Kreis Esslingen. Montag, 11 Uhr, Fahrradweg zwischen Kirchheim und Jesingen: Die Sonne lacht am weiß-blauen Himmel, die Vögel zwitschern. Es ist bestes Fahrradwetter – und das nutzen an diesem herrlichen Frühlingstag in Kirchheim zahlreiche Pedaleure.
Unterwegs ist auch Anka Altovino aus Kirchheim: Die 59-Jährige fährt mit ihrem E-Bike nach Jesingen und hat – wie auffällig viele Radler an diesem Morgen – keinen Fahrradhelm auf dem Kopf. „Ich weiß nicht, warum ich keinen Helm trage“, grübelt sie. „Wahrscheinlich ist es Bequemlichkeit.“ Außerdem sei so ein Helm auch wegen der Frisur etwas ungünstig, ergänzt sie schmunzelnd. Eine Fahrradhelmpficht in Deutschland würde die Kirchheimerin aber dennoch begrüßen. „Dann würde ich sofort ins nächste Geschäft gehen und mir einen kaufen.“
Das sieht ein 69-jähriger Jesinger, der ebenfalls „oben ohne“ unterwegs ist und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, genauso: Eine Helmpflicht und Geldstrafen für „Helmsünder“ würden Früchte tragen, ist sich der Jesinger sicher. „Am Geldbeutel kann man die Menschen erziehen.“ Der 69-Jährige weiß sehr wohl, dass ein Helm das Radfahren sicherer macht – aus Faulheit, wie er selbst sagt, verzichtet er aber darauf.
Derweil fahren einige weitere Radler ohne Helm, aber auch welche mit schützender „Haube“ vorbei. Zu Letzteren gehört Mathilde Wetzel aus Holzmaden: „Wenn ich längere Strecken fahre, trage ich einen Helm“, sagt die 63-Jährige. „Man spürt ihn ja kaum. Er ist nicht schwer und man schwitzt nicht darunter.“ Und zwecks Frisur hat die Holzmadenerin eine Haarbürste in der Tasche.
Auch Marlis Blon aus Kirchheim, die sich vor dem Schlossgymnasium auf ihren Drahtesel schwingt, fährt mit Helm. Die 49-Jährige will auch ihren 18 und 21 Jahre alten Kindern ein Vorbild sein. Und es funktioniert: Ihre Kinder halten sich an die familieninterne Helmpflicht. Marlis Blon weiß aber auch, dass die meisten Jugendlichen auf den Helm verzichten – schlichtweg, weil er unter ihresgleichen als „uncool“ gilt. „In der fünften Klasse setzen die Kinder noch einen Helm auf, in der sechsten lässt es schon nach, und in der siebten und achten – Fehlanzeige“, hat Marlis Blon beobachtet. Und sie hat Recht: Als an diesem Montag um 12 Uhr zahlreiche Schüler aus dem Schlossgymnasium zu ihren abgestellten Fahrrädern strömen, entdeckt man nur vereinzelt Helmträger. Einige Jugendliche haben zwar einen Helm dabei, lassen ihn aber am Lenker baumeln.
Bernd Cremer, Vorsitzender der Ortsgruppe Kirchheim des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), hat solche Szenen ebenfalls schon oft beobachtet. Dabei sei es gerade für Kinder und Jugendliche, die auf dem Schulweg im Stadtverkehr unterwegs sind, wichtig, einen Helm zu tragen. Denn generell seien „Alltagsradler“ gefährdeter als Sportler, die im Gelände ihrem Hobby frönen. Denn im Straßenverkehr hat man keinen Einfluss auf die Fehler, die andere machen, sagt Cremer.
Er selbst trägt einen Fahrradhelm, und er empfiehlt es auch allen Radlern – ganz egal, welcher Altersgruppe und ob mit E-Bike oder „normalem“ Rad unterwegs. „Ich habe schon am eigenen Leib erfahren, dass ein Helm nützlich sein kann“, erzählt er von einem Unfall, bei dem sein Helm eine „kräftige Schramme“ davontrug, sein Kopf aber unversehrt blieb.
Dennoch plädiert Bernd Cremer nicht für eine Fahrradhelmpflicht, wie es sie bereits in Spanien und Australien gibt. „Die Leute sollten von sich aus so einsichtig sein und einen Helm tragen.“ Das bestätigt Michael Schaal, Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen: „Man muss den Menschen nicht alles vorschreiben. Stattdessen appellieren wir an ihre Vernunft.“
Unter Umständen kann es aber auch rechtlich und versicherungstechnisch fatale Folgen haben, wenn man keinen Helm trägt und in einen Fahrradunfall verwickelt ist. „Es gibt Gerichtsurteile, die dem Fahrradfahrer in solchen Fällen eine Mitschuld zusprechen“, informiert René Filippek, Sprecher des Bundesverbands des ADFC. Dies sei allerdings nur bei Radsportlern der Fall – also bei Rennradfahrern oder Mountainbikern, die schneller unterwegs seien und dadurch ein höheres Risiko in Kauf nehmen, ergänzt der Experte. Allen Radsportlern rät er deshalb, bei Wettkämpfen und im Training immer einen Helm zu tragen. Bei „Alltagsradlern“ sehe es rechtlich anders aus: Da es in Deutschland keine Fahrradhelmpflicht gibt, dürfe hier das Tragen eines Helms bei einem Fahrradunfall keine Rolle spielen.
Allen, die sich einen Helm zulegen wollen, rät Bernd Cremer, sich eingehend beraten zu lassen. Farbe und Marke des Helms seien eher zweitrangig. „Wichtig ist, dass er gut sitzt.“ Untersuchungen hätten im Übrigen ergeben, dass auch preisgünstige Helme ihren Zweck erfüllen, betont Cremer. Es muss also nicht immer die Luxusvariante sein – schon ab 50 Euro seien gute Modelle erhältlich.
Bernd Cremer warnt dennoch: Man dürfe sich nicht zu hundert Prozent auf den Helm verlassen und dadurch möglicherweise risikofreudiger fahren: „Auch mit Helm ist man verletzlich.“