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Angst bewältigt man nicht allein

Corona Die Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger geht der Frage nach, was die Furcht vor dem Virus und seinen Folgen mit Menschen anstellt. Von Alexander Maier

Landschaftspflegetag im Randecker Maar: Gehölz ist zu entfernen und gleich vor Ort zu verhäckseln. Unter anderem schadet zu star
Landschaftspflegetag im Randecker Maar: Gehölz ist zu entfernen und gleich vor Ort zu verhäckseln. Unter anderem schadet zu starkes Gehölz den Insekten. Foto: Thomas Krytzner

Kein Thema beschäftigt die Menschen so intensiv wie Corona. Die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger erforscht, wie Menschen auf die Pandemie reagieren und welche gesellschaftlichen Folgen das hat.

Wie haben Sie die Coronazeit bislang persönlich erlebt?

Christel Köhle-Hezinger: Erst mal bin ich dankbar, dass ich im Ruhestand bin. Wie ich von Kollegen höre, ist es an der Uni nicht einfach. Egal, ob man online oder hybrid unterrichtet - soziale Kontakte zu den Studierenden sind erschwert. Das macht es viel schwieriger, das Feuer und die Leidenschaft für das Fach weiterzugeben. Wenn man alleine lebt, fällt man in diesen Zeiten leicht in ein Loch. Als Emerita war ich freiberuflich sehr aktiv. Vieles ist derzeit nicht möglich. Und irgendwann ist auch das Arbeitszimmer aufgeräumt. Schwierig finde ich diesen Rhythmuswechsel: Erst gab es den Lockdown, dann durfte man wieder singen, Kultur erleben, Gäste empfangen. Man hat sich wieder in die Freiheit verliebt. Plötzlich waren wieder Einschränkungen nötig. Anfangs war es aufregend, zu sehen, wie wir oft sogar kreativ mit der Pandemie umgehen. In der Wiederholung fällt das schwerer.

Ist der Umgang unserer Gesellschaft mit Corona typisch für das Verhalten in solchen Ausnahmesituationen?

Köhle-Hezinger: Bei alledem geht es um Angst, und die kennt man in jeder Kultur. Entscheidend ist, wie eine Kultur damit umgeht. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, fallen mir die Pockenimpfungen ein, die jedes Kind über sich ergehen lassen musste. Da gab es kaum jemanden, der die Notwendigkeit angezweifelt hat. Und beim obligatorischen Tuberkulosetest hatte jedes Kind Angst, „ob’s Bläschen gibt?“ - aber es musste sein. Mit solchen Situationen umzugehen, muss man lernen. Kultur gestaltet die Angst - und jede Kultur findet darauf eigene Antworten. Wenn eine Kultur klare Regeln, Werte und Normen hat und alle eingebunden sind in einen Verhaltenskodex, weiß jeder, woran er ist. Wenn sich diese Verbindlichkeit auflöst und aufgeht in einer Freiheit, die so nie vorstellbar war, wird es viel schwieriger, sich auf einen gemeinsamen Wertekanon zu einigen.

Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn nicht jeder tut oder lässt, was ihm einfällt - auch auf Kosten anderer. Weshalb geht diese Einsicht verloren?

Den Disput über Regeln gab es schon immer. Ein Gefühl totaler Freiheit bedeutet Verlust von Verlässlichkeit. Die Angst vor der Freiheit, die manche bewusst oder unbewusst empfinden, verkleidet sich oft in pseudowissenschaftlichen Konstrukten oder Verschwörungstheorien. Man bastelt sich Collagen aus vermeintlichen Fakten, die man im Internet aufsammelt und nie verifiziert. Die werden zu Theorien erhoben, obwohl sie eigentlich keine sind. Was früher Kirche und Glaube waren, wird zunehmend abgelöst von dieser Identitätsbastelei. Vieles wird durch Einsamkeit begünstigt. Der Mensch sitzt vor seinem Bildschirm, jeder agiert und kommuniziert alleine. Das sind keine Diskussionen um der Erkenntnis willen, sondern Monologe, die abgespult werden. Das Internet ist überall verfügbar und gibt jedem das Gefühl, er sei informiert und wüsste so viel wie der Virologe, der seit Jahren am Thema forscht.

Wie lässt sich dem begegnen?

Meinen Studierenden habe ich gesagt: Wissen könnt Ihr euch im Netz holen. Beibringen muss ich euch, wie ihr mit diesem Wissen umgeht und wie ihr vermeintliches von tatsächlichem Wissen unterscheidet. Ich bin keine Kulturpessimistin, aber wir müssen beobachten, was es mit unserer Gesellschaft macht, wenn Zeiten, Orte, Rituale, Regeln und Normen ihre Verbindlichkeit verlieren.

Debatten wirken oft verbissen. Fehlt die Leichtigkeit des Seins?

Die Spieltheorie sagt, dass Kultur aus dem Spiel hervorgeht und ganz entscheidend für den Menschen und seine Ausprägung ist. Spiel bietet Spaß, Ernst, Anspannung, Entspannung und auch Regeln. Wenn wir uns einmal anschauen, was gerade los ist, dann müssen wir feststellen: All das ist weitgehend lahmgelegt. Live findet wenig statt. 

Weshalb brechen die Gegensätze gerade bei Corona mit solcher Wucht auf?

Das ist symptomatisch, weil dieses Thema mit dem Körper zu tun hat, mit Befindlichkeiten und Wohlergehen. Wir haben als Gesellschaft insgesamt ein ungeahntes Maß an Wohlstand und Freiheit - auch wenn ich sehr wohl weiß, dass es viel Armut gibt. Das Individuum nimmt sich ungeheuer wichtig. Viele reden nur vom Ich statt vom Wir. Viele, die an Corona-Demos teilnehmen, wollen sich dabei als Individuen erfahren. Dass dieser Protest auch von militanten und rechten Gruppen übernommen wird, ist tragisch. Wir haben die Angst vieler vor dem, was - nicht nur wegen Corona - noch auf uns zukommen könnte, nicht ernst genug genommen. Die Angst bewältigt man nicht in der Vereinzelung.

Gibt es etwas, das Ihnen für die Zukunft Hoffnung macht?

Ich kann mir manches vorstellen, positiv wie negativ. Man staunt oft, wie schnell nach solchen Zäsuren die Freude am gemeinsamen Tun wiederkehrt und wie pragmatisch die menschliche Natur ist. Ich hoffe auf den Überlebenswillen der Menschen, so wie ich auf den Überlebenswillen der Natur hoffe. Und ich hoffe auf die Kraft der Sonnenstrahlen. Wenn mehr soziales Leben möglich wird, kann neue Energie entstehen. Daraus müssen wir die richtigen Schlüsse ziehen.

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