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Der „BunteHund“ braucht ein Dach

Immobilien Der Name ist Programm: Ein bunt gewürfelter „Haufen“ von aufgeschlossenen Menschen will sein Leben in einer WG nachhaltig und sozial gestalten. Ein geeignetes Objekt wird dringend gesucht. Von Iris Häfner

WG sucht viele Zimmer
WG sucht viele Zimmer

Der Startschuss für die ­„Villa BunterHund“ ist ­gefallen. Dahinter verbirgt sich ein generationsübergreifendes Wohnprojekt, das Jens Nissen initiiert hat. Der 26-Jährige studiert an der Uni Ulm und hat beste Erfahrungen in einer großen Studenten-WG mit 16 Personen sammeln können. Demnächst ist das Studium beendet, die Promotion steht an. In Nabern kann er an den Brennstoffzellen forschen, weshalb für ihn ein Umzug außer Frage steht. Bewusst hat er sich für diese nachhaltige Technologie entschieden - und deshalb soll seine künftige Wohnform dieses Kriterium ebenfalls erfüllen. Ganz wichtig dabei: Gemeinschaft. Dieses Wort fällt unzählige Male bei der Zoom-Konferenz, zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch, an dem auch Max Blon aus Kirchheim teilnimmt.

„Suche Mitbewohner (d, w, m) für alternatives Wohnprojekt, Region Kirchheim/Teck. Für meine zukünftige Wohnsituation wünsche ich mir von Herzen, in einem weltoffenen, akzeptanten Umfeld zu leben, eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig respektiert, wertschätzt, unterstützt, vertraut und aneinander wächst“, schreibt Jens Nissen im Internet auf der Seite von „Alternatives Wohnen in Esslingen“, und damit unter deren Dach. Rund 20 ernsthafte Interessenten haben sich bislang gemeldet, acht konnten bei einer Videokonferenz teilnehmen. Einer davon war Max Blon. „Ich bin auf die Anzeige gestoßen und dachte: eine interessante und spannende Sache“, sagt der Kirchheimer Grünen-Stadtrat.

„Wir haben uns untereinander vertraut gemacht“, beschreibt Jens Nissen dieses erste Zusammentreffen. Schnell haben sich gemeinsame Interessen gezeigt, trotzdem alle verschieden sind. „Wir sind guter Dinge. Von den Personen passen wir gut zusammen“, ist sich der 26-Jährige sicher. Vielfältigkeit, Akzeptanz und weitere, ihnen wichtige soziale Grundwerte einen sie. Das Altersspektrum liegt zwischen 25 und 68 Jahren, auch eine alleinerziehende Mutter ist darunter. Beruflich ist die künftige WG breit aufgestellt, beispielsweise mit Heilpraktiker, Therapeut, Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten und Biomarkt-Mitarbeiter. „Viele kommen von der sozialen Schiene“, sagt Jens Nissen. Jeder wurde beim virtuellen Kennenlernen gehört, alle brachten sich ein. Der Wunsch wurde laut, sich mal persönlich zu treffen. „Das wird im Sommer wohl möglich sein“, hoffen alle Beteiligten. Bis dahin wollen sie sich alle zwei Wochen per Videokonferenz zusammenschließen, um sich besser kennenzulernen. „Da zeigt sich der Vorteil der digitalen Welt. Ohne lange Anfahrtswege und Aufwand kann man sich vom Schreibtisch oder von der Couch aus treffen“, sagt Max Blon.

Der nächste, große Schritt ist die Immobiliensuche. „Das ist keine triviale Aufgabe“, sind sich alle bewusst. Sie wollen Flyer in Kirchheim und Umgebung verteilen und aushängen. Gesucht wird Wohnraum zur Miete, der Platz für sechs bis zehn oder auch mehr Personen bietet, beispielsweise ein größeres Einfamilienhaus oder mehrere Wohnungen eines Mehrfamilienhauses. Dass das nahezu an Utopie grenzt, darüber sind sich die künftigen WG-Bewohner im Klaren - aber man kann ja mal über die Wunschvorstellungen sprechen. Auch ein Bauernhaus ist denkbar. „Wenn dann noch ein Garten dabei ist, wäre das optimal. Wir wollen gerne auch nach außen gehen, die Nachbarn und andere Menschen ansprechen.

Keine Zweck-Idee

Das ist keine reine Zweck-WG. Gemeinsam wohnen und die soziale Ebene miteinander gestalten - dieser Wunsch eint uns alle“, erklärt Max Blon. Das können gemeinsame Freizeitaktiviäten sein, aber auch Angebote an Außenstehende. Erste konkrete Ideen gibt es schon. Ein Mitglied möchte zum Beispiel Kinderbetreuung anbieten, ein anderes kunsthandwerkliche Kurse - oder kostenlose Therapie für Menschen, die sich das finanziell nicht leisten können. Die neu gegründete Gruppe versteht sich nicht als geschlossene Gemeinschaft. „Je mehr es Interessenten gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass im Haus etwas entsteht“, sagt Jens Nissen.

„Jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht“

In der Ulmer WG von Jens Nissen wird alles gemeinsam organisiert, vieles läuft über die Whatsapp-Gruppe. Ist die Wasch­maschine kaputt, wird das sofort kommuniziert, und die technisch Versierten kümmern sich zeitnah um das Problem. Kleine Reparaturen machen sie selbst, ist das Gerät jedoch am Ende, wird ein neues über die Gemeinschaftskasse finanziert. „Wer will, kümmert sich darum. Das läuft alles auf freiwilliger Basis. Pflichten werden bei uns wenig bestimmt“, erzählt der 26-Jährige. Schließlich hätten sie alle eine gemeinsame Vorstellung über ihre Wohnform. „Wir wollen nachhaltig und rücksichtsvoll die Zukunft gestalten, wir sind eine liebevolle Gemeinschaft. Viele haben die Idee: Ein Klo, das nur zweimal am Tag genutzt wird, ist nicht ausgelastet - und die Küche in einem Ein- oder Zwei-Personen-Haushalt steht lange Zeit des Tages ungenutzt herum“, sagt der 26-Jährige.

Persönlich sieht Jens Nissen einen tiefen Sinn darin, Ressourcen in einer Gemeinschaft zu teilen - nicht nur Materielles wie Kochgeschirr, Nahrungsmittel, Räume und Fahrzeuge. „Als wirklich große Chancen empfinde ich soziale, psychische und physische Unterstützung, zum Beispiel in Form von Konzepten wie gemeinsamen Haustieren, Co-Parenting, generationsübergreifendem betreutem Wohnen, Diskussions- und Selbsthilfegruppen oder einfach über den Urlaub die Pflanzen eines anderen zu gießen. Komplett freiwillig und nach dem Motto: ,Jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht‘“, so die Vorstellung von Jens Nissen. ih

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