Neidlingen. Zählen die immer noch? So fragten sich rund 100 Neugierige. die sich nach der Bürgermeisterwahl gestern Abend in und um das Neidlinger Rathaus geschart hatten. Zuerst musste die Zahl der Stimmzettel mit dem Wählerverzeichnis und der Kontrollliste abgeglichen werden. Dann waren die 14 Stimmzettel zu bearbeiten, auf denen Wähler weitere Namen – neben den drei offiziellen Kandidaten – eingetragen hatten. Wohnen die Benannten tatsächlich in Neidlingen? Sind sie wählbar? Oder ist dieser Stimmzettel ungültig? Bis aufs allerletzte Exemplar stimmten die Zahlen auch bei der Bekanntgabe noch nicht überein. Doch das war bei den rund 1 030 Stimmzetteln nicht entscheidend.
Das Ergebnis ist auf jeden Fall klar: Bei einer hohen Wahlbeteiligung von 72 Prozent haben sich 599 Neidlinger für den bisherigen Gemeinderat Klaus Däschler entschieden, nur 393 für den Amtsinhaber Rolf Kammerlander. Die Mehrheit wählte mit Däschler jenen Mann, dessen Jugendtraum es nicht war, Bürgermeister zu werden. Erst die Anfrage von älteren Neidlingern, ob er sich nicht bewerben wolle, hatte ihn zu diesem Schritt bewegt. Während Kammerlander einen aufwendigen Wahlprospekt erstellt und ihn mit seiner Frau selbst im Ort verteilt hatte, setzte Däschler auf Infoseiten im Neidlinger Amtsblatt. Auch Däschler hatte ein knappes Ergebnis erwartet. „Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen“, sagte er sichtlich bewegt zu den Zuhörern. „Ich hoffe, ich kann es zurückgeben.“ Däschler versprach, weiterhin auf Ehrlichkeit, Vertrauen und Respekt zu setzen. Er werde in Verwaltungsfragen auf Hilfe von außen angewiesen sein, sagte Däschler. Er ist Polizeihauptkommissar und lebt mit seiner Familie in Neidlingen in einem selbst renovierten alten Haus.
„Ich habe den Anspruch, dass ich in einem halben oder einem Jahr auf Augenhöhe mitreden kann. Ich werde ein ehrlicher und verlässlicher Partner sein.“ Klaus Däschler lud die Zuhörer zur Wahlparty ins Sportheim ein. „Ich habe dort etwas vorbereitet. Ich habe gesagt, bei einem Wahlsieg gehen die ersten 100 Getränke auf mich.“
Däschlers unerwartet hoher Sieg wurde bei einigen Zuhörern, jung und alt bunt gemischt, mit Applaus und lautem Gejohle aufgenommen. Sofort begannen die Gratulationen. Einer der ersten Glückwünsche kam vom CDU-Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann. Obwohl Kammerlander CDU-Mitglied ist, war er im Wahlkampf auf sich allein gestellt gewesen. Die CDU hatte sich herausgehalten und keinerlei Wahlempfehlung abgegeben.
Während Däschler von Anfang an die Auszählung beobachtete, war von Kammerlander nichts zu sehen. Er tauchte erst kurz nach 20 Uhr auf. Sehr gefasst gratulierte er Däschler mit Handschlag zum Sieg und wünschte ihm alles Gute.
Der dritte Bewerber, Michael König von der „Nein!-Idee“, spielte bei der Neidlinger Wahl praktisch keine Rolle, er bekam nur 23 Stimmen, das sind etwa zwei Prozent. Er hatte bereits im Vorfeld gemeldet, dass er das Amt gar nicht wolle, hatte gleichzeitig noch an anderen Orten kandidiert. Seine Partei wollte vor allem bisherigen Nichtwählern eine Alternative bieten. Dafür brauchten die Neidlinger aber keinen Mann aus dem hohen Norden, sie hatten die Alternative innerhalb ihres eigenen Orts.
Zwischendurch holten sich die Neidlinger Gemeinderäte beim Auszählen den Rat vom Weilheimer Bürgermeister Johannes Züfle. Worin dieser Rat bestand, war von ihm hinterher allerdings nicht zu erfahren. Dass es dabei, wie von Züfles Nachbarschaft behauptet, um dessen neuen Friseur ging, ist wohl kaum anzunehmen. Neben Züfle waren auch die Bürgermeister von Bissingen, Holzmaden, Ohmden, Dettingen und Owen unter den Zuschauern. So lernten sie gleich ihren künftigen Amtskollegen kennen.
Die Wahl zeigte, wie groß die Unzufriedenheit vieler Neidlinger mit dem bisherigen Amtsinhaber war. Er hatte das Amt 16 Jahre inne, war in seinem Vorgehen sehr auf Korrektheit ausgerichtet und für Mauscheleien jeglicher Art nicht zu haben. Doch hat er wohl zu vielen Bürgern nicht den Draht gefunden, wirkte auf sie abweisend und arrogant, so Stimmen aus der Bevölkerung. Durch Krankheitsfälle, Elternzeit und Weggänge musste Kammerlander in Bauhof und Verwaltung mit einem ausgedünnten und unerfahrenen Mitarbeiterstamm auskommen. Die daraus entstehenden Versäumnisse wurden ihm stark angekreidet.
Offen ist die Frage, wer letztlich hinter Däschlers Kandidatur steckt, wer jene „älteren Neidlinger, vor denen ich großen Respekt habe“, sind, von denen Däschler bei seiner Kandidatenvorstellung sprach? Offen ist auch, woher die kostenlose Unterstützung kommt, derer sich Däschler für seine anfängliche Amtsführung versichert hat. Will sie im Hintergrund helfen, aber nicht die Fäden ziehen, wäre das für Däschler und Neidlingen ein gutes Zeichen.