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Auf zwei Rädern zur Verkehrswende

Mobilität Das Fahrrad ist beliebt wie nie, als Alternative zum Auto will es die Politik noch attraktiver machen. Dazu bedarf es einer lückenlos sicheren Infrastruktur. Ein Test zeigt, wo es klappt und wo es hapert. Von Thomas Zapp

Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer (links) und der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz sind zwei Rad-Enthusiaste
Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer (links) und der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz sind zwei Rad-Enthusiasten: Gemeinsam sind sie 2007 mit einer Gruppe 850 Kilometer in die Partnergemeinde Rambouillet geradelt. Danach gründeten sie die „Gemeinderadler“-Gruppe des Rathauses.Fotos: Markus Brändli

Radfahren steht gerade für viel Gutes: gesund für Körper und Geist, umwelt- und klimaschonend, wichtig für die Verkehrswende und es macht Spaß. Mit dem Kirchheimer Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz und Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer machen sich zwei Fahrrad-Enthusiasten seit Jahren für eine bessere Radinfrastruktur in der Region stark. Ein Praxistest, wie weit die „Radverkehrsförderung“ gediehen ist, liegt da gewissermaßen auf der Pedale. Das Land Baden-Württemberg, so Andreas Schwarz, wolle „Wegbereiter einer nachhaltigen Mobilität“ sein und den Anteil des Radverkehrs bis 2030 auf 20 Prozent erhöhen. Aktuell liegt er etwa zwischen acht und zehn Prozent. Politisch ist der Umbau zu einer fahrradfreundlicheren Gesellschaft gewollt, nur oft hinken die Zustände den Plänen noch hinterher.

Das merken Radfahrerinnen und Radfahrer auch in Kirchheim, etwa wenn der Radweg an der Schöllkopfstraße Richtung Innenstadt zwar am Bahnhof noch vorbeiführt, nach der Einmündung der Ziegelstraße aber unvermittelt aufhört. Schlagartig stellt sich auf dem Zweirad das Gefühl ein, den Autofahrern Platz wegzunehmen und ein Störfaktor auf der Straße zu sein. Vor allem bei der geplanten Weiterfahrt Richtung Tannenbergstraße ist es vor allem den unerschrockenen Einfädelungskünsten des ehemaligen Radsportlers Günter Riemer zu verdanken, dass die kleine Dreiergruppe eingerahmt von Blechkarossen fahrbereit an der Kreuzung steht. „Drei Prozent haben mit dieser Art zu fahren kein Problem, zehn Prozent nutze die Wege trotz bedenken, aber 60 Prozent hält das vom Radfahren in der Stadt ab“, sagt Günter Riemer.

Um diese Situationen zu vermeiden, will die Stadt Kirchheim Fahrradstraßen schaffen. „Optimal wäre eine Haupteinfallsachse aus jeder Himmelsrichtung, über die man mit dem Fahrrad das Zentrum erreichen kann“, sagt Günter Riemer. Eine wäre die Bismarckstraße, welche den Teckkeller und die Hindenburgstraße verbindet. Das ließe sich auch ziemlich leicht bewerkstelligen: Ein Hinweisschild und Fahrbahnmarkierungen, fertig ist die Straße. „Sie ist nicht so stark befahren und kann von Autos und Bussen weiterhin benutzt werden, nur dass Fahrräder Vorfahrt haben“, erklärt Günter Riemer. Radfahrerinnen und Radfahrer wären im Nu am Ortsrand und können sich Richtung Jesingen und Weilheim orientieren. Zwar sei der Vorschlag noch nicht abgesegnet, aber man arbeite daran, sagt der Bürgermeister und ehemalige Präsident des württembergischen Radsportverbands.

Das Prinzip lautet: Um mehr Leute auf das Fahrrad zu kriegen, muss Radfahren auch innerhalb der Städte und Gemeinden Straße machen. Radelt man Richtung Zentrum, erkennt man leicht ein weiteres Problem: Der Parkierverkehr, also Menschen mit Auto auf der Suche nach einem Parkplatz. „Den müssen wir reduzieren“, sagt Andreas Schwarz. Deshalb soll es künftig keine verstreuten Parkbuchten in Kirchheim geben, sondern nur noch Parkhäuser. Auch temporäre Pollerlösungen wie in der Dettinger Straße - Spitzname: Franz - hätten sich bewährt, sagt Günter Riemer. „Wir brauchen mehr Experimentier-Klauseln in den Verordnungen“, sagt er. Nur mit zeitlich begrenzten Maßnahmen könne man herausfinden, ob sie zielführend sind oder nicht.

Verlässt man das Kirchheimer Stadtgebiet mit dem Rad über Nabern Richtung Weilheim, kommt inmitten von Voralb-Panorama und Grünzügen schnell Urlaubsfeeling auf. Wären da nicht einige Schönheitsfehler: Der Radweg von Nabern nach Weilheim müsste auch Richtung Kirchheim fortgeführt werden. „Es müssten gemarkungs­übergreifende Planungen geben“, sagt Günter Riemer. Da müsse der Landkreis mehr tun. Als der Weg in Weilheim mündet, hört er am Ortseingang auf. Wer durch das Zentrum fahren will, muss sich gut in Einfädelungstechnik verstehen. Auch hier sehen die Experten Verbesserungspotenzial.

Ein positives Beispiel ist wiederum die Radstrecke von Ohmden nach Schlierbach. „Baulastträger war der Landkreis, auch sind hier Landesmittel geflossen“, sagt Andreas Schwarz. Knapp 1,3 Millionen Euro kamen von Bund und Land. Eine Gemeinde allein hätte das gar nicht stemmen können. Am Ende der Tour stehen 33 Kilometer auf dem Tacho: Trotz Stadtverkehr hat eine gewisse Erholung eingesetzt. Und einen weiteren Vorteil bietet das Fahrrad: Der Weg zur verdienten Erfrischung im Biergarten kann komplett auf zwei Rädern zurückgelegt werden.

Die Kreuzung ohne Radstreifen an der Schöllkopfstraße bietet wenig Fahrspaß (oben). Die Bismarckstraße soll eine Fahrradstraße w
Die Kreuzung ohne Radstreifen an der Schöllkopfstraße bietet wenig Fahrspaß (oben). Die Bismarckstraße soll eine Fahrradstraße werden.
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