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Das Pedelec sicher im Griff

Verkehr Seniorinnen und Senioren lernen in einem Training das sichere Fahren. Es geht darum, Unfällen vorzubeugen. Von Anke Kirsammer

Straßen und Schilder, aber keine Autos: Der Dettinger Verkehrsübungsplatz ist für das Pedelec-Training optimal. Polizeihauptmeis
Straßen und Schilder, aber keine Autos: Der Dettinger Verkehrsübungsplatz ist für das Pedelec-Training optimal. Polizeihauptmeisterin Carmen Köhler (oben) liegt die Unfallprävention am Herzen. Fotos: Carsten Riedl

Konzentriert kurven die Frauen und Männer im Slalom um die Hütchen herum. „Wir steuern mit den Augen und mit den Schultern“, hatte die Pedelectrainerin Heike Schall zuvor gesagt. Also versuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vor jedem Schwenk den Oberkörper einzusetzen. In dem gut zweistündigen Kurs auf dem Verkehrsübungsplatz in Dettingen wird eine Menge gelernt: Aufsteigen, Bremsen, Anhalten und Ausweichen gehören dazu. „Es geht darum, dass Sie sich mit dem Pedelec vertraut machen. Üben Sie so viel Sie können, und in Krisensituationen denken Sie einfach an mein rotes T-Shirt“, so Heike Schall. Das Training soll Sicherheit und Fahrspaß bringen. Initiiert wurde es vom Kreisseniorenrat. Partner sind der DOLE-Verbund der sozialen Netze umliegender Gemeinden und die Polizei.

Der Grund ist ernst, denn der Pedelec-Boom hat eine Schattenseite: Im vergangenen Jahr kamen im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen acht Fahrerinnen beziehungsweise Fahrer ums Leben. Das sind mehr Unfallopfer als bei den Motorradfahrern. Fünf der toten Pedelecfahrer waren über 70 Jahre alt. „Das Referat Prävention hat Alarm geschlagen und gesagt ‚ihr müsst was tun‘“, sagt Polizeihauptmeisterin Carmen Köhler. „Ein Pedelec ist kein Fahrrad“, macht sie klar. Es wiegt nicht nur erheblich mehr. Dank der Power aus der Steckdose erreichen manche Freizeitradler damit auch deutlich höhere Geschwindigkeiten als mit einem herkömmlichen Bike. Beim „Sportmodus“ unterstützt der Motor laut Heike Schall mit 180 Prozent der eigenen Leistung. „Darauf muss man sich beispielsweise beim Kurvenfahren einstellen“, betont sie. Den „Turbo“ vergleicht sie mit einem Porsche. „Der bringt 250 Prozent. Das ist schon gewaltig. Da kommt ein richtiger Schub.“

Doch bevor die Seniorinnen und Senioren mit Blick zum Teckberg losdräbbeln, werden sie über den richtigen Sitz des Helms aufgeklärt: „Zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel sollte er beginnen“, sagt Carmen Köhler. Die Bänder unterm Kinn dürfen nicht zu locker sein. Geachtet wird auch auf die Sitzposition: Den Sattel parallel zum Boden ausrichten, ein Bein hängen lassen, die andere Ferse auf ein Pedal. Das Knie sollte dabei leicht gebeugt sein. „Jede Bewegung über 90 Grad ist schmerzhaft“, erklärt Heike Schall. Sie rät, locker zu pedalieren, also nicht zu schwere Gänge zu nutzen. Das schone das Material wie die Kette und die Ritzel genauso wie die Gelenke. „Was Ihrem Fahrrad guttut, tut auch Ihrem Körper gut“, sagt die Diplom-Sportlehrerin von der Sportgemeinschaft Filderstadt. Ohnehin sollte man sich nicht gänzlich untrainiert aufs Rad setzen. Wichtig seien Mobilität und Stabilität. „Halten Sie sich fit“, so der Appell. In jeder Kurve den Bauch einziehen, ist eine Idee. Der Kopf bleibe mit Denksportaufgaben auf Zack. Zaungast Rudi Dölfel, der als Vertreter des Kreisseniorenrats und des DOLE-Verbunds gekommen ist, erinnert an den Wintersport: „Auf die Latten stellt man sich auch nicht ohne Skigymnastik.“

