Gert Ueding würdigte im Max-Eyth-Haus Karl May zu dessen hundertstem Todestag
Old Shatterhands Lebenshilfe

Kirchheim. Karl May starb vor hundert Jahren. Das ist ein zwingender Anlass, sich mit ihm zu beschäftigen. Mit rekordverdächtigen rund 


Ulrich Staehle

200 Millionen Büchern ist er weltweit verbreitet. Der Kirchheimer Literaturbeirat hat Gert Ueding zu einer Matinee ins Max-Eyth-Haus eingeladen. Er hätte keinen kompetenteren Referenten engagieren können. Ueding ist emeritierter Professor für Allgemeine Rhetorik an der Uni Tübingen und Mitglied der Karl-May-Gesellschaft. Pünktlich zum Jubiläum ist bei Klöpfer und Meyer sein Buch „Utopisches Grenzland: Über Karl May“ erschienen, eine Sammlung von Essays, die er in den letzten Jahrzehnten über Karl May verfasst hat, meist für die Jahrbücher der Karl-May-Gesellschaft. Aus diesen Essays hat Ueding in Kirchheim gelesen.

Wer befürchtet hatte, der gelehrte Professor werde den Trivialautor nach allen Regeln der wissenschaftlichen Kunst auseinandernehmen, sah sich angenehm enttäuscht. Bevor er mit der Lesung begann, gab er einen Einblick in seine persönliche Karl-May-Beziehung. Als Junge hatte er, wie viele andere Jungen und auch Mädchen, eine Karl-May-Phase, die durch eine Leihbücherei gespeist wurde. Danach folgte eine „Depression“, er durchschaute die Machart der Romane und betrachtete diese Lesephase als abgeschlossen.

Einen Anstoß zur neuerlichen Beschäftigung mit dem Schriftsteller gaben private Gespräche, die er als junger Wissenschaftler mit Ernst Bloch in Tübingen führen konnte; erstaunlich, dass dieser welt- und literaturerfahrene Philosoph der Meinung war, May sei „einer der besten deutschen Erzähler“. Zur Verbundenheit mit Karl May trug dann vor allem die Karl-May-Gesellschaft bei. Die etwa zweitausend Mitglieder setzen sich zusammen aus Wissenschaftlern und Enthusiasten. „Das ergibt eine lebendige Mischung wie sonst nirgends“. Jedes Mitglied „hat seine Karl-May-Geschichte“. Zu Uedings Geschichte gehört die Lebenshilfe vor einer Blinddarmoperation. Der Junge stellte sich vor, wie Old Shatterhand sich in seiner Lage verhalten hätte – und hatte keine Angst mehr vor dem Eingriff.

Allein mit dieser Geschichte aus seinem Leben hat Ueding ganz persönlich die Bedeutung Mays den Zuhörern nahegebracht, bevor er den wissenschaftlichen Nachweis führte. Unabdingbar ist in dieser Hinsicht die Beschäftigung mit Mays Autobiografie „Mein Leben und Streben“ von 1910. Der Autor gibt über seine Kindheit „ein Vexierbild, in dem je nach Perspektive die eine oder andere Ansicht zu sehen ist“. 1852 als fünftes Kind im Erzgebirge in eine arme Weberfamilie geboren, gibt er auf der einen Seite ein idyllisches Kindheitsbild mit lieben Eltern und vor allem einer seelenvollen, märchenerzählenden Großmutter. Das andere Vexierbild zeigt eine von Armut, Schmutz und Krankheit geprägte Kindheit. Vor allem: May war vier Jahre blind. Er lebte nach innen und dieses Innenleben blieb gegenüber der Außenwelt, die er nach der wundersamen Genesung der Augen wieder wahrnahm, dominierend: „Ich blieb ein Kind für alle Zeit“.

