Esslingen. Wer Regierungsverantwortung im Land hat und den Stuttgarter Oberbürgermeister stellt, will viele andere Themen besprechen als immer nur Bahnhof. So die Meinung der Gäste.
Andrea Lindlohr, Landtagsabgeordnete der Bündnis-Grünen, eröffnete den Neujahrsempfang mit einem neuen grünen Motto: „Grün verbindet“. Die Grünen stünden für eine Politik, in der Frauen nicht irgendwelche Exoten seien.
Die Landtagsabgeordnete entschuldigte Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der eigentlich die Festrede halten wollte, jedoch durch wichtige Termine in Brüssel verhindert war. Seinen Part übernahm die Landesvorsitzende der Grünen, Thekla Walker. Schwerpunkt ihrer Rede war ihr Herzensthema: die Bildungspolitik. Zu glauben, dass das dreigliedrige Schulsystem in Zukunft erfolgreich sein könne, sei irrig. „Besonders im ländlichen Raum können die Schulen nur als Gemeinschaftsschulen erhalten bleiben, aus finanziellen und demografischen Gesichtspunkten“, sagte Walker.
Sie freue sich auf die spannenden Debatten bis zur Bundestagswahl und kündigte an, die Kandidaten im Landkreis Esslingen tatkräftig zu unterstützen. Doch in den letzten Monaten hätten die Grünen schon viel geschafft. „Man kann am Bodensee in den Zug steigen, bis zur dänischen Grenze fahren und muss in keinem schwarz-gelben Bundesland haltmachen.“ Thekla Walker erntete tosenden Applaus von den rund 200 Gästen.
In kurzen Reden stellten sich auch die beiden Bundestagskandidaten von Bündnis 90/Die Grünen vor. Energieexperte Jürgen Menzel kandidiert für den Wahlkreis Esslingen und fragte schmunzelnd, ob der eingehauchte Atem mit eingehauchtem Herrenwitz der FDP bei der Bundestagswahl helfen kann; und Matthias Gastel, Kandidat für den Wahlkreis Nürtingen, widmete sich der Arbeitsmarktpolitik. Wer Vollzeit arbeite, müsse auch davon leben können, so sein Credo.
Doch wie geht es alten grünen Kämpfern im neuen grünen Ländle? Gerhard Härer aus Aichtal wird bald 60 Jahre alt, ist seit 22 Jahren bei den Grünen und trägt einen langen rot-weißen Bart und Birkenstockschlappen. Für das Gespräch löste er sich nur schwer aus einer lebhaften Diskussion mit Parteifreunden. Ihm seien die Grünen heute manchmal zu brav, er müsse sich noch immer einmischen. Von einem Regierungswechsel in Berlin erhoffe er sich einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie und ein grüneres Antlitz der Bildungspolitik. Doch mit Winfried Kretschmann sei er sehr glücklich. Er kenne ihn schon viele Jahre. „Er ist jetzt Ministerpräsident für alle, und das ist gut so. Vielleicht gibt es gerade nicht die ganz großen Würfe, aber es werden viele kleine Dinge geändert – und die sind genauso wichtig.“
