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Auf die Zahl der Dellen kommt es an

Sturm Rund 550 Autos haben die KfZ-Sachverständigen im Kirchheimer Hagelzentrum seit dem letzten Unwetter begutachtet. Rund 70 Prozent der Geschädigten lassen ihr Fahrzeug reparieren. Von Thomas Krytzner

Seit rund 30 Jahren ist Roland Wohlfahrt Hagelschäden an der Karosserie auf der Spur. Mit einem gelben Leuchtstift markiert er d
Seit rund 30 Jahren ist Roland Wohlfahrt Hagelschäden an der Karosserie auf der Spur. Mit einem gelben Leuchtstift markiert er die Beulen und kann sie so anschließend zählen.

Der Schreck saß vermutlich vielen in den Knochen, als am 23. Juni ein knapp 20-minütiger Hagelsturm über etliche Orte der Region herzog. Neben den Schäden am Haus und im Garten litt auch des Deutschen „Heiligs Blechle“ - das Auto - gewaltig unter den Einschlägen der Hagelkörner. Die Kfz-Versicherer in den betroffenen Gebieten reagierten rasch und richteten entsprechende Hagelzentren ein, damit Sachverständige die Schäden unkompliziert erfassen können. „In Kirchheim haben wir bereits 550 Fahrzeuge begutachtet“, bestätigt Dörte Lochner, Fachexpertin bei der Wüstenrot und Württembergischen Versicherung. Bis zum 30. Juli war die Hagelaktion in Kirchheim geplant. „Aufgrund der vielen gemeldeten Schäden verlängern wir jedoch bis zum 13. August“, erklärt die Sprecherin der Versicherung. Um die Schadenslage in den Griff zu kriegen, hat die Versicherungsgesellschaft, wie Dörte Lochner sagt, Mitarbeiter aus dem ganzen Bundesgebiet hinzugezogen.

Rund 45 Minuten bleiben den Kfz-Sachverständigen pro Fahrzeug, um alle Hagelschäden zu erfassen und zu bewerten. „Das ist knapp berechnet“, sagt Roland Wohlfarth, der seit 30 Jahren beschädigte Autos unter die Lupe nimmt. Dabei spielt der Regen beim Zeitfaktor eine große Rolle: „Wenn wir Hageldellen erkennen und zählen wollen, muss das Fahrzeug trocken und sauber sein. Das heißt, bei Regen müssen wir jedes Auto erst noch trocknen.“

Am liebsten bewertet er die Schäden bei Fahrzeugen mit dunkler Lackierung. „Weiß und Silber sind die schwierigsten Farben, weil man die Dellen auf dem Lack kaum erkennt.“ Doch auch dafür haben die Schadensexperten Hilfsmittel. Zum einen stehen seitlich in den Boxen zwei Wände mit schwarzen Streifen, die beim Erkennen des Hagelschadens helfen, zum anderen gibt es das Dellensegel. „Mit diesem Teil kann ich auch kleinste Dellen erkennen“, erklärt Wohlfarth. Das sei gerade hier in Kirchheim wichtig, weil viele Beulen unter zehn Millimeter tief seien. „Die Höhe der durchschnittlichen Schäden ist gebietsabhängig“, erläutert der Sachverständige, „während sich die Summe pro Fahrzeug hier auf mindestens 2500 Euro beläuft, geht’s bei den Hagelschäden im Landkreis Reutlingen bei 5000 Euro los.“ Aber keine Regel ohne Ausnahme: „Beim ersten untersuchten Auto heute früh beläuft sich der Schaden auf 6500 Euro.“

Wenn Roland Wohlfarth mit dem Dellensegel auf die Suche nach Schäden geht, markiert er diese mit einem gelben Leuchtstift direkt an der betroffenen Stelle. „So kann ich im Anschluss die Dellen zählen und auf dem Datenblatt erfassen“, beschreibt der Sachverständige seine Begutachtung. Die Daten überträgt er später ins Schadenserfassungssystem Audatex. „Dieses rechnet den Schaden am Auto aus und die Meldung geht online an die Schadensbetreuer der jeweiligen Versicherung“, erklärt Roland Wohlfarth. Die Zahl der Dellen entscheidet über das Schicksal des Fahrzeugs, wie der Hagelexperte bestätigt: „Eine Motorhaube oder Türen und Kotflügel mit über 100 Dellen werden komplett ersetzt. In vielen Fällen sind es deutlich mehr Beulen und je nach Wert des Fahrzeugs ist man da rasch bei einem Totalschaden.“ Rund 70 Prozent der Autobesitzer lassen jedoch die Hagelschäden reparieren. Roland Wohlfarth erklärt, warum: „Derzeit sind viele Fahrer mit neuen Autos unterwegs und da lohnt es sich, die Schäden zu beheben.“ Er erinnert sich an den großen Hagelschlag im Jahr 2013, bei dem die Regulierung völlig anders ablief: „Da stellten wir bei 50 Prozent der geschädigten Fahrzeuge Totalschaden fest, 25 Prozent ließen sich den Schaden auszahlen und nur 25 Prozent wünschten eine Reparatur.“ Damals dauerte der Hagel knapp vier Minuten, aber die Körner waren deutlich größer.

Der Experte zählt bereits die nächsten Dellen auf der Motorhaube eines Fahrzeuges aus dem Landkreis Göppingen. Resultat: Mindestens 100. Die Besitzerin des schwarzen Opel nimmt‘s gelassen. Sie hat den Hagelschauer in Schlierbach miterlebt, während ihr Auto in Uhingen stand: „Ich habe schon einen Termin beim Hageldoktor“, erklärt die erleichterte Fahrzeugbesitzerin. Wer sein Auto im Hagelzentrum auch gleich reparieren lassen will, hat Glück. „Das PDR-Team ist im Haus und entfernt die Dellen.“

Dank des sogenannten Dellensegels sind auch kleinste Beulen zu erkennen. Ab 100 wird das entsprechende Teil ausgetauscht.
Dank des sogenannten Dellensegels sind auch kleinste Beulen zu erkennen. Ab 100 wird das entsprechende Teil ausgetauscht.
Dank des sogenannten Dellensegels sind auch kleinste Beulen zu erkennen. Ab 100 wird das entsprechende Teil ausgetauscht.
Dank des sogenannten Dellensegels sind auch kleinste Beulen zu erkennen. Ab 100 wird das entsprechende Teil ausgetauscht.
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