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Das Wissen muss vom Kopf ins Herz

Jubiläum Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Michaelshof-Ziegelhütte feiert 75-jähriges Bestehen. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben, bleiben viele Grundsätze der Arbeit gleich. Von Thomas Zapp

Oben: Gesamtansicht des Komplexes Michaelshof. Rechts oben ist der Ursprungshof zu erkennen, die Aula ist angebaut. Unten: „Vois
Oben: Gesamtansicht des Komplexes Michaelshof. Rechts oben ist der Ursprungshof zu erkennen, die Aula ist angebaut. Unten: „Vois sur ton chemin“ - Eine Klasse des Michaelshofs spielt und singt das berühmte Lied aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ ohne Playback.Fotos: Carsten Riedl

Es herrscht gute Energie in der Aula des Michaelshofs, dafür sorgt Sängerin, Moderatorin und Musikpädagogin Lena Sutor-Wernich, die am Seminar am Michaelshof tätig ist. Die ausgebildete Sängerin fordert die Gäste der Jubiläumsfeier, darunter Landrat Heinz Eininger und die Bürgermeister Johannes Züfle aus Weilheim und Marcel Musolf aus Bissingen auf, ihre Komfortzone zu verlassen und trotz obligatorischer Maske einen Kanon zu singen. „Siyanibingelela“ ist Zulu und ein afrikanisch-fröhliches „Herzlich willkommen“.

Die mitmachenden Zuhörerinnen und Zuhörer bekommen direkt einen kleinen Eindruck, was die Jugendhilfeeinrichtung am Wald oberhalb von Hepsisau seit 75 Jahren leistet. Für den anthroposophischen Ansatz, traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen neue Perspektiven zu geben, dazu braucht es vielfältige Ansätze, etwa durch Klangtherapie oder Musik, wie zwei Gruppen eindrucksvoll demonstrieren.

Dass sich die positive Energie in Anspannung und Betroffenheit wandelt, liegt an einem Kurzfilm, den Jugendliche der Ziegelhütte Ochsenwang gedreht haben. Die Ziegelhütte unter Leitung von Hendrik van Woudenberg gehört seit 1966 mit ihrem Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene mit Schule, Werkstätten und Wohngruppen dazu. Im Film geht es um Mobbing, Gewalt in der Familie, Erniedrigung in der Schule und um Selbstmord. „Übereinstimmungen mit der Realität sind nicht auszuschließen“ wird lakonisch eingeblendet. Mit einfachen Mitteln gedreht, ist er ein beklemmendes, weil authentisches Zeugnis jugendlichen Leids.

Gründer und Heilpädagoge Albrecht Strohschein war selbst vom Krieg an der Ostfront traumatisiert, als er 1946 in dem Fachwerkhaus an der Hepsisauer Steige eine Möglichkeit gesehen hat, zunächst 15 dann bis zu 100 Kinder aus zerrütteten Familien mit Kriegstraumata und Behinderungen unterzubringen. Dabei war die grausame Zeit der Krankenmorde mit bis zu 216 000 Opfern noch präsent, die Spuren der jüngsten Vergangenheit noch sichtbar: Die SA hatte im Michaelshof dort 1937 ein Kameradschaftshaus eingerichtet, das Besteck trug noch die Gravur. „Die hat Albrecht Strohschein einfach übernommen und zu seinen Initialen gemacht“, erzählt Gastredner Manfred Trautwein vom Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen. „Die Umstände haben sich über die Jahre stark verändert, die Grundimpulse aber sind gleich geblieben“, schreibt Jens Binder-Frisch, Leiter des Michaelshofs, im Vorwort der Festschrift. Es sollen Kinder Aufnahme finden, die „in ihrer seelischen Entwicklung gehemmt sind“.

Landrat Heinz Eininger lobt die „beeindruckende Entwicklung“ der Einrichtung und bringt Zahlen ins Spiel. Auch dem Landkreis Esslingen sei es wichtig, „Schutz und Zuwendung für Kinder in Not“ anzubieten. Dafür wende man jährlich 51 Millionen Euro auf. „Ein Platz in der Heimerziehung kostet monatlich rund 6000 Euro“. Mit dem Umbau des Schullandheims Lichteneck rücken Landkreis und Michaelshof weiter zusammen, mit dem Landkreis als Hauptfinanzier. Es wird dort eine Kita, eine therapeutische Wohngruppe und Angebote für Eltern geben. Die Therapie-WG und das Trainingswohnen für Eltern sollen im Frühjahr 2022 eröffnen, im September 2022 die Kita. „Für eine Schulklasse wird es auch weiterhin einen Platz dort geben“, betont Jens Binder-Frisch.

Für gute Jugendarbeit sind gute Pädagoginnen und Pädagogen unerlässlich, denn Wertschätzung kann man nicht nur lernen. „Das Wissen muss von Kopf ins Herz rutschen“, sagt Seminarleiter Urs Kaiser. Nicht umsonst ist das Motto der Festschrift, entliehen von Ignatius von Antiochia: „Man erzieht durch das, was man sagt. Mehr durch das, was man tut. Am meisten durch das, was man ist.“ Darum gehe es, sagt Urs Kaiser: „Die Jugendlichen müssen erkennen: Man hat mich gesehen.“

„Lassen Sie sich noch mal auf das Singen ein“, sagt Lena Sutor-Wernich am Ende des Festakts. Gemessen am spürbar gestiegenen Energielevel lässt sich sagen: Die Gäste haben ein Prinzip der Arbeit im Michaelshof-Ziegelhütte selbst erlebt.

Oben: Gesamtansicht des Komplexes Michaelshof. Rechts oben ist der Ursprungshof zu erkennen, die Aula ist angebaut. Unten: „Vois
Oben: Gesamtansicht des Komplexes Michaelshof. Rechts oben ist der Ursprungshof zu erkennen, die Aula ist angebaut. Unten: „Vois sur ton chemin“ - Eine Klasse des Michaelshofs spielt und singt das berühmte Lied aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ ohne Playback.Fotos: Carsten Riedl

180 Menschen in der Ausbildung

Gegründet wurde der Michaelshof 1946 von Albrecht Strohschein nach Prinzipien der anthroposophischen Pädagogik. Leitbild ist das von Rudolf Steiner entworfene Menschenbild, das Individuum als auch Teil der Gemeinschaft ist. Für eine wirksame Pädagogik muss die Einzigartigkeit jedes Kindes berücksichtigt werden.

Heute gehören vier Teilbereiche zum Komplex Michaelshof-Ziegelhütte mit 185 Mitarbeitern: Michaelshof und Ziegelhütte mit Wohngruppen sowie der Schulbereich für beide Einrichtungen mit Förder-, Haupt- und Werkrealschule. Vierter Teil ist das Seminar am Michaelshof für die Ausbildung der Jugend- und Heimerzieher.

90 Kinder und Jugendliche und deren Familien leben und lernen dort in unterschiedlichen Wohnformen, darunter Schülerinnen und Schüler im SBBZ auf neun Klassenstufen. 180 Menschen machen die Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin, 20 Familien befinden sich in intensiver ambulanter Betreuung.zap

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