Diese Selbsterkenntnis ist ernst zu nehmen, egal ob die Blindheit tatsächlich vorhanden war oder nicht. Die literarischen Gestalten erwuchsen seiner kindlichen Fantasie. Mithilfe dieser Fantasie „begann er, sich seine Obsessionen, seine Verletzungen und seine Kompensationen von der Seele zu schreiben“. Er war aus nichtigem Anlass als Lehrer entlassen und arretiert worden. Dann folgte eine Karriere als Kleinkrimineller mit Gefängnisstrafen. Das Schreiben hat ihn gerettet: Er hat sich „eine reine, unbefleckte Lebensgeschichte“ erdichtet, „sich aus den Wunschfantasien seine Welt“ erbaut. Erstaunlicherweise hat May in seinen Romanen die Kindheit nicht thematisiert. Kinder sind kleine Erwachsene oder manche Erwachsene wirken wie kleine Kinder.

Ein Arzt hat May das Augenlicht wiedergegeben. Er selbst hatte den Traum, Arzt zu werden. Das Motiv des Arztes als Retter der Welt durchzieht Mays Werke. Das ist bemerkenswert. Für einen Rhetorikprofessor ist der Tatbestand noch interessanter, dass in Mays Romanen dauernd gesprochen wird, da wird „beraten und überredet, schwadroniert und palavert, appelliert und verhandelt“.

Ueding sucht eine Begründung für die Redseligkeit und findet sie in der Lehrerausbildung des Landes Sachsen. May schreibt „die Prosa eines Elementar- oder Volksschullehrers“. Seine Ich-Erzähler wissen alles. Sachsen legte, anders als das restriktive Preußen, Wert auf einen „allseits ausgebildeten Volksschullehrer“.

Bei der Ausbildung zu einem pä­dagogischen Zehnkämpfer bekam May Grundlagen „in der lateinischen Sprache, in Logik, Psychologie und deutscher Literatur“. Und natürlich in Religion. Von Schiller konnte May lernen, was eine dramatische Wechselrede ausmacht und welche wirksame Waffe die Sprache ist neben einem schnellen Pferd und einer zielsicheren Büchse.

Der letzte Essay Uedings befasst sich mit dem Spätwerk Mays, vor allem mit „Ardistan und Dschinnistan“ von 1909. Es ist in doppelter Hinsicht erstaunlich. Der Autor verfasste es inmitten seiner unglücklich geführten juristischen Schlammschlachten, die ihn schließlich das Leben kosteten. Das Werk unterscheidet sich radikal von seinen Reiseromanen. Fürs Erste ist es enttäuschend und wirkt langweilig. Statt Abenteuer gibt es eine mystische Läuterungsreise mit viel Symbolik. Ueding wünscht sich für das Spätwerk, von dem ein Arno Schmidt begeistert war, ein größeres Lesepublikum und schloss mit einem beeindruckenden Friedensappell, den May einer literarischen Figur in den Mund legt, in dem es unter anderem heißt: „Wie man Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch.“

Den Zuhörern gab der Referent auf den Weg, wieder einmal nach einem Karl-May-Band zu greifen. May sei geradezu zu einer „Triebkraft deutscher Geistesgeschichte geworden“, zu einem „Repräsentanten seiner Epoche“ – nachzulesen in der Einleitung zu seinem Sammelband. Ueding selbst hat mit seinem spürbaren intensiven Engagement und seinem temperamentvollen Vortrag die beste Voraussetzung dafür geschaffen. Den Einwand, dass Karl May von der heutigen Jugend nicht mehr gelesen werde, dass die Tradition der persönlichen Karl-May-Geschichten abgebrochen sei, ließ der Referent nicht gelten. May sei bei der Jugend wieder im Kommen. Man müsse das Aktuelle und die Vielschichtigkeit der Fantasiegeschichten vermitteln. Ein Drittel der Karl-May-Gesellschaft bestehe wieder aus jungen Leuten. Howgh, Gert Ueding hat gesprochen.