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An der neuen Wertschätzung festhalten

Lockerungen Mit sinkenden Inzidenzzahlen winkt auch ein Stück Normalität. Kommen wir damit überhaupt klar? Melanie Grieß­haber gibt Auskunft. Von Katja Eisenhardt

Die psychologische Beraterin Melanie Grießhaber aus Neidlingen berät Menschen, die mit ihren Problemen nicht mehr alleine ­zurec
Die psychologische Beraterin Melanie Grießhaber aus Neidlingen berät Menschen, die mit ihren Problemen nicht mehr alleine ­zurechtkommen. Die Pandemie spielt inzwischen eine Rolle in den Gesprächen, ist aber nicht das Hauptthema.Foto: Katja Eisenhardt

Auf den Straßen kehrt das Leben zurück, die Gastronomen haben ihre Lokale frisch herausgeputzt, die ersten Gäste freuen sich über die Alternative zum heimischen Herd und genießen Speis’ und Trank in der Sonne. Auch die Einzelhändler und Kulturschaffenden hoffen auf ein diesmal andauerndes Ende einer langen und zähen Durststrecke. Doch können wir nach Monaten des Lockdowns mit zum Teil massiven Einschränkungen überhaupt noch von heute auf morgen die neuen Freiheiten in vollen Zügen genießen? Oder bleibt ein Stück weit die Unsicherheit, die die relativ unberechenbare Corona-Pandemie mit sich brachte und nach wie vor bringt?

„Das hängt von der eigenen Persönlichkeit und Situation ab. Jeder Mensch hat sein ganz persönliches Denken-Fühlen-Handeln-Muster. Das zeigt sich auch während der Pandemie und unserem individuellen Umgang damit“, erklärt die individualpsychologische Beraterin Melanie Grießhaber aus Neidlingen. „Gemein haben wir aber, dass wir soziale Wesen sind, für die ein Miteinander existenziell wichtig ist. Beziehung ist alles und alles ist Beziehung. Das ist im letzten Jahr komplett auf die Probe gestellt worden. Entsprechend leiden wir unter den Kontaktsperren, wie wir sie seit über einem Jahr erleben.“ Einsame Menschen wurden noch einsamer. Strukturen im Alltag, die einem Sicherheit vermitteln, gingen verloren. Je nachdem, was man für ein Typ Mensch sei, gehe man mit solch unvorhergesehenen Situationen um, sagt Melanie Grießhaber. Dasselbe gilt für den Neustart nach dem Lockdown. „Diejenigen, auf die die Pandemie keine größeren Auswirkungen hatte, außer, dass sie allgemein ein wenig ausgebremst waren, werden sehr schnell wieder in den normalen Alltag zurückfinden und die neuen Freiheiten in vollen Zügen genießen. Sie stehen vermutlich schon in den Startlöchern. Wer aber durch Corona existenzielle Probleme hat - seinen Job verloren hat oder insolvent gegangen ist, der braucht Zeit, um diesen Scherbenhaufen zurückzulassen und neu zu starten. Man baut sich nicht von heute auf morgen eine neue Existenz auf.“ Doch nicht nur beruflich, auch privat hat die Pandemie viele Menschen vor große Herausforderungen gestellt. Beziehungen gingen in die Brüche, innerfamiliäre Konflikte haben sich möglicherweise verstärkt. „So etwas wird auch nicht einfach so wieder heil, nur weil die allgemeine Lage sich nach und nach entspannt“, weiß Melanie Grießhaber. Wichtig sei es grundsätzlich, sich ein langfristiges Ziel zu setzen, das man dann Schritt für Schritt erreicht - ob auf privater oder beruflicher Ebene. So manch einer müsse vermutlich auch erst wieder sein Selbstwertgefühl zurückgewinnen, sich darauf besinnen, was ihn oder sie ausmacht. Denn im Zuge der Pandemie wurde man an vielen Stellen - etwa im Beruf - vielleicht plötzlich nicht mehr so gebraucht wie davor, konnte nicht mehr viel beitragen, musste etwa in Kurzarbeit. „Die Lebensaufgabe Arbeit brach für viele weg, das macht etwas mit uns“, beobachtet Melanie Grießhaber. „Man muss individuell schauen, was es braucht, um wieder in die Normalität zurückkehren zu können.“ Und wer allein nicht (mehr) die Energie aufbringe, neu zu starten, sollte sich Hilfe dafür holen, rät die Expertin.

In den Gesprächen mit ihren Klienten bemerke sie schon einen teils etwas verhaltenen Optimismus, was den aktuellen Neustart nach den Lockerungen angehe, sagt die Beraterin: „Da ist durch alle Altersgruppen hindurch ein gewisses Misstrauen und Skepsis gegenüber dem, was nun kommt, zu spüren. Man hat Hoffnung auf das Licht am Ende des Tunnels, traut sich aber noch nicht so richtig, sich zu freuen“, beschreibt Melanie Grießhaber die Schwebe, in der sich viele von uns ­emotional aktuell befinden. Grundsätzlich seien aber nicht mehr Leute zur Beratung gekommen. Auch die Themen seien keine gänzlich anderen, sondern nur „anders gefärbt“. Corona sei nicht der Hauptgrund für die Beratungen, sondern verstärke vorhandene Themen und Probleme. Ein Beispiel: Hakt es in einer Beziehung ohnehin, kann das ständige Aufeinanderhocken die Partnerschaft erst recht auf die Probe stellen.

Nicht gänzlich außer Acht lassen sollte man die positiven Effekte, die Corona durchaus mit sich brachte: „Dass man alltägliche Dinge plötzlich wieder mehr schätzt, dass man mehr Zeit für sich, die Familie oder neue Hobbys hat(te). Daran sollten wir noch ein bisschen festhalten, der hektische Alltag kommt schneller zurück, als man denkt“, rät Melanie Grießhaber.

1 Weitere Infos über das ­Beratungsangebot gibt es unter www.griesshaber-coaching.de

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