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Beliebt, begehrt, beschränkt verfügbar

Verkehr Fahrräder, insbesondere E-Bikes und Pedelecs, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Händler in der Region freuen sich über den Boom, können aber viele Kundenwünsche gar nicht mehr erfüllen. Von Marion Brucker

Martin Höfle berät gerne seine Kunden, muss sie aber auch auf teils lange Wartezeiten vorbereiten.Foto: Jean-Luc Jacques
Martin Höfle berät gerne seine Kunden, muss sie aber auch auf teils lange Wartezeiten vorbereiten.Foto: Jean-Luc Jacques

Wer sich dieser Tage ein Fahrrad kaufen möchte, bei dem ist Geduld angesagt. „Die Vorlaufzeit beträgt aktuell zwei bis acht Monate, egal welche Art von Rad“, erklärt Martin Höfle. Normalerweise hat Höfle aus Owen im Frühjahr 300 bis 500 Räder mehr im Lager. Doch mit der Corona-Pandemie ist alles anders. „Sie hat zweifelsohne einen Fahrradboom ausgelöst“, erklärt Anke Bauer, Pressesprecherin vom ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) Baden-Württemberg. Dafür gebe es verschiedene Gründe: WHO, Gesundheitsministerium und Virologen hätten zu Beginn der Pandemie zum Radfahren aufgefordert, weil man auf dem Rad nur wenig Ansteckungsrisiken habe und das Radfahren generell gesund sei. „Dazu kommt ein anderer Effekt: Das Radfahren macht den Kopf frei - und das könnten die Menschen momentan einfach gut gebrauchen“, meint sie. Auch als Sport ist das Radfahren beliebter geworden. Darin sieht auch Andreas Wagner von Radsport Fischer & Wagner aus Kirchheimeinen Grund für den Boom.

„Was können sie während des Lockdowns machen? Wandern gehen und Fahrradfahren“, sagt Andreas Wagner. Hinzu komme, dass die Leute nicht mehr Bus oder Bahn fahren wollen, weil es ihnen wegen Corona zu eng ist. „Sie fahren die sechs bis acht Kilometer ins Geschäft mit dem Fahrrad“, meint Wagner. Deshalb habe das Fahrradleasing durch Firmen einen riesen Schub erhalten. „Jedes dritte oder vierte Rad ist über Leasing“, sagt er. Er habe auch schon einige Kunden gehabt, die ihr Auto verkauften und sich E-Bikes anschafften.

„Durch die Pandemie ist der bereits bestehende Pedelec-Boom nochmals deutlich stärker gestiegen. Daher ist die Verfügbarkeit von Rädern und Ersatzteilen nur noch bedingt gegeben“, erklärt Höfle. „Einige Kunden warten derzeit über sechs Monate auf ihr Wunschbike - ohne Garantie, dass der Liefertermin gehalten werden kann“, sagt Markus Walcher, Geschäftsführer bei Fahrrad XXLWalcher in Deizisau. Statt der rund 10 000 Bikes seien derzeit noch knapp 5000 am Lager. Walcher empfiehlt deshalb zu kaufen, was verfügbar ist. „Bei allem, was im Lieferrückstand ist, sind Liefertermine schwer zu bestimmen.“ In der Produktion seien verschiedene Kontingente eingebunden, was fast regelmäßig zu Terminverschiebungen führe.

Lange Wartezeiten

„Man ist im Prinzip den ganzen Tag dran und schaut, dass man Räder her kriegt“, erklärt Wagner. Verschiebungen auf das nächste oder gar übernächste Jahr könnten vorkommen, da sich die Nachfrage weltweit erhöht habe. Sobald Werke oder Hersteller Kurzarbeit haben, erholten sich die Lieferketten nicht mehr. „Zahnkränze mit zehn Gängen gibt’s in ganz Deutschland gerade nicht“, sagt er. Dies liege auch zum Teil daran, dass den Herstellern Rohstoffe fehlten.

„Von den Lieferengpässen sind wir ebenfalls stark betroffen“, sagt Höfle. Für die laufende Saison habe er sich mit größeren Vorordern im Herbst letzten Jahres gerüstet. Diese seien aber zum Großteil trotzdem erst sehr spät verfügbar. „Wir versuchen, Ersatzteile über das Internet zu besorgen, hauptsächlich Kassetten, Ketten und Innenlager“, sagt Höfle.

Mathias Rady, Geschäftsführer vom ADFC-Kreisverband Esslingen, führt den gestiegenen Ersatzteilbedarf auch auf die immer beliebter werdenden Pedelecs zurück. Mit ihnen würden mehr Kilometer gefahren. Dies mache sich auch bei den Verschleißteilen bemerkbar. Menschen, die früher mit dem Rad nur bis zur S-Bahn gefahren seien, um in die Arbeit zu kommen, würden jetzt gleich bis ans Ziel radeln. Und auch in der Freizeit würde dank bequemerem Radeln mehr Kilometer gemacht. Dies sehe er auch bei seinen ADFC-Feierabendtouren. Als sie wieder möglich waren, seien statt der sonst üblichen drei bis vier bis zu zwölf Radfahrer mitgefahren, sagt Rady, der vor ein paar Jahren selbst auf Pedelec umgestiegen ist.

Dass der Ansturm auf die Geschäfte auf Dauer anhält, glaubt er allerdings nicht. Irgendwann trete eine Sättigung ein. Schließlich kaufe man sich nicht jedes Jahr ein neues Fahrrad. Wagner ist da optimistischer. Wenn die Verkehrswende eintrete, sei dies nicht nachteilig für das Fahrrad. Er gehe nicht davon aus, dass es zu einem riesen Einbruch kommt.

Radler brauchen eine Infrastruktur

Damit „Neuaufsteiger“ dem Rad auch treu bleiben, müssten sie bei wieder anschwellendem Autoverkehr einladende Bedingungen zum Radfahren vorfinden“, meint Pressesprecherin Anke Bauer vom ADFC. Dafür seien allerdings überall in Deutschland breite Qualitätsradwege und Fahrradstraßen in zusammenhängen Netzen notwendig.

Für Fahrradboxen an S- und U-Bahnhaltestellen sieht der Geschäftsführer des ADFC-Kreisverbands, Mathias Rady, ebenfalls einen großen Bedarf. Nur wenn teure Fahrräder dort vor Vandalismus und Diebstahl sicher abgeschlossen werden könnten, würden auch mehr Leute das Fahrrad auf Dauer nutzen. br

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