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Das geistliche Wort

Politischsein wirkt doch in unseren kirchlichen Kreisen eher verdächtig. „Die sind dort alle so „links“, so „grün“, beschwert sich einer über ein politisches Nachtgebet. „Die predigen immer nur „schwarz“ und wählen die Partei mit dem C. Da fühlt man sich als Sozi und Gewerkschaftler unerwünscht“, so die Gegenposition. Am einfachsten, wir halten uns aus der Politik raus, wir machen uns am besten mit der Politik nicht die Hände schmutzig, auch nicht am Wahlsonntag, und bleiben fern den Wahlurnen. Streiten will ja gelernt sein, und was uns betrifft, sind wir geschwisterlich. Dass wir auch noch politisch sind, parteipolitisch, streitbar, gehört doch nicht in die Kirche, oder? Wie kam das eigentlich, dass man politisch und unkirchlich in einen Topf warf?

Seit der folgenschweren Vereinfachungen der Jünger des Karl Marx gilt Religion als Hindernis für politisches Bewusstsein und Befreiungspraxis, dabei hat Marx selbst noch klug unterschieden. Der Seufzer der bedrängten Kreatur war für ihn zugleich Protest gegen das wirkliche Elend. Indios pilgern zur Lieben Frau von Guadeloupe. Das ist mehr als nur Beschwichtigung im Jammertal. Wer da singt „Erbarme dich“, schreit immer heraus, dass es erbärmlich ist auf dieser Welt, und dass man etwas ändern könnte, sollte, müsste. Wenn Jesus am römischen Kreuz stirbt, dann ist doch das Christentum politisch, solange es sich auf ihn beruft - auf ihn, der Partei ergriff und streiten konnte. Der biblische Gott stiftet Mose zum Exodus an, führt Jesus in einen tödlichen Konflikt, treibt Märtyrer aller Generationen in den notwendigen Widerspruch und Widerstand um ihres Glaubens willen. Um Gottes willen ja nicht politisch werden?

Wer so sagt, meint einen anderen Gott, jedenfalls nicht Jahwe, der in die Befreiung führt. Sollen wir Christen also tatsächlich politisch sein? Ja, „je mystischer wir Christen sind, um so politischer werden wir sein“. Wir haben doch nicht nur beschauliche Worte an die Leute zu richten, weil eben auch die Botschaft Jesu alles andere als nur eine Aneinanderreihung von frommen und beschaulichen Texten ist.

Die höchst politische Bergpredigt geht wohl weit über alle noch so sozial gefärbten Parteiprogramme hinaus. Als Christen sind wir angehalten, uns für eine gerechtere Welt einzusetzen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschenwürde unantastbar bleibt und die Sorge für die Schwachen, für die Benachteiligten, sowie der Schutz unserer Umwelt immer unsere politischen Themen bleiben. Wir sind angehalten, uns auch in die Politik einzumischen, Stellung zu beziehen zum Klimaschutz, zum Waffenhandel, zur Flüchtlingspolitik und zu vielen anderen politischen Bereichen, die mit dem tatsächlichen Leben von uns Menschen zu tun haben. Die Kirche und wir Christen müssen sich all diesen Problemen stellen und Position beziehen zu den kulturellen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Glauben darf aber nicht nur theoretisch diskutiert werden, Glaube muss gelebt werden.

Deswegen darf kein Christ und eigentlich kein Mensch unpolitisch sein, vielmehr ist er aufgefordert, zu wählen, gut zu wählen, demokratisch zu wählen. Nur wer wählt, kann Politik mitgestalten. Wer nicht wählt, bleibt stumm und entzieht sich seiner demokratischen und christlichen Verantwortung.

Stellen wir uns deshalb unserer Verantwortung morgen am Wahlsonntag! Mischen wir uns so auch in die Politik ein und unterstreichen dabei die These aus dem Jugendpapier der Diözesensynode der Diözese Rottenburg-Stuttgart: „Je mystischer wir Christen sind, um so politischer werden wir sein“

Franz Keil Pfarrer von St. Ulrich in Kirchheim

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