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„Da ist man manchmal auch Mama“

Integration Gaby Förstner vom „Internationalen Bund“ kümmert sich in Kirchheim um eine erfolgreiche Ausbildung Geflüchteter. Eine kleine Erfolgsgeschichte. Von Günter Kahlert

Ein bisschen stolz ist Gaby Förstner schon. Sieben ihrer „Schützlinge“ sind um sie herum versammelt, alle mit frisch abgeschlossener Ausbildung, Facharbeiterbrief und problemlos vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Sie sind allesamt Geflüchtete, die 2015/16 als Jugendliche aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan, Togo, Guinea und Gambia nach Deutschland kamen - mit ungewisser Zukunft. Keiner konnte Deutsch, die schulische Grundbildung war höchst unterschiedlich. Jetzt sind sie Elektroniker, Fachkraft für Lagerlogistik, Kfz-Mechatroniker, Metallbauer, Friseurin. Eine kleine Erfolgsgeschichte, die aber niemand an die große Glocke hängt.

Gaby Förstner arbeitet im Kirchheimer Büro des „Internationalen Bundes“ in der Jesinger Straße, der sich seit vielen Jahren um die Ausbildung von Jugendlichen mit Schwierigkeiten und entsprechendem Förderbedarf kümmert. Seit 2016 wächst der Anteil Geflüchteter, die sie betreut. Über 50 Prozent sind es inzwischen. Unterrichtet wird unter anderem mit Honorarlehrern, vor allem abends und in allen prüfungsrelevanten Fächern.

Sie selbst betreut den kaufmännischen Bereich, für den Bereich Elektronik ist ihr „ein Glücksgriff gelungen“, wie sie es selbst bezeichnet. Günther Vetter, Diplomingenieur in Physik, jahrzehntelang Unternehmer im IT-Bereich und mit entsprechend viel Erfahrung in der Ausbildung des technischen Nachwuchses. Er hängt sich richtig rein, mit viel Engagement, didaktische Überlegungen inklusive, was den jungen Leuten zugute kommt. „Im ersten Lehrjahr war die Kommunikation das Hauptproblem. Die kamen von der Berufsschule hierher und hatten nichts begriffen“, erzählt er. Also habe er den ganzen Stoff in kleine Teile zerlegt und so gut wie möglich erklärt, Strategien entwickelt, wie man mit dem technischen Stoff umgehen kann. Dass die jungen Leute ihm am Herzen liegen, zeigt auch eine andere Aktion. Mehrfach hat Günther Vetter die Elektroniker unter den Auszubildenden am Wochenende zum Intensivtraining zu sich nach Hause eingeladen. Ohne Honorar, versteht sich.

Nichts läuft nach „Schema F“ bei der Unterstützung der jungen Leute. „Wir müssen jeden ganz individuell da abholen, wo er aktuell steht“, erläutert Gaby Förstner die Vorgehensweise. Es wird nicht nur stumpf Prüfungsstoff gepaukt, es wird erklärt, anschaulich gemacht, einfach nur geholfen. Auch bei scheinbar banalen Alltagsproblemen mit Behörden, Banken, Versicherungen oder auch ganz Persönlichem suchen sie Rat. „Da ist man manchmal auch Mama“, erzählt Gaby Förstner und lächelt. Fast alle ihre „Schützlinge“ sind allein, haben hier keinen Rückhalt in der Familie. „Ich versuche ihnen auch ganz einfach praktische Sachen zu erklären, damit sie im Alltag nicht übers Ohr gehauen werden“, erklärt sie ihren pragmatischen Ansatz.

Dass manchmal genau dieses Einfühlungsvermögen und Vertrauen entscheidend sind, zeigt das Beispiel von Matina, Jessidin aus dem Irak. Sie macht eine Ausbildung zur Friseurin. Bei der Prüfung hat sie im praktischen Teil eine super Note, im Theoretischen fällt sie durch, unter anderem wegen Wirtschaftskunde, eigentlich aber nur wegen ihrer Schwierigkeiten mit den komplizierten Prüfungsfragen. Danach war sie total frustriert, wollte aufhören. „Da waren viele Gespräche und Ermunterung nötig, damit sie noch mal einen Anlauf macht“, schildert Gaby Förstner die Situation. Jetzt hat Matina es geschafft und ist einfach nur glücklich - und dankbar. „Ohne Gaby hätte das niemals geklappt“, meint sie.

Auch wenn es die Geflüchteten mit viel Ehrgeiz geschafft haben, hier Fuß zu fassen, sich zu integrieren, ist nicht bei allen sicher, dass sie im Land bleiben dürfen. Trotz Job, trotz festem Wohnsitz. Die Aktionen der Ausländerbehörden treiben manchmal seltsame Blüten. Shafique aus Pakistan erzählt: „Nach meiner Ausbildung wurde ein B1-Zertifikat verlangt.“ Die Bescheinigung soll „eine selbstständige Verwendung der deutschen Sprache“ nachweisen, so das Amtsdeutsch. Normalerweise steht das ganz am Anfang des Asyl-Prozesses. Für jemanden, der gerade seinen Facharbeiterbrief gemacht und bekommen hat, ganz sicher irritierend. Zumal doch gerade jetzt eigentlich eine Aktion der Landesregierung läuft, auf ausgebildete Geflüchtete zuzugehen, damit sie ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen, die IHK Baden-Württemberg über nicht besetzte Ausbildungsstellen klagt und der kommende Facharbeitermangel seit Jahren ein Thema ist. Manches ist schwer zu verstehen.

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