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Berechnendes Versteckspiel hinter eiskalten Fassaden

Theater Die Stuttgarter Schauspielakademie „CreArte“ präsentiert in der Bastion „Die Goldonieri“.

Mirandolina (Julia Neidhardt) spielt nur mit ihren Verehrern.
Mirandolina (Julia Neidhardt) spielt nur mit ihren Verehrern.

Kirchheim. Wer sind wir wirklich? Welche Rollen spielen wir? Hinter welchen Masken verstecken wir uns? Und wie schnell wechseln wir diese, wenn sich die Situation verändert? „Wir alle spielen Rollen im Leben und nehmen in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedliche Rollen ein. Das ist ein Thema, das mich fasziniert“, erklärt Walter Becker zur Theater­aufführung „Die Goldonieri“, die in der Kirchheimer Bastion über die Bühne ging. Der Schauspieler, Regisseur und Theaterautor ist künstlerischer Leiter der CreArte Internationale Schauspielakademie in Stuttgart. Er hat die Aufführung für seine Schülerinnen und Schüler inszeniert und dabei mehrere Szenen aus Stücken des italienischen Komödiendichters und Librettisten Carlo Goldoni (1707 - 1793) verarbeitet.

Beide Stücke thematisieren den Wechsel zwischen Verachtung und Unterwürfigkeit. Im ersten Stück „Der Impresario von Smyrna“ ist Carluccio (Costja Adams) ein eitler junger Sänger, der von der großen Karriere träumt. Er leidet darunter, auf den Agenten Conte Lasca (Eike Brunhöber) angewiesen zu sein, den er verachtet. Lasca ist geizig und kalt, hat nur den eigenen Profit im Kopf und scheut in seinem Verhalten keine Verletzung anderer.

Als dann Lucrezia (Stefanie Baldauf) auftritt, die ebenfalls von einer Karriere als Sängerin träumt, hat der Conte das nächste Opfer gefunden. Carluccio wiederum möchte gegenüber dem Wirt Beltrame (Tobias Günther) vor Lucrezia glänzen. Der lässt ihn aber auch nur kalt abblitzen und verweist schonungslos darauf, dass Carluccio pleite ist. Lucrezia versucht, ihr mangelndes Talent gegenüber dem Conte durch das Anbieten ihrer körperlichen Reize auszugleichen und erniedrigt sich dabei zusätzlich, was der Conte durchaus genießt. Die Situation ändert sich, als Nibia (Sabine Tomas) erscheint. Sie träumt davon, als Opern-Impresario groß rauszukommen und sieht ihre Chance gekommen, da ein reicher türkischer Geschäftsmann sie gebeten hat, eine Truppe von Schauspielern und Sängern für ein Engagement in Smyrna zusammenzustellen. Jetzt muss der Conte ihr gegenüber buckeln und versucht, seine Klienten zu vermitteln, um so reich zu werden.

Im zweiten Teil des Stücks, „Mirandolina“, spielt Julia Neidhardt die Wirtin Mirandolina, die versucht, den Frauenverächter Cavaliere (Costja Adams) zu verführen. Nicht, dass ihr etwas an ihm liegen würde, es ist nur eine Laune und Herausforderung, ob er ihr widerstehen kann. Ganz anders verhält sich Mirandolina aber, als zwei ihrer Gäste, der Marchese (Eike Brunhöber) und der Conte (Tobias Günther) ihr den Hof machen. Ein wenig spielt sie mit ihren Verehrern, aber nur, weil sie die beiden als Gäste nicht verlieren möchte. Im Gasthaus steigen zwei Komödiantinnen (Elisavet Gkantia und Anja Glaner) ab, die sich gegenüber dem Zimmermädchen Fabrizia (Sabine Tomas) als Adelige ausgeben. Fabrizia gibt sich unterwürfig, weil sie sich davon ein höheres Trinkgeld verspricht. Die Komödiantinnen betreiben einigen Aufwand, um die Fassade aufzubauen und dann auch aufrechtzuerhalten, merken aber, wie schwierig es ist. Erst umgarnen sie den Marchese, wechseln dann aber ohne Umschweife zum Conte, von dem sie sich mehr finanzielle Vorteile erhoffen.

So ergeben sich permanent Situationen, in denen jeder versucht, eine Fassade aufzubauen und aufrechtzuerhalten, der andere aber um die Schwächen weiß und sie für sich zu nutzen versucht. Carlo Goldoni hat damit im 18. Jahrhundert ein Thema beschrieben, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat.Kai Sonntag

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