bekannt gegeben wird und die Bürger zusammengerufen werden, um sie mit den Händen zu fangen. Doch dauert ihre Anwesenheit nicht lange, nach wenigen Stunden sind für den Rest des Jahres kaum mehr welche vorhanden. Nur um zu laichen kommen sie, den Bach nicht weit hinauf schwimmend.
Man wundert sich mit Recht über die Stetigkeit der Natur, den Antrieb, den Instinkt und stellt sich Fragen: Warum nur diese eine Fischart? Warum hierher und nicht ebenso in die Rems, die Erms, die Echaz etc., – ohne sich zu verirren, ohne sich aufhalten oder wegfangen zu lassen. Werden sie vertrieben, flüchten sie, – oder lockt sie das reine Wasser, die günstigen Umstände? Warum mit so genauer Einhaltung des Frühlingstermins, dass der Feiertag Mariae Verkündigung allgemein der ‚Nasenfeiertag‘ genannt wird, ob nach altem oder neuem Kalender? In welcher Fülle, unter welchen Einschränkungen kommen sie nicht so sehr zu spät als eher immer wieder? Wer gibt ihnen das Zeichen oder den Hinweis darauf, dass die Zeit reif ist? Was treibt die Kleinen, wohin schwimmen sie, die bald selbst als Eltern von ‚Näslein‘ wieder zurückkehren, um zu ‚näseln‘? So groß ist die Liebe zur Abstammung, die Anhänglichkeit an ihren Bach! Und schließlich medizinisch gesehen: Was für eine wohlschmeckende, gesunde Speise.
Wenn jemand Freude an so etwas hat, mag er die Beobachtungen von Arles(?), Gessner und anderen mit den meinen verknüpfen und so diese bemerkenswerte Geschichte ergänzen. Zugleich sollte die ehrerbietige Verehrung, auf die die Stimme der Natur hinweist und die sie für ihren Schöpfer beansprucht, nicht vergessen werden. Jene Fische scheinen den Vögeln beim Propheten zu gleichen, die auf die Zeit achten und die Menschen, die nicht an Umkehr denken, an Gott erinnern. Also: Gott allein die Ehre!“ (Aus dem Lateinischen übersetzt von Gottfried Günther, Holzmaden).
