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Angst vor der Polizei bekommen

Mentalität Dorothee Kammel lernt ihre spanischen Mitbürger in der Krise neu kennen – nicht alles gefällt ihr dabei.

Palma de Mallorca. Es wird zwar geschrieben, dass es bisher nur eine nächtliche Ausgangssperre ist, aber der Alarmzustand ist wieder verhängt und der ermöglicht Mallorcas Landesregierung, „nötige“ Einschnitte zu tätigen. „Das macht mir Angst. Ich gehe davon aus, dass es wieder eine strenge Ausgangssperre gibt“, sagt Dorothee Kammel, die seit sieben Jahren auf der Baleareninsel lebt.

Den ersten Lockdown vor mittlerweile fünf Monaten ging sie noch ganz „tough“ an und verbreitete diese Haltung auch im Freundeskreis. „Homeoffice fand ich anfangs gar nicht so schlimm. Aber dann zerrte die Ungewissheit an den Nerven. Niemand durfte raus, nur zum Einkauf.“ Als sie einmal mit dem Rucksack zum Supermarkt lief, schrie jemand aus dem obersten Stock eines Hauses „quedate en tu puta casa“: „Bleib in deinem verdammten Haus“. „Galt das mir? Die Nerven lagen blank“, erinnert sie sich. Nachbarn bauten auf den Balkonen Fitnesstudios auf und auch sie drehte ein wenig verzweifelt auf der großen Terrasse ihre Runden.“

Nach der Öffnung kehrte langsam so etwas wie Normalität zurück, alle entspannten sich. Doch mit steigenden Zahlen zogen die Regeln wieder an und wurden noch härter: Die Maskenpflicht herrschte nun immer und überall, auch draußen, auch wenn man alleine war. „Die Wut stieg in mir hoch, die Regeln erschienen mir nicht logisch“, erzählt Dorothee. Sie geht seitdem seltener spazieren, nimmt dafür eher das Fahrrad, das man noch offiziell ohne Maske tun kann. Auch am Strand darf man „frei atmen“: immerhin.

Corona hat etwas mit Dorothee Kammel gemacht. „Die Angst vor der Polizei habe ich hier zum ersten Mal gespürt. Von einem Polizisten weggescheucht zu werden, nur weil man aufs Meer schaut, anstatt sich zu bewegen, hat mich wütend gemacht. Ich muss Regeln nachvollziehen können, sonst rebelliert es in mir.“ Die Spanier sind dagegen exzellent im Anpassen, meint sie. Obwohl es für Barbesitzer zum Verzweifeln ist, halten sich die meisten brav an die Regeln und wirken kaum verbittert. Ihre Haltung zu Spanien hat sich verändert: „In dem Land fehlt mir etwas der Glaube an die Eigenverantwortung.“ Vielleicht zu Recht? „Die Spanier sagen ja von sich selbst: ,Wenn ihr uns rausgehen lasst, gehen wir auch raus.‘“ Vor einem zweiten rigorosen Lockdown“ hat sie Angst.Thomas Zapp

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