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Das geistliche Wort

Kürzlich habe ich einen spannenden Artikel über das Thema „Du bist, was du denkst!“ gelesen. Da gibt es den zusammenfassenden Satz „Nichts ist wirkmächtiger als das Selbstbild, mit dem jemand durch die Welt läuft. Noch dazu, wenn er es für seine wahre Natur hält.“

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Es wird von vielen Experimenten und Studien dazu berichtet. In einem Experiment sollten die Teilnehmer einer Experimentalgruppe Kreuzworträtsel lösen, die negative Schlagworte über das Älterwerden enthielten - etwa „schwerhörig, grau, faltig“. Eine Kontrollgruppe löste Rätsel mit neutralen Wörtern. Danach wurden alle Probanden in ein anderes Gebäude geschickt, und die Forscher stoppten heimlich die Zeit, die jeder für den Weg benötigte. Und siehe da: Diejenigen, die sich mit Begriffen aus der Welt der Senioren beschäftigt hatten, liefen nachweislich langsamer als die anderen.

Was wir uns vorstellen, womit wir uns innerlich beschäftigen, das prägt uns. Worauf schaue ich? Wie verstehe ich mich? Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es keine überzeugungsfreien Räume gibt. Denn: Was wir glauben, von uns selbst und vom Leben, das bestimmt weitgehend, wie wir leben.

Vielleicht könnte jetzt gerade in der Reise- und Urlaubszeit, in der Zeit, in der viele in vielerlei Richtungen unterwegs sind, ein ganz bestimmter Blickwinkel des Glaubens hilfreich sein.

„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht von dieser Zeit.“ - so hat der christliche Liederdichter Gerhard Terstegen im Jahre 1745 gedichtet. Das Leben als Pilgerwanderung! Es hat schon seinen Grund, warum die alten christlichen Pilgerwege neue Attraktivität gewinnen. Sie sind Übungen, mit einer bestimmten Lebenseinstellung zu leben - nämlich nicht stehen zu bleiben und täglich Gott zu suchen. Der gläubige Mensch ist gleichsam auf andauernder Pilgerschaft. Der spirituelle Mensch ist beweglich - innerlich beweglich; und er lässt sich bewegen von seinem Nächsten und von Gott. Aufbruch und Weitergehen sind immer Bestandteile eines Glaubens, der lebendig ist. Und so kann man aus dem Blickwinkel des Glaubens sagen: Eigentlich ist jeder Tag eine eigene Pilgerreise.

Was könnte es ändern, das eigene Leben als „Pilgern“ zu verstehen? Es könnte helfen, nicht gleich in Panik zu geraten, wenn sich Dinge ändern und neue Herausforderungen sich zeigen. Das ist für einen Pilger normal. Aber in den zunehmend nationalistischen, isolationistischen und aggressiven Haltungen, die gerade unsere Zeit aufwühlen, wirkt als Motor genau so eine Verlustangst: Man möchte sich nicht bewegen. Man möchte sich absichern. Es soll alles wieder werden wie in der „guten“ alten Zeit - in der aber beileibe auch nie alles gut war. Zukunftsangst ist in aller Regel keine lebenseröffnende Kraft! Im Gegenteil.

Das Leben als Pilgerweg zu verstehen, könnte mir zeigen, dass ich mein Leben als Etappenweg begreife! Ich habe eine begrenzte Aufgabe vor mir und muss nicht schon alles gleich im ersten Anlauf schaffen. Es geht darum, weiterzugehen und darauf zu vertrauen, dass ich auf dem Weg weitergeführt werde, dass Gott mir seine Zeichen in den Weg legen wird und dass sich nach sehr anstrengenden Etappen dann auch wieder neue ungeahnte Landschaften auftun werden. Und nicht zuletzt: Das Leben in diesem Weitblick zu leben, dass ich ein ewiges Ziel habe, könnte für mein tägliches Leben eine neugierige und zugleich gelassene Überraschungslust erzeugen, was mir vielleicht heute Gott noch in den Weg legen wird an spannenden Erfahrungen.

Jochen Maier Pfarrer der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Kirchheim