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Ärzte kämpfen um neues Vertrauen

Kampagne In Krankenhäusern und Praxen bleiben aus Furcht vor Corona die Patienten weg. Mediziner warnen vor den Folgen und gehen mit Plakaten und Slogans jetzt gemeinsam in die Offensive. Von Bernd Köble

Konzertierte Aktion: Mathias Ziegler (Geschäftsführer Klinikum Esslingen), Wolf-Peter Miehe (Vorsitzender Kreisärzteschaft), Seb
Konzertierte Aktion: Mathias Ziegler (Geschäftsführer Klinikum Esslingen), Wolf-Peter Miehe (Vorsitzender Kreisärzteschaft), Sebastian Krupp (Geschäftsführer Mediuskliniken), Bodo Klump (Chefarzt Klinik Ruit) und Stefan Krämer (Ärztlicher Direktor Klinikum Esslingen) stellen ihre gemeinsame Kampagne vor (von links).Foto: Ines Rudel

Normalerweise stehen sie im wirtschaftlichen Wettstreit. Wenn es um die Folgen von Corona geht, sitzen die drei kreiseigenen Medius-Kliniken und das Klinikum in Esslingen allerdings gemeinsam in einem Boot. Genauer gesagt, an einem Tisch. Gestern war das im Kirchheimer Krankenhaus nicht nur bildlich gesprochen, sondern ganz real. Die Botschaft der gemeinsamen Kampagne, die dort vorgestellt wurde, ist eindringlich: Wer aus Furcht vor Corona den Weg zum Arzt oder in die Klinik scheut, tut dies ohne Grund. Und: Die Folgen können schlimmstenfalls tödlich sein. Kliniken und Kreisärzteschaft kämpfen gemeinsam gegen Ängs- te von Patienten und um verloren gegangenes Vertrauen während der Pandemie. Ängste, die inzwischen auch in Zahlen fassbar sind: Krankenkassen wie die DAK verzeichneten bis September vorigen Jahres einen Rückgang bei der Krebsvorsorge um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Anzahl der stationär behandelten Herzinfarkte ging deutschlandweit sogar um 31 Prozent zurück. Nach Einschätzung von Klinikärzten sind das Zahlen, die sich auch auf den Landkreis Esslingen übertragen lassen.

Die, die als Lotsen in der ersten Reihe stehen, sind Hausärzte wie Wolf-Peter Miehe. Der Weilheimer Allgemeinmediziner kennt solche Fälle zuhauf: den Rentner, der während des Lockdowns eine Woche lang mit Atemnot und Brustschmerz daheim auf der Terrasse hockt, ehe er sich doch überwindet und zum Arzt geht. Zurück bleibt eine Narbe im Herzmuskel, die bei rascher Behandlung vermeidbar gewesen wäre. In seiner Praxis hat Miehe seit Beginn der Pandemie rund 30 Prozent weniger Vorsorgeuntersuchungen registriert. Überwiegend seien das Männer, die man ohnehin schon schwer erreiche. „Es wird Zeit, dass wir auf die Menschen zugehen“, meint deshalb der Hausarzt, der als Vorsitzender der Ärzteschaft im Altkreis Nürtingen die Kampagne unterstützt.

Die Sorge um die Gesundheit der Patienten ist das eine. Sebas- tian Krupp, seit April Geschäftsführer der drei Medius-Kliniken, fürchtet eine nächste Welle, die diesmal nicht ein Virus in Gang setzen könnte, sondern die Spätfolgen nicht oder zu spät behandelter Erkrankungen. Überdies hat das Thema auch eine wirtschaftliche Komponente: Die finanziellen Folgen der Pandemie für die Kliniken sind zur Stunde noch gar nicht absehbar. Für Krupp steht allerdings fest: „Wenn wir Vertrauen nicht zurückgewinnen, werden die sich deutlich verschlimmern.“

Am Ende ist es ein Gebot der Vernunft. Nicht immer kommt glimpflich davon, wer zögert, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Krebs und andere Krankheiten machen nun mal keine Pause“, betont Stefan Krämer, Chefarzt und Ärztlicher Direktor am Klinikum Esslingen. Er erlebt fast täglich, dass Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zu ihm kommen. Eine fatale Situation, vor allem, wenn es um Tumorerkrankte geht. „Das sind keine Einzelfälle“, sagt der Mediziner. „Das beobachten wir gehäuft.“

Die Angst von Patienten vor der Diagnose ist weit verbreitet. Vielen kommt deshalb Corona gerade recht. Dabei sind die Krankenhäuser längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt. Schließlich gehört der geregelte Umgang mit Infektionskrankheiten dort seit jeher zum Alltag. Rund 80 Prozent des Personals aller Häuser im Kreis sind inzwischen geimpft oder von Covid genesen. Krämer spricht von Herdenimmunität oder wie sein Chefarzt-Kollege Bodo Klump von der Klinik in Ruit es ausdrückt: „Jede Bahnfahrt ist gefährlicher als ein Besuch im Krankenhaus.“

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