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BlühendeWunder am Wasser

Durch pandemiebedingte Terminverschiebungen punktet die Bodenseeregion derzeit gleich mit zwei großen Gartenschauen. Die Gemeinden Lindau und Überlingen haben sich einiges einfallen lassen. Von Monika Höna

Von Künstlerhand nachgestellt: Rote ¿Pfahlbauten¿  im Überlinger See.
Von Künstlerhand nachgestellt: Rote ¿Pfahlbauten¿ im Überlinger See.

Hereinspaziert! In fast schon verschwenderischer Vielfalt lockt üppiges Gartenglück derzeit gleich mehrfach am Bodensee, als gälte es, die Besucher für die Corona-Zwangspause daheim nun mit umso schöneren Ausflügen in Naturparadiese zu entschädigen.

Im bayerischen Lindau am östlichen Ende des Sees etwa, wo ein vorher vielleicht nützlicher, aber unattraktiver Parkplatz in einen einladenden Bürgerpark mit Spielplatz und Grünflächen verwandelt wurde und großzügig angelegte Uferstufen auf 120 Metern Länge zum gemütlichen Verweilen oder einem erfrischenden Bad im kühlen Nass einladen. „Ein toller Mehrwert für die Stadt“, freut sich Gartenschau-Geschäftsführerin Claudia Knoll über den mittlerweile auch bei Lindauer Bürgerinnen und Bürgern beliebten Treffpunkt, der als dauerhafte Attraktion angelegt ist: „Das bleibt!“

So manches wird am Ende der Schau wieder abgebaut, aber einige der aufwändig und materialintensiv errichteten Areale sind von vornherein so konzipiert, dass sie den Bewohnern wie auch Besuchern der Stadt einen bleibenden Zuwachs an Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten bieten. „Klar gab es zunächst große Widerstände“, berichtet Knoll. Wer sein Fahrzeug plötzlich anderswo parken und auf Pendelbusse umsteigen müsse, reagiere nun mal entsprechend. Aber vorrangiges Ziel sei eben gewesen, die Lindauer Insel für künftige Generationen vorzubereiten. Und die habe man gleich einbezogen. Mehr als 1000 Arbeitsstunden haben Jugendliche zusammen mit ihren Eltern und vielen Helfern investiert, um sich auf dem Gelände einen Skater-Traum zu erfüllen. Entstanden ist eine beeindruckende Anlage mit Bowl, Pyramide, Quarterpipes und Funbox, die rege genutzt wird. Direkt daneben warten zudem eine Kletterwand und ein Beachvolleyball-Feld auf Sportler.

Dazwischen - schließlich firmiert das Ganze als Gartenschau - zaubern immer wieder hübsch bepflanzte Beete, Kübel und Felder bunte Farbtupfer in die Landschaft. Der Chagall-Garten leuchtet mit Sommersalbei, Rittersporn und Iris in blauer Pracht und erweist dem berühmten Künstler seine Reverenz, dessen Werke im nahegelegenen Kunstmuseum ausgestellt sind. Entlang der Uferpromenade laden zudem Stühle und Bänke, teilweise wettergeschützt in kleinen gläsernen Gewächshäusern, zum Verweilen und Ausruhen ein - Seeblick immer inklusive. Und damit neben dem Auge auch der Bauch nicht zu kurz kommt, lässt das gastronomische Angebot ebenfalls kaum Wünsche offen. Auch hier setzen die Verantwortlichen auf Nachhaltigkeit und Regionalität: „Alles, was wir hier anbieten, stammt aus einem Umkreis von höchstens 50 Kilometern“, sagt Tobias Pflug, der seinen Gästen an der Schützinger Promenade leckere Sandwiches oder Kichererbsen-Bällchen zur Fruchtsaftschorle aus eigener Produktion serviert. „Lediglich die Orange im Aperol Spritz macht da eine Ausnahme“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Ein Jahr später als geplant

Bummeln, genießen, entschleunigen - und immer wieder Neues entdecken. Das gilt auch für die baden-württembergische Landesgartenschau in Überlingen, die wegen der pandemiebedingten Verschiebung um ein Jahr erst 2021 und damit fast gleichzeitig mit Lindau stattfindet. Per Bahn, Auto, Schiff oder Fahrrad geht es ans westliche Ende des Bodensees, wo Gartenfans die nicht weniger sehenswerte Ideenvielfalt der dortigen Planer auf sich wirken lassen können.

