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Auf dem Waldfriedhof gibt es viel Fläche - und wenig Platz

Bestandsaufnahme Kirchheim muss sich um Baumschonbereiche, Störzonen und Greifvögelhorste kümmern.

Kirchheim. Fast 70 000 Quadratmeter weist der Kirchheimer Waldfriedhof auf. Davon sind nicht ganz 12 000 Quadratmeter mit Gräbern belegt - gerade einmal 17 Prozent. Von 65 Abteilungen sind 17 aktuell nicht belegt. Es müsste also genügend Platz geben. Der Konjunktiv ist dennoch angebracht, denn tatsächlich gibt es gravierende Einschränkungen: durch Baumschonbereiche, Störzonen und Naturschutzflächen.

Die Baumschonbereiche sollen dazu beitragen, dass weniger Baumkontrolle und Baumpflege anfallen. Es geht in erster Linie darum, den Wurzeln nicht zu nahe zu kommen. Das wiederum bedeutet, dass gegenüber der 50 Jahre alten Planung für den Waldfriedhof nun rund um einen großen Baum herum bis zu 40 Gräber entfallen würden. Außerdem kommt die Verkehrssicherungspflicht ins Spiel: Herabfallende Äste machen Gräber direkt unter den Bäumen zur Gefahrenzone für die Friedhofsbesucher.

Hinzu kommen die „Störzonen“, die aus anderen Gründen eine Bestattung unmöglich machen: Dort ist der Untergrund so „vernässt“, dass die Körper der Verstorbenen nicht schnell genug verwesen. Der Naturschutz wiederm betrifft Bäume, in denen Greifvögel ihre Hors­te errichtet haben.

Etliche Bäume müssen weichen

Was bedeutet das alles für die Fläche des Waldfriedhofs? Landschaftsarchitektin Dörthe Hauswald vom Stuttgarter Büro Wölffing-Seelig drückt es deutlich aus: „Wenn alles so bleibt, wie es ist, dürften wegen der Baumschonbereiche 88 Prozent der möglichen Grabstellen nicht mehr belegt werden.“ Es besteht also dringender Handlungsbedarf: Auf dem Waldfriedhof müssen Bäume weichen - wenn auch nicht zu viele. Der Charakter eines „Wald“-Friedhofs soll erhalten bleiben.

Von der Sache her ist es auf jeden Fall gerechtfertigt, den einen oder anderen Baum zu entfernen, wie Ralph Wölffing-Seelig im Gemeinderats-Ausschuss für Infrastruktur, Wohnen und Umwelt ausführte: „Der Baumbestand ist nie durchfors­tet worden. Außerdem sind die Bäume viel zu eng gepflanzt. In trockenen Bereichen konkurrieren sie um Wasser und Sauerstoff.“ Auch die Baumarten sind nicht ideal: „Die Buche hat man künstlich aufgeforstet. Sie ist dort vergleichsweise fremd.“ Besser sieht es mit der Eiche aus, die ebenfalls ein Drittel des Bestands ausmacht: „Die hat dort eine hohe ökologische Bedeutung.“

Derzeit liegt die Zahl der jährlichen Bestattungen auf dem Waldfriedhof zwischen 60 und 70. Das wird sich aber irgendwann wieder ändern - sobald die freie Fläche auf dem Alten Friedhof wieder komplett belegt sein wird. Trotz rückläufiger Sterbezahlen, trotz der Aufgabe von Familien- und Generationengräbern, trotz des Trends zu mehr Feuerbestattungen und zu Grabformen ohne Pflegeverpflichtung wird also der Bedarf an Grabflächen auf dem Waldfriedhof gegen Ende des Jahrzehnts wieder zunehmen.

Hinzu kommt beim Flächenbedarf noch ein weiteres Thema, das seit Frühjahr 2020 an Aktualität gewonnen hat: „Kommunen müssen Flächen für Pandemiefälle vorbereiten“, sagte Ralph Wölffing-Seelig im Ausschuss. Für Kirchheim bedeutet das - angelehnt an die Einwohnerzahl: Es braucht Flächen, auf denen man - im pandemischen Ernstfall - innerhalb von zwei Wochen 388 Bestattungen vornehmen kann. In pietätlosen Zahlen ausgedrückt, heißt das: Bei Sargbestattungen besteht in diesem Fall ein Flächenbedarf von 776 Quadratmetern. 543 Quadratmeter wären es, wenn statt der Särge Leichensäcke verwendet werden.

Fazit für den Waldfriedhof: zu viele Bäume und zu wenig Grabflächen, obwohl das Areal eigentlich riesengroß ist. Über die weitere Vorgehensweise - auch über das behutsame Fällen von Bäumen - soll nun eine Arbeitsgruppe entscheiden. Der Friedhof als solcher bleibt aber erhalten. Sonst bräuchte es auch keinen neuen Haupteingang. Andreas Volz

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