Mit dem Rat, im ersten Gang anzufahren, erntet Heike Schall staunende Blicke: „Ich bin immer im fünften gefahren“, sagt eine Frau. Andere wissen gar nicht, dass sie überhaupt eine Schaltung besitzen. „Bevor man anhält oder vor dem Abbiegen sollte man also immer runterschalten?“, fragt eine Teilnehmerin und bekommt eifriges Nicken der beiden Trainerinnen zur Antwort. Eine andere Teilnehmerin schüttelt schmunzelnd den Kopf: „Wenn ich so Auto fahren würde wie Pedelec, hätte ich schon lange keinen Führerschein mehr.“

Damit auch das Radfahren von Grund auf sitzt, üben die Frauen und Männer intensiv den Start. „Bremse drücken, Pedal suchen, Gesicht nach vorne und los.“ Carmen Köhler gibt klare Anweisungen. Meist verteilt sie dickes Lob: „Jawoll, perfekt!“ Zwischendurch bremst sie ganz Eifrige augenzwinkernd: „Sie können doch auch nicht Gas geben, bevor sie im Auto sitzen.“

Apropos Bremse: Auch das wichtige Thema löst in der Runde Aha-Effekte aus. Wird nur hinten gebremst, gerät man unter Umständen ins Schleudern. Wer lediglich vorne bremst, riskiert einen Abgang über den Lenker. Als Heike Schall bei einer „Trockenübung“ vorführt, wie das Hinterrad hochsteigt, geht ein Raunen durch die Reihe. „Deshalb: Am besten vorne und hinten immer gleich stark bremsen und die Geschwindigkeit langsam reduzieren“, so der Tipp. Ratsam sei, den Lenker möglichst weit außen zu greifen. „Sonst wird es kippelig“, erklärt sie. Bei den modernen kleinen Bremshebeln reichen Zeige- und Mittelfinger. „Schon wieder etwas, was wir falsch machen“, sagt Ulrich Kißlinger aus Holzmaden. Als einer von wenigen Männern nimmt er an dem Training teil. „Fast alle Pedelecfahrer, die ich kenne, sind schon einmal gestürzt“, erzählt er. Zusammen mit seiner Frau Christine hat er durch das „E-Bike“ die Liebe zum Zweirad neu entdeckt. „Wir sind früher nur wenig gefahren, weil es anstrengend ist.“ Dank Batteriebetrieb erkunden die beiden ­Mittsechziger nun Gegenden, in die sie sonst nicht gefahren wären. Günter Glühmann ist zweimal pro Woche mit Radgruppen des Kirchheimer BürgerTreffs auf Achse. „Kurz vor 80“ stieg er aufs Pedelec um. „Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, bis ich mich komplett daran gewöhnt habe“, sagt er. Durch den tiefen Schwerpunkt und das hohe Gewicht verhalte sich das Vehikel anders als seine bisherigen Fahrräder.

Die Schwierigkeit, ein Pedelec zu beherrschen, schlägt sich in der Statistik nieder: Von 381 Unfällen, die sich in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen, Tübingen sowie im Zollernalbkreis im vergangenen Jahr mit Pedelecs ereigneten, wurden 247 von den Fahrern selbst verursacht. 147 passierten ohne die Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer. „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist“, so Carmen Köhler. Da kann man wahrscheinlich noch 60 bis 90 Prozent drauftun.“ Auch an dem Nachmittag schürft plötzlich Metall über den Asphalt. Split auf der Straße und ein leichtes Übersteuern waren die Ursache des Crashs, der zum Glück glimpflich abging.

Einig sind sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie künftig sicherer unterwegs sind. „Wir bewegen was“, steht auf dem roten T-Shirt von Heike Schall. Ein Satz, den eine Frau aus Owen unterstreicht: Erst vor einer Woche hatte sie ihr Pedelec gekauft. Als sie absteigt, ist sie geschafft, aber glücklich: „Jetzt habe ich was gelernt.“

Straßen und Schilder, aber keine Autos: der Dettinger Verkehrsübungsplatz ist für das Pedelec-Training optimal. Polizeihauptmeis
Straßen und Schilder, aber keine Autos: der Dettinger Verkehrsübungsplatz ist für das Pedelec-Training optimal. Polizeihauptmeisterin Carmen Köhler (oben) liegt die Unfallprävention am Herzen. Fotos: Carsten Riedl
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