Lokales
Nicht nur "a große Gosch" gehabt, sondern auch "äbbes g'schafft"

Kirchheim. Hermann Kik und seine Ötlinger haben allen Grund, stolz wie Oskar zu sein: Triumphierend schwenkt der Ötlinger Ortsvorsteher einen Teckboten-Artikel aus dem Jahr 1990. „Präsenz allein genügt nicht“ lautet mahnend die Überschrift. – Ein Spiegel der Stimmung in Kirchheim in jenen Oktobertagen vor fast 22 Jahren. Die Skepsis gegenüber dem neuen politischen Gremium Ortschaftsrat, das drauf und dran war, aus der Taufe gehoben zu werden, war überall greifbar. Überall außer in Ötlingen und Lindorf. Kik und seine Mitstreiter waren sich ihrer Sache sicher.

20 Jahre später können sich die in Ehren ergrauten politischen Vorkämpfer entspannt zurücklehnen. Längst muss nicht mehr bewiesen werden, was der Ortsvorsteher in seiner ihm eigenen prägnanten Ausdrucksweise in Worte fasst: Die lokalpolitischen Greenhorns von damals haben beileibe nicht nur „a große Gosch“ gehabt, sondern auch wahrlich „äbbes g‘schafft“.

In einem kleinen Rückblick ließ Hermann Kik so manchen Meilenstein Revue passieren, von der Erstausgabe der Ötlinger Nachrichten, die derzeit ebenfalls im 20sten Jahr erscheinen, über die Installation des offiziellen wie auch des inoffiziellen Rotgockels bis zur Eröffnung des Jugendtreffs, der als Erfolgsmodell gilt. Immer wieder hatte Ötlingen die Vorreiterrolle inne – so hielt die erste S-Bahn naturgemäß im Dezember 2009 nicht etwa in Kirchheim selbst, sondern in Ötlingen. Dort wurden auch die ersten Fahrradboxen installiert. Seit dem Jahr 2000 werden im Ötlinger Rathaus auch wieder Trauungen durchgeführt – 40 zählte der Ortsvorsteher bis heute und verweist mit Stolz darauf, dass sich kürzlich auch Landtagsprominenz unter seiner Ägide das Ja-Wort gegeben hat.

Die Erfolgsgeschichte der Ortschaftsräte von Lindorf und Ötlingen war alles andere als vorgezeichnet. Mit schelmischem Grinsen wissen altgediente Räte noch heute von jener denkwürdigen Bürgerversammlung im Oktober 1990 in der Eduard-Mörike-Halle zu berichten, als hätte sie gestern stattgefunden. Die Halle platzte seinerzeit aus allen Nähten. Gern zitieren diejenigen, die dabei waren, die Aussage des damaligen Kirchheimer Stadtoberhauptes, wonach eine politische Vertretung in den westlichen Teilorten nicht nötig sei. Propagiert wurde daher die „Null-Lösung“, also die Beibehaltung des damaligen Status quo.

Mag sein, dass dies die kämpferischen Teilortler erst recht auf die Barrikaden rief. Jedenfalls tagten weniger als zwei Jahre später erstmals die Ortschaftsräte von Ötlingen und Lindorf. Mittlerweile sind sie längst zur ernst zu nehmenden politischen Größe herangereift.

Das spiegelte sich auch in der Würdigung des 20-jährigen Bestehens der beiden Gremien sowie der Ehrung von vier Ortschaftsräten, die seit der ersten Stunde dabei sind, durch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Neben Hermann Kik zeichnete sie in Ötlingen Ursula Weber und Gundis Henzler sowie in Lindorf Ursula Neroladakis für ihr Engagement aus, verbunden mit der Hoffnung auf weiteren unermüdlichen Einsatz zum Wohle der Teilorte.

Als ehemalige Gemeinderätin kann sich die Stadtchefin noch gut an den greifbaren politischen Unmut erinnern, der 1990 besonders Ötlingen prägte. Vier Jahrzehnte zuvor war dies ebenfalls schon einmal der Fall gewesen. – Eine Ära, für die die Oberbürgermeisterin aufs Heimatbuch zurückgriff: Als Folge der 1935 erfolgten Eingemeindung der Ortsteile kam es nach Kriegsende wiederum zu „Ausgemeindungsbemühungen“. Ein entsprechender Antrag aus Ötlingen wurde jedoch im Landtag abgelehnt, wie die Stadtchefin mitteilte. Vier Jahrzehnte Ruhe waren die Folge. – Doch dann kamen Kik und eine Handvoll Mitstreiter und verbreiteten den heute ausgesprochen modernen Gedanken verstärkter Bürgerbeteiligung. Wichtigstes Argument war damals die Forderung nach Gleichstellung und Gleichbehandlung mit den Teilorten Jesingen und Nabern, beide durch Ortschaftsräte repräsentiert. Mit Appellen ans „Bauchgefühl“, wie sich Kik erinnert, konnten die Aktivisten die Bürgerschaft schnell überzeugen. Das neue Ötlinger Selbstbewusstsein drückte sich nicht nur im Ortschaftsrat aus, der zeitgleich in Lindorf installiert wurde. Zudem geriet auch die 1200-Jahr-Feier in Ötlingen zu einem ganzen Festjahr und wurde so zu einem entscheidenden Motor des Wir-Gefühls.

Die Oberbürgermeisterin bescheinigte Hermann Kik, als ehrenamtlicher Ortsvorsteher ein „permanenter Impulsgeber“ zu sein, und erinnerte an einige lokalpolitische „Pflöcke“, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Ötlingen gesetzt wurden. Dazu gehöre beispielsweise die Beteiligung der Jugend am Volkstrauertag, die nach Ötlinger Vorbild nun auch in Kirchheim praktiziert werde. Für den umtriebigen ehrenamtlichen Ortsvorsteher, der seit Kurzem im Unruhestand ist, hatte die Stadtchefin als Geschenk der besonderen Art die „Omi Ötlingen“ im Gepäck: Bekanntlich soll nach der Ortsmitte Jesingen nun die Ötlinger Ortsmitte neu gestaltet werden. „Da können Sie viel Zeit einbringen“, verband sie mit aller Anerkennung auch gleich eine deutliche Aufforderung.

Denn auch bei diesem aktuellen Riesenprojekt gilt, was schon die Gründungszeit der Ortschaftsräte kennzeichnete und im damaligen Teckboten-Artikel zum Abschluss genannt wurde: „Jetzt ist Einsatzbereitschaft gefragt.“