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Dem Roller trauert er heute noch nach

Geschichte 2021 jährt sich die Vertreibung der Deutschen aus dem tschechischen Sudetenland zum 75. Mal. Nachfahren möchten die Erinnerung daran wachhalten, auch weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. Von Barbara Gosson

Der Wendlinger Günter Wolf und seine Frau Ursula: Als Sechsjähriger wurde er mit seiner Mutter aus Heinrichsgrün in Westböhmen v
Der Wendlinger Günter Wolf und seine Frau Ursula: Als Sechsjähriger wurde er mit seiner Mutter aus Heinrichsgrün in Westböhmen vertrieben.

Als der Krieg verloren war, ahnten viele Deutsche, dass es ihnen nicht gut ergehen würde. Zu viele hatten erlebt und mitbekommen, wie sich die Deutschen als Sieger den Besiegten gegenüber verhalten hatten. Nun waren sie selbst die Besiegten. Im Jahr 1946 billigte die provisorische tschechoslowakische Nationalversammlung eine Reihe von Dekreten, die als Benesch-Dekrete bekannt wurden. Jeder sollte nur 25 Kilo Gepäck pro Person, Essen für acht Tage und seine Wertgegenstände mit genauer Auflistung mitnehmen und sich an einem Sammlungspunkt einfinden. Günter Wolf war damals fünf Jahre alt. Der Wendlinger erinnert sich noch daran, dass alles Wichtige, was die Familie hatte, in einer Kiste verstaut wurde. Trotz Androhung der Todesstrafe versteckten die Menschen ihre Wertgegenstände in doppelten Böden, wie Wolf berichtet. Er ist noch Zeitzeuge, auch wenn er sagt, dass die Kinder die Situation damals anders wahrgenommen haben als die Erwachsenen.

Helmut Freitag aus Hardt kam 1947 als Kind von Vertriebenen aus Jägerndorf im schlesischen Teil des Sudetenlandes zur Welt. Ihn interessiert die Geschichte seiner Eltern und er hofft, dass er sie den nachfolgenden Generationen vermitteln kann: „Die Vertriebenen trugen die größte Last des verlorenen Krieges, ihr Schicksal darf nicht vergessen werden“, sagt er.

Zusammen mit seiner Frau Monika hat er vieles zur Geschichte der Sudetendeutschen zusammengetragen und auch selbst aufgeschrieben, was er aus den spärlichen Erzählungen erfahren hat. Wie erst die sowjetische Rote Armee, dann die Tschechoslowaken kamen. Er beschreibt es als „Tage des Grauens“, ohne ins Detail zu gehen. Denn in der Familie wurde über vieles lieber geschwiegen. Andere haben ihre Erinnerungen aufgeschrieben und in den Heimatzeitungen veröffentlicht. Mit diesen Zeitungen hielten die über das ganze Bundesgebiet verstreuten Landsleute den Kontakt.

Die Erzählungen tausender Einzelschicksale ähneln sich. Die einen flohen Hals über Kopf vor den anrückenden Armeen oder wurden von diesen vertrieben. Andere wurden an die Sammelpunkte bestellt. In Viehwaggons stehend ging es dann nach Westen. Freitags Eltern und weitere Verwandte kamen zuerst in ein Auffanglager in Malmsheim, dann nach Künzelsau, am 15. August 1946 nach Schöntal-Aschhausen. Seit 1956 lebt Helmut Freitag in Hardt und hat dort an der Entstehung des Heimatbuches zum Ortsjubiläum 650 Jahre Hardt mitgewirkt. Geschichte ist also sein Steckenpferd. „Die Geschichte der Vertreibung wurde aufgeschrieben in dem Glauben, dass nur die Wahrheit weiterhelfen kann und dass Gerechtigkeit unteilbar ist“, sagt Freitag.

Eine Geschichte von „Heimat verloren, Heimat gefunden“, wie es auf einem Gedenkstein in Neckartailfingen steht, kann auch Günter Wolf berichten. Er lebt seit 1959 in Wendlingen und war lange Zeit Kassier der Egerländer Gmoi. Der Briefmarkenfreund kümmerte sich auch immer um die Sonderstempel zum Vinzenzifest. Bis die Post diesen Service nicht mehr anbot, verschickte er die gestempelten Briefe an Egerländer in aller Welt. Wolfs Familie stammt ursprünglich aus Heinrichsgrün in der Nähe von Karlsbad. Der Vater war im Krieg, die Mutter floh im April 1946 mit besagter Kiste und ihrem einzigen Kind. Günter Wolf erinnert sich noch daran, dass ihm das Schlimmste war, dass er seinen Roller stehen lassen musste. Für die Mutter war viel schlimmer, dass die einzige Kuh fortgenommen und geschlachtet wurde. Sie war eine der letzten der Familie, die den Ort verließ. Haben die Wolfs noch etwas aus dieser Kiste? Ein paar Krippenfiguren aus dem Erzgebirge, etwas gutes Geschirr, Bettwäsche und Bleikristallgläser sind noch im Familienbesitz.

Erste Station der Familie war Tailfingen bei Ulm, wo Günter Wolf in die Schule kam. Eines Tages erfuhr die Mutter, vielleicht erst 1947, dass ihr Mann in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft ein Schiff beladen hatte und dabei abgerutscht war. Er ertrank an Heiligabend 1945 in der Save. Günter Wolf, der später Maschinenschlosser lernte und die Ingenieursschule in Esslingen besuchte, erinnert sich noch, wie sie tränenüberströmt nach Hause kam.

Die vielen Differenzen, die es zwischen den Vertriebenen und den Einheimischen gab, sind inzwischen vergessen. Das mag auch daran liegen, dass die Egerländer den Wendlingern ihr heute liebs­tes Fest mitgebracht haben: das Vinzenzifest, das am vergangenen Sonntag endlich wieder gefeiert werden konnte.

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