Unzugeordnete Artikel

Das „Gedächtnis“ zieht um

Geschichte Das neue und dauerhafte Domizil des Kreisarchivs in Plochingen auf dem Stumpenhof ist bezugsfertig. Dokumente aus mehrerenJahrhunderten werden dort künftig aufbewahrt. Von Thoams Schorradt

Landrat Heinz Eininger (links) freut sich, dass das Kreisarchiv termingerecht umziehen kann.Foto: Roberto Bulgrin
Landrat Heinz Eininger (links) freut sich, dass das Kreisarchiv termingerecht umziehen kann.Foto: Roberto Bulgrin

Das Gedächtnis des Landkreises Esslingen reicht zurück bis ins Jahr 1404 und füllt mehr als 1000 Umzugswagen. Die Urkunden, Akten, Bücher, Karten, Pläne und Zeichnungen des bisher im Esslinger Landratsamt untergebrachten Kreisarchivs werden in diesen Tagen in ihr neues Domizil nach Plochingen gebracht. Am Montag waren rund ein Drittel des 4500 laufende Meter umfassenden Archiv- und Bibliotheksguts - darunter auch die älteste im Kreisbesitz befindliche Pergamenturkunde aus der Regierungszeit von Graf Eberhard IV von Württemberg - in die Regale im umgebauten Untergeschoss des ehemaligen Krankenhausgebäudes auf dem Stumpenhof einsortiert.

„Der Auszug des Kreisarchivs aus dem Gebäude in den Pulverwiesen markiert den Startpunkt zu einem ausgeklügelten Umzugskonzept“, sagt der Esslinger Landrat, Heinz Eininger. Bis zum kommenden Frühjahr sollen alle Dezernate und Ämter aus dem dem Abbruch geweihten Esslinger Verwaltungsaltbau ausgezogen sein - entweder in den kurz vor der Fertigstellung stehenden Neubau nach Plochingen oder in Interimsunterkünfte in Esslingen. Verläuft alles nach Plan, werden Ende März die Abrissbagger anrollen. Der 130 Millionen Euro teure Neubau soll dann bis zum Juli 2026 bezogen sein.

Optimale Bedingungen

Das Kreisarchiv allerdings wird dauerhaft in Plochingen unterkommen. „Wir haben hier optimale Bedingungen für ein Archiv geschaffen“, sagt der Esslinger Kreisarchivar, Manfred Waßmer. Vor allem die großzügigen Seminar- und Leseräume haben es ihm angetan. „Hier haben wir endlich auch genügend Platz, um künftig auch Schulklassen zu betreuen“, sagt er. Zudem dürfte der Blick des Kreisarchivars weniger häufig besorgt gen Himmel gehen, als in der Vergangenheit. „Im Landratsamt mussten wir ständig mit der Hochwassergefahr leben. Das sollte auf dem Stumpenhof kein Thema mehr sein“, sagt Waßmer. Bevor jedoch auch das letzte wertvolle Dokument in trockenen Tüchern ist, heißt es für ihn und sein Team noch einmal kräftig in die Hände spucken.

Für den Transport selbst ist zwar eine Umzugsspedition verpflichtet worden, das Aus- und Einräumen der Kisten machen die 18 Archivmitarbeiterinnen und -mitarbeiter jedoch selbst. „Jeder Vorgang wird sowohl beim Ausräumen in Esslingen als auch beim Einräumen in Plochingen akribisch festgehalten. Nur so können wir verhindern, dass die Unikate unauffindbar an der falschen Stelle landen“, sagt Waßmer.

In die neuen Archivräume darf kein Tageslicht fallen. Im Keller herrscht eine konstante Temperatur von 18 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent. Nur so ist den Archivalien, wie den Regierungsblättern des Königreichs Württemberg aus dem Jahr 1880, die unter anderem Rechenschaft ablegen über die Handels- und Schifffahrtsvereinbarung der Vereinigten Staaten von Mexiko, ein langes Leben garantiert.

Insgesamt wird der Archivumzug drei Wochen dauern. Am 4. Oktober soll der reguläre Archivbetrieb in den neuen Räumen wieder aufgenommen werden. Das Esslinger Kreisarchiv zählt im Bereich der digitalen Langzeitarchivierung zu den führenden Kommunalarchiven in Deutschland. Am neuen Standort berät und betreut es im Rahmen der kommunalen Archivpflege zudem 38 Stadt-und Gemeindearchive im Kreis. Es fördert und unterstützt die Erforschung der Heimatgeschichte durch eigene wissenschaftliche und heimatkundliche Projekte. Der Bestand der öffentlichen Bibliothek kann von allen Bürgerinnen und Bürgern eingesehen und genutzt werden. Eine zentrale gesetzliche Aufgabe des Kreisarchivs ist es zudem, die Akten der Kreisverwaltung nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen auf Archivwürdigkeit zu prüfen und gegebenenfalls ins Archiv zu übernehmen. „Schätzungsweise fünf Prozent des Aktenbestands überführen wir in die rund drei Meter hohen Regale und damit dauerhaft in das Gedächtnis des Landkreises. Der Rest wird vernichtet“, sagt Waßmer.

Anzeige