In Überlingen erstreckt sich das Gartenschaugelände über insgesamt vier Einzelbereiche, zwei davon am Seeufer und zwei in der Innenstadt. Wer einigermaßen gut zu Fuß ist, flaniert auf dem rund fünf Kilometer langen Rundweg vom langgestreckten Uferpark über die Villengärten zu den erhöht liegenden Rosenobel- und Menzinger Gärten und kann dabei ein blühendes Wunder nach dem anderen erleben. Darüber hinaus sind Shuttle-Busse im Einsatz, die regelmäßig zwischen den vier Bereichen und dem Besucher-Parkplatz pendeln.

Und wieder hat man die Qual der Wahl: Alles zügig abwandern und jeden Winkel der sorgsam gestalteten und vielfältig bepflanzten Areale begutachten. Oder das süße Nichtstun genießen, einfach nur dasitzen und den Sonnenstrahlen beim Wellenstreicheln zusehen, während der Wind sanft durch die Blätter der großen Bäume raschelt und das bunte Farbenmeer der Blumen hin- und herwiegt.

Am besten Zeit mitbringen und beides verbinden. Ausgedehnte Grünanlagen mit Klettergerüsten und Riesenschaukeln sowie gemütlichen Sitz- und Liegemöglichkeiten machen den Uferpark zu einem einladenden Freizeitgelände mit Seezugang. Dass durch die naturnahe Ufergestaltung das vom Aussterben bedrohte Bodensee-Vergissmeinnicht wieder zum Blühen gebracht wurde, freut die Landesgartenschau-Geschäftsfüh­rerin Edith Heppeler ganz besonders. „Die Architekten haben einen tollen Bürgerpark geschaffen, den die Leute lieben“, lobt sie und betont, dass dieser von Anfang an als Investition in die Zukunft und als bleibender Raum für Sport, Spiel und Erholung geplant worden sei.

Übers Wasser gehen

Nur vorübergehend sind dagegen die schwimmenden Inseln in den benachbarten Villengärten zu bewundern, die als eines der Highlights der Gartenschau gelten. Auf einem als Halbkreis angelegten Holzsteg können Besucher buchstäblich übers Wasser gehen, an den dort angedockten Beispielen regionaler Gartengestalter vorbeispazieren und vielleicht die eine oder andere Idee für das private Refugium daheim mitnehmen.

„Sehr schön und abwechslungsreich“ lautet denn auch das Urteil von Gisela Kowalewsky aus Mainz, die mit Bekannten einen Wochenendausflug an den Bodensee unternommen hat. Insbesondere die schwimmenden Gärten am Überlinger Ufer hält die 67-Jährige für ein gelungenes Beispiel nachhaltiger Gestaltung, das auch an anderen Orten mit Wasseranbindung Schule machen könnte. „Der Platzmangel schreit ja vielerorts nach unkonventionellen Lösungen.“

Wer sich nicht nur übers Wochenende, sondern ein paar Tage länger am Bodensee aufhält und von der Farbenpracht der Natur gar nicht genug bekommen kann, findet neben den Gartenschauen noch jede Menge mehr Möglichkeiten, in die magische Welt der Botanik einzutauchen. Allen voran natürlich die ganzjährig geöffnete Blumeninsel Mainau, die von Überlingen aus bequem per Schiff zu erreichen ist und gerade in den Sommermonaten in voller Schönheit erblüht.

Malerisch über dem See am Schweizer Ufer gelegen, bietet sich den Besuchern von Schloss Arenenberg ein traumhafter Blick aufs Wasser und das Umland und lädt zu einem Rundgang durch die kleine, aber feine englische Parkanlage ein. Und ­allen Rosen- freunden sei noch ein ­Abstecher ins ebenfalls im Kanton Thurgau gelegene Städtchen Bischofszell empfohlen, das alljährlich eine ­Woche lang ganz im Zeichen der Königin der Blumen steht. 2021 ­mussten zwar alle Veranstaltungen wegen Corona ausfallen, doch die stets gehegten und gepflegten Parks und Gärten erblühten auch ohne Besucherströme in vielfarbiger Pracht - und ­voller Vorfreude auf die Rosenwoche 2022.

Auf dem Holzweg: Besucher betrachten die schwimmenden Gärten in Überlingen.
Auf dem Holzweg: Besucher betrachten die schwimmenden Gärten in Überlingen.
Hommage an den berühmten Maler: Chagall-Garten in Lindau.
Hommage an den berühmten Maler: Chagall-Garten in Lindau.
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