Kirchheim. Zusammen mit den Kommunen das Stromnetz in der Region rund um die Teck zurückkaufen, ökologische, atomstromfreie Energie erzeugen und verkaufen und damit auch die lokale Wertschöpfung vorantreiben: So lautet die Vision der „Teckwerke Bürgerenergiegenossenschaft“, die am Dienstagabend in dem mit etwa 300 Besuchern proppenvollen kleinen Saal der Kirchheimer Stadthalle gegründet wurde. Ihre Unterschrift unter die Beitrittserklärung setzten letztlich 175 Anhänger der Genossenschaftsidee. „Bei 100 lag unser Wunschziel für diesen Abend. Unsere Erwartungen wurden auf jeden Fall übertroffen“, freute sich Felix Denzinger. Er gehört bereits seit etlichen Jahren der Projektgruppe „Teckwerke“ an und wurde neben Ulrich Mach und Olaf Essig zum Vorstandsmitglied der Genossenschaft gewählt.
Energie aus der Region für die Region: Getreu diesem Grundsatz möchte die Genossenschaft möglichst viele Kommunen rund um die Teck mit ins Boot holen, um ein Regionalwerk zu gründen. Felix Denzinger blickt optimistisch in die Zukunft. Zwar seien die Kommunen derzeit noch „am Abwägen“, und bei der Stadt Kirchheim seien Beratungen im Gange. „Aber die Oberbürgermeisterin wird das Beste für die Stadt tun, und das Intereresse bei den Bürgern ist da. Deshalb glaube ich, dass die Stadt uns das Netz geben wird“, sagte Felix Denzinger.
Im kommenden Jahr laufen in vielen Gemeinden die Konzessionsverträge für die Stromnetze aus. Deshalb müssen die Stadt- und Gemeinderäte entscheiden, wie es danach weitergeht. Dabei gibt es mehrere Alternativen: Die Kommunen können der EnBW oder einem anderen Energieversorgungsunternehmen das Leitungsrecht für weitere 20 Jahre übertragen, selbst Netzbetreiber werden und ein Kommunalwerk gründen oder sich an einer Netzgesellschaft des Neckar-Elektrizitätsverbandes (NEV) beteiligen. „Es wird auf jeden Fall ein Kampf“, räumte Felix Denzinger ein, verwies zugleich aber auf die Vorteile der Genossenschaft: „Wir erschließen nachhaltige und örtliche Energiequellen. Die Potentiale zum Beispiel der Wind-, Sonnen- und Wasserenergie sind da. Außerdem fließt Gewerbesteuer in die Stadtkasse, und es entstehen Arbeitsplätze.“ Wäre ein Regionalwerk Eigentümer des Stromnetzes, sorge das zudem dafür, dass das Kapital und die Gewinne in der Region blieben. „Darüber hinaus kann sich jeder Bürger einbringen und braucht nicht alles der Politik überlassen.“ Das NEV-Modell hingegen nehme den Kommunen jeglichen Gestaltungsspielraum. Und die EnBW produziere zu etwa 50 Prozent Atomstrom – allein deshalb sollte man ihr das Leitungsrecht nicht mehr übertragen.
Allerdings gehört die EnBW, die auch einen Sitz in der Teckstadt hat, zu den Unternehmen, die der Stadtkasse am meisten Gewerbesteuer einbringen. Das könnte bei der Entscheidung Kirchheims eine Rolle spielen.
Felix Denzinger und die anderen Initiatoren der „Teckwerke Bürgerenergiegenossenschaft“ wollen nun Gespräche mit den Kommunen führen und sich um die Konzessionen bewerben. Anschließend schwebt ihnen vor, eine Netzgesellschaft zu gründen. An dieser sollen die Genossenschaft, die Kommunen und ein „Kompetenzpartner“ beteiligt sein. „Wir brauchen einen Partner mit Erfahrung und Fachwissen“, betonte Felix Denzinger. Infrage kommen zum Beispiel der Stadtwerkeverbund „Kommunalpartner“, die „Energie in Bürgerhand“ in Freiburg oder die Elektrizitätswerke Schönau. Letztere gehören zu den größten alternativen Stromversorgern und sind aus einer Bürgerinitiative erwachsen, die sich nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gegründet hatte. Der „Schönauer Stromrebell“ Dr. Michael Sladek berichtete den Besuchern vom Netzrückkauf in Schönau in den 90er-Jahren und bot den Kirchheimern Unterstützung an.
Das Kirchheimer Stromnetz kostet laut Felix Denzinger geschätzte zehn Millionen Euro. Die Netzgesellschaft müsste davon zwei bis drei Millionen Euro übernehmen. Den Rest könnte sie über einen Kredit aufbringen. Auf die Genossenschaft selbst entfiele eine Million Euro. Die Refinanzierung erfolge über das Netzentgelt in Höhe von fünf Millionen Euro jährlich, informierte Felix Denzinger. Er rechnet mit einem jährlichen Überschuss zwischen 150 000 und 500 000 Euro. Das Risiko für die Genossen sei gering, betonte das Vorstandsmitglied. Im schlimmsten Fall dürfte die Einlage verloren gehen. Diese sollte übrigens mindestens 100 Euro betragen.
Weitere Infos gibt es auf www.teckwerke.de im Internet.
