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Das schönste Ferienerlebnis

So lautete das Aufsatzthema nach den Sommerferien anno 1946. Gisela schilderte darin den herrlichen Ausflug zum Neuffen, den die Dote mit ihr allein gemacht hatte - an ihrem achten Geburtstag. Als Überraschung bereitete Dote dort auf einem Esbit-Kocher echten(!) Bohnenkaffee zu, den Gisela sehr mochte, aber daheim nicht bekam. Leider verpassten sie den einzigen Bus zur Rückfahrt und mussten sich deshalb zu Fuß auf den langen Heimweg machen: vom Neuffen zur Bassgeige, von dort steil hinab nach Beuren, weiter ins Tiefenbachtal und durch den Talwald bis zu den Bürgerseen und der Hahnweide, dann endlich nach Hause. Dote war unterwegs immer schweigsamer geworden, weil eine aufgescheuerte „Ploader“ sie sehr plagte. „Ploader“ heißt auf hochdeutsch sicher Blader, überlegte Gisela und schrieb es so ins Heft. Die Lehrerin war eine Ostpreußin und korrigierte Blader in „Blatter“*. Zu Hause schrieb Gisela die angeordnete Verbesserung. Ihre elf Jahre ältere Schwester kam dazu, las und kommentierte das Geschriebene mit der Feststellung: „Da ist die Lehrerin so blöd wie du!“ Und sie verlangte von der Jüngeren, das richtige Wort „Blase“ zu schreiben. Das geschah nur sehr widerstrebend. Die Lehrerin reagierte am nächsten Tag in der Schule sehr verständnisvoll; sie hatte aber weiterhin Schwierigkeiten mit den Schwabenkindern, wie diese mit ihr. Text: Sabine Wenzel

* Blattern sind Pocken (eine hoch ansteckende, lebensgefährliche Krankheit, die erst um 1980 weltweit als ausgerottet gilt).


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